Der Verf. hat sich auf 150 S. die Psychoanalyse des Neuen Testaments zur Aufgabe gemacht - ein hohes Ziel, an der er als Philosophieprofessor wohl nur hatte scheitern können. Seine Thesen: die Jünger und Jüngerinnen Jesu haben dessen Auferstehung halluziniert, weil sie durch den Kreuzestod Jesu traumatisiert waren und sich wegen ihrer Feigheit schuldig fühlten. Die gleiche Begründung findet der Verf. auch für das Wirken Jesu: dieser sei zunächst Lieblingsjünger des Johannes des Täufers gewesen, dann aber von ihm in die Wüste verstoßen worden (warum bleibt offen). Derart traumatisiert habe Jesus das Kommen des Reiches Gottes ersehnt und es in seinem Auftreten zu beschwören versucht, um dadurch entsühnt zu werden. Seine Kindlichkeit sei "eine durch keine äußere Realität zu löschende Glut" gewesen (144).
So originell diese Thesen klingen mögen, so wenig plausibel kann der Verf. sie begründen. Denn sein psychoanalytisches Wissen erstreckt sich auf die Kenntnis latenter Trauminhalte und auf den Mechanismus der Umkehrung, den er ausschließ-lich anwendet. Entsprechend werden die von ihm entdeckten "versprengten und verdrehten Versatzstücke" in den Evangelien dadurch plausibel, dass er sie "nur umgekehrt" liest (149). Wenn er sich auf Freud beruft (zitiert nur nach der Studienausgabe), dann mit Herablassung: Freud habe die Reichweite seiner "tiefsten Einsicht" (in den Primärvorgang) "gründlich unterschätzt" (23 f.). Leider zeichnet sich das Buch auch sonst durch überhebliche Äußerungen und abwertende Unterstellungen aus, so z. B. über Paulus: "Genau das war für den Zeloten Paulus die krumme Tour: ein Privileg nehmen, ohne das Äquivalent dafür zu geben" (54, vgl. auch 65, 70, 86, 95, 115, 128, 136). Das theologische Wissen des Autors zeigt sich in seinen wenigen veralteten Zitaten, die von den Hinweisen auf eigene Werke zahlenmäßig übertroffen werden.