Jessica, 30, hat eine hervorragende Ausbildung, bekommt aber als Journalistin keinen Fuss auf den Boden. Bei ihren Freundinnen, von denen sie sich mittlerweile ziemlich entfremdet hat, vermutet sie dunkle Seiten und Abgründe, die sie faszinieren, während sie sich selber als hell und flach sieht, langweilig eben. Thema ihrer journalistischen Tätigkeit für ein Frauenmagazin sind mitunter sexuelle Verirrungen, die sie abstossen und reizen zugleich. Was, wenn sie etwas mit ihrem Vater hätte? Was, wenn sie sich von ihrem Liebhaber ans Bett fesseln liesse? Ihr Liebhaber ist ein Politiker, ein Staatssekretär. Auch hier ist Jessica gespalten - die Aura der männlichen Macht zieht sie an und fordert sie, die über feministische Theorie promoviert hat, gleichzeitig heraus. Als sie von angeblichen sadistischen sexuellen Handlungen ihres Staatssekretärs mit einer früheren Geliebten erfährt, spielt sie mit dem Gedanken, ihn hochgehen zu lassen und dadurch gleichzeitig die Regierung zu Fall zu bringen. Schliesslich kommt es zu einem Übergriff des Politikers auch auf ihre sexuelle Integrität, und sie beschliesst, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Dies in dürren Worten die Handlung dieses aussergewöhnlichen Romans, den man in dieser Form zusammenfassen kann, ohne dem Leseerlebnis viel vorweg zu nehmen. Geschrieben im Stil des „Stream of Consciousness", unterbrochen nur von einigen Dialogen, führt der Roman den Leser durch seinen enormen Assoziationsreichtum in diverse Zeit- und Handlungsebenen, ohne dass jemals ein Gefühl der Verwirrung aufkommen würde. Im Gegenteil, die drei Kapitel werden zeitgleich mit einer Flugreise, einer Szene in Jessicas Apartment und einem Jogginglauf erzählt, in atemlosem Tempo, nicht ohne Punkt und Komma, aber ohne Punkt. Nur drei Punkte, am Schluss eines jeden Kapitels. Was geringeren Federn zur experimentellen formalen Masche geraten würde, hat bei Marlene Streeruwitz den gegenteiligen Effekt: man erkennt diese Erzählweise als die einzig angemessene; eine kohärentere Darstellungsform ist nicht vorstellbar.
Den Raum ihres Bewusstseins öffnet Jessica nur uns Lesern, nie aber ihren Mitmenschen. Dies aus Scheu, die schützende Hülle des Bewusstseins - sie wirkt wie ein Kokon - könnte sonst verletzt werden, was unabsehbare Folgen hätte. Im zweiten Kapitel des Romans gibt es eine dialogreiche Passage, und exakt in dieser Passage des - wenn auch beschränkten - Austauschs, findet der Übergriff auf die Integrität Jessicas statt. Sexualität ist ein zentrales Thema des Romans, und es stimmt nachdenklich, vorgeführt zu bekommen, wie unterschiedlich die Auffassungen von Männern und Frauen davon sind, was Sexualität ist oder sein soll. Sexualität erscheint als belastend für eine Beziehung; positiv erscheint einzig der Nutzwert der psychologischen Aspekte der partnerschaftlichen Sexualität als Inspirationsquelle für die Autoerotik.
Ich mag nicht beurteilen, ob es sich bei Jessica lediglich um eine psychologisch brillant gezeichnete literarische Kunstfigur handelt, oder ob die Zurückhaltung Jessicas, sobald es um persönliche, intime Dinge geht, exemplarisch ist für die Ausdrucksformen alleinstehender Grossstadtbewohnerinnen ihres Alters. Diese Frage sollen die Frauen dieser Generation selber beantworten.
Beurteilen kann ich aber, dass dieser Roman absolut bemerkenswert ist!