Was für ein Buch - ein gewaltiges, ein mitreißendes, ein geradezu überwältigendes Epos, das Meisterwerk von Schwedens wohl größter Schriftstellerin. Eine Hymne auf das schwedische Bauerntum, ein Roman über die Macht der Tradition, über die Veränderungen, die über die Menschen hereinbrechen, eine Geschichte von den Wegen und Irrwegen des Glaubens und vor allem: Das hohe Lied der Liebe und der Arbeit.
Worum geht es? In einer Gemeinde in der schwedischen Landschaft Dalarna lebt seit Jahrhunderten das Geschlecht der Ingmarssöhne, die den größten, vornehmsten und ältesten Hof bewirtschaften, nämlich den Ingmarshof. Doch plötzlich zeichnet sich eine beklemmende Veränderung der althergebrachten Ordnung im Dorf ab. Es entsteht eine religiöse Erweckensbewegung, der der gutmütige, aber hilflose Pfarrer der lutherischen Staatskirche nichts entgegenzusetzen hat. Die religiöse Begeisterung erfasst immer mehr Menschen und führt schließlich zu dem Wunsch, nach Jerusalem auszuwandern und sich dort einer amerikanischen Sekte anzuschließen. Auch die derzeitige Besitzerin des Ingmarshof, Karin Ingmarsdotter, will sich anschließen und lässt deshalb den Ingmarshof versteigern, um Geld für die Reise zu haben. Dadurch aber wird ihr jüngerer Bruder Ingmar Ingmarsson, der eigentlich den Hof übernehmen soll, um seine Zukunft gebracht. Für ihn gibt es nur einen Ausweg: Wenn er Barbro Svensdotter, die Tochter desjenigen, der den Hof ersteigert hat, heiratet, kann er den Hof doch noch bekommen. Dafür müsste er aber seine Verlobte Gertrud Storm im Stich lassen...
Für mich persönlich - und ich gebe hier eine ganz und gar persönliche Würdigung ab - ist "Jerusalem" nicht nur das größte Werk Selma Lagerlöfs, sondern ein Buch, das mich mich tiefer und nachhaltiger begeistert hat als jedes andere, der für mich grandioseste Roman aller Zeiten. Ein Buch, das magisch in den Bann schlägt, das verzaubert, das beschwört, das saust und braust, das singt und klingt...
Der schwedische Schriftsteller Sven Delblanc nannte Selma Lagerlöf einen Atavismus. In der Tat könnte der gedämpfte, lakonische, beschwörende, an die isländische Saga gemahnende Erzählton - der sich radikal von dem exaltiert-überschwänglichen Stil, in dem "Gösta Berling" geschrieben ist, unterscheidet - den Eindruck erwecken, Selma Lagerlöf schreibe naiv, unbewusst, in einer uralten Tradition mündlichen Erzählens stehend. Doch das täuscht. Der spezifische Tonfall ist Stilmittel, mit welchem sie ihrer psychologischen Raffinesse und ihren literarischen Fertigkeiten den angemessenen Rahmen verschafft. Ihre Episodentechnik, also die Technik, ein großes literarisches Werk aus einzelnen, in sich abgeschlossenen Erzählungen zusammenzusetzen, ist hier zur Meisterschaft getrieben.
Und wie jede große Literatur ist das Buch wahrhaft zeitlos. Nicht nur das Phänomen des religiösen Fanatismus, den Selma Lagerlöf ambivalent schildert, ohne klar Stellung zu beziehen, ist spätestens seit dem 11. September 2001 erschreckend aktuell. Das große Thema des Buchs, die Auswanderung und der Abschied ins Unbekannte, weist nicht nur zurück auf Vergils Äneis und voraus auf Vilhelm Mobergs große Romanserie über die schwedische Auswanderung nach Amerika, sondern behandelt eine existentielle Situation, die in den unterschiedlichsten Ausprägungen jeder Mensch kennt. Dabei ist das Buch spezifisch schwedisch. Man lasse sich nicht täuschen durch den Titel und den Umstand, dass der Roman teilweise in Jerusalem spielt. Noch in der heißen Trockenheit Palästinas, geplagt vom Durst, hören die schwedischen Auswanderer in ihrer Fantasie den heimatlichen Dalälv rauschen. Und wenn Ingmar Ingmarsson, zu Besuch in Jerusalam bei seiner verlassenen Geliebten Gertrud Storm, die beschäftigungslose und daher dem Untergang geweihte schwedisch-amerikanische Kolonie nach dem Muster der schwedischen Heimatgemeinde umorganisiert und jedem Arbeit gibt - und dadurch die Voraussetzung für eine glückliche Ehe mit Barbro schafft - dann erklingt noch einmal, wie am Schluss von Gösta Berling, das siegreiche Lied von der Arbeit und von der Liebe.
Man muss das lesen, es treibt einem geradezu die Tränen in die Augen. Dabei sollte man gar nicht meinen, dass ein so makelloses literarisches Werk auf wirklichen Ereignissen beruht. Und doch ist das so. Die Auswanderung schwedischer Bauern, die von einer religiösen Erweckung ergriffen worden sind, nach Jerusalem hat es wirklich gegeben. Selma Lagerlöf hat bei der Arbeit an dem Buch die Schweden in Jerusalem besucht und mit ihnen gesprochen. Selbst das Einleitungskapitel, die Geschichte von Ingmar Ingmarsson (des Vaters der männlichen Hauptperson gleichen Namens), der seine Verlobte in Falun nach der Entlassung aus dem Gefängnis abholt, obwohl diese das gemeinsame Kind getötet hat, beruht auf eine Zeitungsnotiz, die Selma Lagerlöf gelesen hatte.
Im einem Wort: Ein Buch, dessen Lektüre ein elementares Ereignis ist.