Wer glaubt, der aktuelle Jerry-Cotton-Film mit Christian Tramitz in der Titelrolle wäre der erste seiner Art, der irrt - bereits zwischen 1965 und 1969 produzierte die deutsche Constantin-Film 8 Jerry-Cotton-Filme. In den Hauptrollen sah man durchgängig George Nader - für Fans bis heute die Symbolfigur und ideale Verkörperung des Jerry Cotton - und Heinz Weiss als sein treuer Partner Phil Decker. Was diese Filme - abseits ihrer eigenen Qualitäten in Punkto Tempo machender Action, Unterhaltungswert und einer großen Garde von exzellenten Akteuren, Handwerkern und Technikern vor und hinter den Kameras - heute noch rasant, schnell und chic erscheinen lässt, liegt an ihrer Musik; komponiert vom musikalischen Chamäleon der deutschen Filmmusikszene: Peter Thomas. Er verpasste diesen 8 Filmen seinen/ihren unverwechselbaren Sound.
Thomas, der neben der Kultserie "Raumpatrouille" (deren Score ebenfalls jüngst als definitive Edition wiederveröffentlicht wurde:
Raumpatrouille Orion (Reissue + Bonustracks) und unzählbaren Filmen und Serien, 18 der beliebten Edgar-Wallace-Filme im Alleingang vertont hat, ersann für die Cotton-Filme einen facettenreichen, richtig 'fetten' Sound, der auch heute noch begeistert. Zunächst einmal ist Jazz der Grundstein, auf dem alles aufbaut: klassische Rhythmusgruppe (E- oder Akustik-Bass, Schlagzeug, Klavier/Hammondorgel, Gitarre) plus eine aus Posaunen, Saxophonen, Flöten und Trompeten bestehende Bläsersektion, mit der "Peter Thomas ballern konnte" - wie der Maestro selbst es ausdrückt. Partiell dazu, je nach Bedarf und Budget, Strings für die melancholischen Momente der Filme. Darüber gelegt sind ausgeflippte Soli sowie sound- und Klangeffekte der besonderen (Ton-)Art. On Top of that Vokalisten, die kein Problem damit haben, auch mal ohne Text zu singen - Scat ist angesagt und hip. Dass alles vermengt zu einem Musikcocktail, der alles wegfegt was nicht niet- und nagelfest ist. Peter Thomas kreierte für die Cotton-Filme den wohl powervollsten Kraft- und Crimejazz, den deutsche Kinos je erlebt haben. Neben soviel Groove bleibt natürlich auch Zeit für stimmungsvolles Jazzy Listening im Zuge vieler Bar- und Nachtclubsequenzen, die diese Filme boten - Lounge galore.
Nachdem alles bisherigen CD-Reissues, die sich mit Thomas' Cotton-Soundtracks befassten, mittlerweile nur noch zu Sammlerpreisen erhältlich sind, gibt es die Quintessenz dieser Scores jetzt endlich wieder auf CD. Mit dabei natürlich Klassiker der Filme wie das bpm-geladene "Caught At Midnight", der mit Chuzpe und Witz interpretierte, wagnerianisch angedachte "Jerry Cotton Marsch" ('DIE' Erkennungsmelodie des Groschenheft-Helden, die es in upgedateter Form auch in den neuen Kinofilm geschafft hat), powerjazzige Meisterwerke wie "Jerry 67", "Big Troubles", "Take It Jerry" oder "Always Jerry", das melancholische "My Friend Phil" und der rockige "Cotton Beat". Vokaltitel wie das witzige "Superman" und der romantische "Two Voices Blues" sind ebenfalls vertreten, zusätzlich natürlich auch luftig lockere Source-Musiken wie "Cristallo Cristallo", "Charming Jerry" und "Brooklyn By Night" - Titel, die jedem Barmusik-Sampler zur Ehre gereichen würden.
Anstatt jedoch einfach noch mal für Fans bereits Bekanntes nur zu recyceln, stiegen die Kompilatoren dieser CD hinab in die Archive und förderten Erstaunliches zu Tage, um hiermit endlich eine 'Definitive Edition' vorzulegen. Zuzüglich zu den bereits erhältlichen 20 Titeln, finden sich hier 2 Tracks, die nur auf einer längst vergriffenen Sampler-LP aus den 80er Jahren zu finden waren: "Jaguar Beat" ist psychedelischer Slow-Jazz mit Elektronik im Hintergrund, "In Soho" in wilder Groovebeat wider Tristesse und Langeweile.
Ganz besonders für Kenner ist jedoch die erstmalige Veröffentlichung von 6 bisher nicht greifbaren Cues, die unbedingt zu empfehlen sind: eine alternative Version des Themas "French Girl In Manhattan", der sympathische "Red Robin Bossa" (der geschickt die Hammondorgel mit Vibraphon, Posaune und Bläsersatz verknüpft), die heiß begehrte Original-Filmversion des Vokaltitels "Love Is Swinging In The Air", der mit Streichern unterlegte Slow-Waltz für Solosaxophon und Klavier "Skyline Temptation" und der gesungene Klassiker "Ask Me Later, Alligator". Abgerundet wird das 60-Minütige Hörvergnügen durch die vor Power nur so strotzende Cotton-Thema-Abstraktion "Goodbye, Jerry!" - analog zum Filmbezug handelt es sich natürlich um eine originale Schlußmusik.
Beigefügt ist dieser CD - die u.a einige Editierungsfehler früherer Veröffentlichungen ausbügelt und die Tracks auch endlich den jeweiligen Filmen, in denen sie gespielt wurden, zugeordnet präsentiert - ein komplett in Farbe vorliegendes Booklet, das neben zahlreichen großformatigen Szenenfotos aus den Filmen auch informative Texte von Musik-Spezialist Douglas Payne und Peter-Thomas-Biograph Gerd Naumann enthält, die interessante Infos zur Herstellung und Wirkungsweise der Filme und des charakteristischen Cotton-Sounds enthalten.
Wer unter den Filmmusikliebhabern und -kenner also bisher alles zum Thema "Peter Thomas & seine Cotton-Soundtracks" zu haben glaubte, kann und muss hier zugreifen. Jeder, der Filmmusik-stiltechnisch etwas auf sich halten und sein CD-Regal mal eben musikalisch wie optisch aufwerten will, kann und muss hier zugreifen ... und allen, denen nach dem Ansehen des aktuellen Cotton-Kinofilmes das signifikante "Jerry-Cotton-Thema" nicht mehr aus dem Kopf geht, sei diese CD hier mehr als empfohlen.
JERRY COTTON REALLY NEVER SOUNDED BETTER --- NOBODY DOES IT BETTER ... THAN PETER THOMAS!!!