Seine Stars heißen Julia Hummer, Benno Fürmann und Nina Hoss. Und jedesmal verkörpern sie spröde, einsilbige Figuren, hinter deren zugeklappten Visieren man die Seelenabgründe nur erraten kann. Mit denselben Schauspielern erzählt Christian Petzold im Prinzip auch immer dieselbe Geschichte: Verletzliche Seelen in zerbrechlichen Körpern geraten in eine Konfliktsituation, die sie zu zerreißen droht, und reden dabei selbst dann nicht mehr als unbedingt nötig, wenn sie gefragt werden. Mit dieser, man kann schon sagen, Masche einen ergreifenden Film nach dem anderen abliefern zu können, ohne dass dem Zuschauer langweilig wird, das grenzt ohne Frage an Genialität. Petzolds Erfolgsrezept ist so einfach wie wirkungsvoll: Er beschränkt sich auf ein Minimum an Figuren, verbindet diese durch ein alle betreffendes Verhängnis wie die Nemesis in
Die innere Sicherheit und
Yella oder eine fatale Begierde wie in
Wolfsburg und "Jerichow". Kurzum, Petzold hat bei der griechischen Tragödie gelernt, worin Tragik besteht, nämlich darin, immer das Falsche zu tun, auch wenn es richtig aussieht; darin, dass ihre Helden menschlich handeln und gerade darin ihr Scheitern begründet liegt. Wie schon in
Wolfsburg, demjenigen Petzold-Film, dem "Jerichow" am nächsten kommt, sind Leidenschaft und Anziehung Auslöser eines menschlichen Dramas ohne Aussicht auf einen glücklichen Ausgang. Damals war Benno Fürmann der Autofahrer, der sich in die Mutter des Kindes verliebt, das er überfahren hat. Hier verliebt er sich in die Frau des Mannes, der ihm aus dem größten Schlamassel herausgeholfen hat.
In der Rolle des unehrenhaft entlassenen Soldaten Thomas ist Fürmann in das Haus seiner verstorbenen Mutter am Rande der öden ostdeutschen Landgemeinde Jerichow (übrigens auch Schauplatz bei
Uwe Johnson) eingezogen, hoch verschuldet, arbeits- und mittellos. Ali Özkan, ein türkischer Imbissbuden-Unternehmer,der mitunter etwas zu tief ins Glas schaut, verschafft ihm eine solide Arbeit als Fahrer, nachdem er selbst seinen Führerschein abgeben musste. Alis Frau Laura (Nina Hoss), die Ali ebenfalls aus einer Notsituation gerettet hat, ist mit ihrem Mann nicht glücklich und es ist nicht schwer vorherzusehen, dass zwischen Thomas und Laura bald das verzehrende Feuer der Leidenschaft entflammt ist. Petzold lässt sie daher auch nicht in Form eines psychologisch schlüssigen Reifungsprozesses über seine Helden kommen, sondern wie einen Blitz vom Himmel fallen. Ali steht dem vermeintlichen Liebesglück im Wege. Laura und Thomas beschließen ihn umzubringen und plötzlich befindet man sich in einem beklemmenden Existenzdrama wie aus den besseren Tagen Claude Chabrols. Wie dieser nutzt Petzold die Kunst des Verschweigens, um auf subtile Weise Spannung zu erzeugen.
Vor einer schlichten Kulisse, mit wenig Aufwand und einem Minimum an Figuren und Dialogen ist es Petzold erneut gelungen, ein klassisches Drama zu inszenieren, dessen Stärke gerade in der spartanischen Beschränkung auf das Wesentliche besteht. Auch seine Schauplätze haben etwas von griechischer Theaterkulisse: Fast schon fahrlässig ist Petzolds Missachtung von Continuity-Regeln. Bereits in
Die innere Sicherheit fiel auf, dass der Filmemacher sich nicht die Bohne um Jahreszeiten kümmert, die sich bei einem Dreh in Deutschland nun mal immer an der Natur ablesen lassen. Im Grunde beansprucht der Regisseur die Einheit von Ort, Zeit und Handlung, nur dass das Medium Film die nicht zulässt. So kommt es zu dem Kuriosum einer Gurkenernte im April - oder einem aberwitzigen Zeitsprung. Gleichwohl ist der Schauplatz, wie schon in "Yella", keineswegs austauschbar. Es geht Petzold ja ganz bewusst um ostdeutsche Zustände und Befindlichkeiten, auch äußerer Art. Fazit: "Jerichow" ist Provinz-Porträt, antike Tragödie und Chabrol-Krimi in einem. Mit minimalem Aufwand die maximale Wirkung zu erzielen, das schafft im deutschen Film im Moment nur Christian Petzold.
Für Freunde von
Die untreue Frau und
Wolfsburg.