Die Endzeitserie die Hermann nicht nur gezeichnet, sondern für die er auch die Plots erdacht und getextet hat, erscheint in einer Reihe von Sammelausgaben die jeweils drei Originalalben enthalten. Erstmals 1978 in ZACK erschienen (dort als David Walker) gilt die Reihe, von der bislang mehr als dreißig Alben erschienen sind, als einer der Klassiker des belgischen Zeichners.
Zunächst mal zur Aufmachung des Bandes: Solider, fester Hochglanzeinband mit dem Cover der französischen Integral Ausgabe, die allerdings jeweils 4 Alben umfassen. Das verwendete Papier ist zum Glück schön matt, so das die Farben den passenden, nicht zu grellen Ton haben der alte Comicalben auszeichnet. Der Druck ist erstklassig, alle Zeichnungen und Farben sind sauber und ein echter Augenschmaus.
Ein 5 seitiger redaktioneller Teil informiert über die Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte der Serie und Hermanns Beweggründe für die Serie. Außerdem sind im vorliegenden Band den einzelnen Alben jeweils Erläuterungen vorangestellt, die Kommentare von Hermann zu verschiedenen Aspekten der Alben enthalten.
Zeichnerisch knüpft Hermann nahtlos an seine letzten Comanche / Andy Morgan Zeichnungen an. Das Szenario, in den USA spielend, hat viel Westernatmosphäre, Comanche Liebhaber wissen was sie hier erwarten dürfen.
Über Hermanns Stil jener Tage muss nicht viel gesagt werden: realistisch und dennoch künstlerisch. Seine Figuren sind aus dem Leben gegriffen, keine Models, die alle irgendwie gleich aussehen sondern echte Menschen mit Doppelkinn, dick, dünn, hübsch, hässlich, durchschnittlich: alles dabei. Mimik und Körpersprache seiner Figuren unterstützen die Erzählung. Seitenaufteilung, Blickwinkel, Bildausschnitte und Panelgrößen, stimmungsvolle Farbgebung: sehr filmisch, sehr atmosphärisch und überaus gelungen.
Den einzelnen Alben ist, neben der o.g. redaktionellen Seite, jeweils ein Coverbild vorangestellt.
Die Nacht der Adler
Im ersten Band wird auf einer Seite, eigentlichen nur in einem einzigen, großen Panel, der Hintergrund der Serie dargestellt. In den USA ist ein Krieg zwischen Weißen und Afroamerikanern ausgebrochen, bis hin zu Atombombenabwurf. Aus den Trümmern erwacht neues Leben und was noch von der Zivilisation übrig geblieben ist, macht irgendwie weiter.
Jeremiah ist ein 15/ 16 jähriger (erinnert an den jungen Andy Morgan) der auf einer großen Farm bei Onkel und Tante lebt. Diese auf dem Niveau von späten 19ten / frühem 20ten Jahrhundert lebenden verschanzen sich nachts in einem Fort.
Nach einem Überfall bei der alle Bewohner, bis auf Jeremiah, verschleppt werden, schließt sich Jeremiah Kurdy Malloy an. Der ist in seinem Alter, vagabundiert durch die Gegend und ist das genaue Gegenteil des naiven, sanftmütigen Jeremiah. Auf der Suche nach den verschleppten treffen sie in einem kleinen Ort auf Fat-Eye der dort offenbar einen Sklavenhandel organisiert.
Die Wüstenpiraten
Kurdy und Jeremiah irren durch eine Wüste als sie auf den Überlebenden einer Miliz treffen, die einen Geldtransport bewachte. Der Transport wurde überfallen. Jeremiah und Kurdy wollen helfen, aber etwas an der Geschichte stimmt nicht.
Aufstand der Tagelöhner
Auf der Such nach Arbeit verdingt sich Jeremiah auf einer Plantage. Die Farmer der Umgebung, aber auch die Arbeiter hassen die Plantagenbesitzer. Kurdy und Jeremiah decken deren Geheimnisse auf.
Die Geschichten haben, wenn man es positiv ausdrücken möchte, einen naiven Charme. Blickt man weniger verklärt auf das was hier vorliegt, muss man feststellen, dass das Szenario in keiner Weise ausgearbeitet ist und zusammenhanglose Abenteuer, die nicht mal besonders spannend erzählt sind, aneinander gereiht sind. Die Charaktere sind eindimensional, über den Hintergrund der Welt erfährt man absolut nichts und ich habe das Gefühl, dass Hermann das westernartige Szenario gewählt hat, weil er sich darin Zuhause fühlte, nicht weil es irgendwie zu der kruden Hintergrund"geschichte" passt.
Jeremiahs Naivität ist nicht sehr überzeugend und seine naiv, rechtschaffene Art nervt ebenso schnell wie Kurdys tough guy" Attitüde. Die in diesen Western" eingestreuten modernen Elemente (Motorrad, ein altes Hochhaus nebst Mobilar, ein modernes Fahrrad) wirken beliebig. Der Konflikt der Ursache für das Desaster war wird in keiner Weise erwähnt oder hat Auswirkungen die in den Abenteuern wieder zu finden sind.
Im Grunde sind alle drei hier vorliegenden Bände Geschichten von Unterdrückten, die sich mit Hilfe unserer Helden gegen ihre Unterdrücker wehren. Mehr Hintergrund ist nicht.
Der erste Band ist zudem etwas holperig erzählt, die beiden anderen Geschichten sind routinierter entwickelt. Allen gemein ist die, typisch für die Entstehungszeit, etwas zu wortreiche Erzählweise die in Worten das doppelt, was die Bilder ohnehin klar machen. Ein Greg oder Charlier unter den Comicszenaristen ist Hermann aber ganz klar nicht.
Comanche und Andy Morgan kannte ich und dachte mit Jeremiah kann ich nicht viel falsch machen. Wie oben geschrieben ist das Artwork von Hermann großartig, die Aufmachung des Sammelbandes vorbildlich und der redaktionelle Teil wirklich gelungen. Ohne wenn und aber verdiente das 5 Sterne.
Die Geschichten sind allerdings äußerst dünn und es ist jammerschade dass aus dem, allerdings etwas schrägen Grundgedanken, nichts oder wenigstens etwas mehr gemacht wurde.
Jeremiah Fans, Nostalgiker oder Comic Sammler die auf hochwertige Aufmachung und gute Grafik wert legen und für die die Storys zweitrangig sind, können bedenkenlos zugreifen. Das hier ist die ultimative Ausgabe für sie.
Wer aber gut erzählte, stimmige, intelligente und abenteuerliche Geschichten wert legt, wer erwachsene" Unterhaltung sucht, wird hier leider nicht fündig. Da hilft auch der Charme des altmodischen nicht. Enttäuschend.
Das ist für mich der Grund hier nur 3 Sterne zu vergeben.