In den letzten 10 bis 15 Jahren findet ein Prozess der Umwandlung der PKK zu einer antinational, antistaatlich, feministisch und ökologisch orientierten Bewegung statt. Treibende Kraft ist dabei der politische Führer Abdullah Öcalan, der seit seiner Entführung durch den türkischen Geheimdienst 1999 in Einzelhaft auf der Gefängnisinsel Imrali lebt. Er sucht in seinen umfangreichen Gefängnisschriften nach einem Ausweg aus der ideologischen und praktischen Sackgasse des bewaffneten Kampfes für nationale Befreiung: "Wenn ich mich in einer Weise schuldig gemacht habe, dann deshalb, weil auch ich durch die Macht- und Kriegskultur infiziert wurde. Ich wurde Teil dieses Spiels, weil ich mit beinahe religiöser Überzeugung geglaubt habe, dass um Freiheit zu erlangen ein Staat und dafür wiederum ein Krieg nötig sei. Vor dieser Krankheit konnten sich nur wenige Freiheitskämpfer retten, die sich im Namen der Unterdrückten aufgemacht haben." (S. 3)
Um die Wurzeln der "Krankheit" zu finden, geht Öcalan weit in die Menschheitsgeschichte zurück. Er sieht sie als Abfolge mentalitätsprägender Umbrüche, die sehr früh zur tiefgreifenden Akzeptanz von Unterdrückung und Staat geführt hätten: "Die Frau wurde aus der natürlichen Gesellschaft herausgerissen und geriet in eine nahezu vollständige Sklaverei. Alle anderen Formen von Sklaverei und Knechtschaft entwickelten sich als Folge der Versklavung der Frau. (...) Sie (die patriarchale Konterrevolution, bb) hat in der Mentalität von Mensch und Gesellschaft derart fest Wurzeln geschlagen, dass wir immer noch weit davon entfernt sind, sie auch nur ansatzweise zu überwinden. Immer noch beherrschen uns die sumerischen Priester. Die staatlichen Institutionen, die sie erfanden und die Götter, die sie als Ausdruck für deren Legitimation erdachten, lenken uns weiterhin, und wir folgen ihnen blind." (S. 22 ff)
Rebellion gegen die jeweils herrschende Staatsgewalt, oft in der Form religiöser Oppositionsbewegungen, ist für ihn nicht primär vom Klassenwiderspruch getrieben, sondern von einem erhalten gebliebenen emanzipatorischen Potenzial: "Den Staat, die Klassen und die Gewalt als zwangsläufige Phasen der Entwicklung und des Fortschritts der Gesellschaften zu betrachten, bedeutet, den großartigen Widerstand der natürlichen Gesellschaft bis heute gering zu schätzen, ihn gar zu ignorieren." (S. 20). Der Staat ist für Öcalan dabei ein Strukturprinzip, das wie Gott im Singular gedacht werden muss.
Sein Schlüsselbegriff der natürlichen Gesellschaft (vor der Etablierung von Patriarchat, Klassen und Staat) ist an den Begriff der "organischen Gesellschaft" des US-amerikanischen Anarchisten Murray Bookchin angelehnt. Bookchins Buch
Die Ökologie der Freiheit. Wir brauchen keine Hierarchien von 1982 wurde damals in der deutschen Alternativbewegung breit diskutiert.
Öcalans positive Begriffe Demokratie und Kommunalismus (an wenigen Stellen auch Sozialismus) bleiben unscharf. Der Text ist wie eine sich in Kreisen bewegende Meditation über die Grundthese, dass wir uns in einem tieferen Sinne immer noch von den sumerischen Priestern beherrschen lassen.
Hintergründe zum Thema Kurdistan/PKK auch hier:
PKK: Perspektiven des kurdischen Freiheitskampfes