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Ganz in diesem Sinne setzt Schöllgens analytisches Geschichtsreferat im Jahre 1871 ein und schildert den Weg Deutschlands in der Weltpolitik von da ausgehend bis zur "Überraschung" des Zusammenbruchs der DDR und der Vereinigung der beiden deutschen Nachkriegsstaaten 1991. Er beginnt bei der "Quittung für die Reichsgründung": den Koalitionen gegen Deutschland, die sich nach den Demütigungen zu bilden begannen, die der preußische König, der am 18. Januar 1871 "ausgerechnet im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert worden " war, den geschlagenen Nachbarn zumutete -- so neben der Zahlung erheblicher Kriegsentschädigungen etwa die Abtretung Elsass-Lothringens. Die "Erbfeindschaft", die in den nachfolgenden Dekaden das Verhältnis Deutschlands und Frankreichs prägte, wurde hier gestiftet.
Auf den "Übermut" der Jahre 1884-1901 folgten gemäß Schöllgens historischem Ordnungsversuch die "Isolierung" (1901-1912), das "Vabanque"-Spiel, mit dem das Reich sich "vorbeugend in den Untergang" stürzte (1912-1919), die "Lethargie" der Jahre 1919 bis 1935, der auf die Revision der Geschichte zielende "Angriff" (1935-1941), der "Rückzug" (von Großdeutschland zur Rheinprovinz 1941-1952), die Phase der "Ohmmacht" (1952-1969), schließlich der "Abschied" (vor allem von der Hoffnung auf die Möglichkeit deutscher Einheit) und dann doch die sich seit 1983 langsam unter der Oberfläche vorbereitende "Überraschung" von 1991. -- All diese Etappen resümiert der Autor in der Sache ebenso souverän und hellsichtig wie im Stil gewohnt gefällig. -- Andreas Vierecke
Dennoch gibt es auch Kritikpunkte. So wird die Wechselwirkung zwischen Außen- und Innenpolitik überhaupt nicht berücksichtigt, Außenpolitik scheint sich für Schöllgen im "luftleeren" Raum abzuspielen. Hierfür ein Beispiel: die - sicherlich folgenreiche - Kolonialpolitik Bismarcks ist - wie Sebastian Haffner treffend dargestellt hat - hauptsächlich innenpolitisch motiviert worden, um die england-freundliche Politik des damligen Kronprinzen, Friedrich III., zu konterkarieren. Auf diesen Aspekt geht Schöllgen nicht ein, weil Bismarck darüber nie offen gesprochen hat. Hier wird die Schwäche jeder Quellenstudie deutlich; Quellen können nur insofern aussagekräftig sein, als die wahren Motive der Akteure dort auch klipp und klar benannt werden. Und ob die Deutschen jemals "aus dem Schatten Adolf Hitlers" treten, wie es der Verfasser mehrfach postuliert, wage ich zu bezweifeln. Hier klingt für mich - wie auch an den Stellen, die darlegen, die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Diktatur im gesamten Geschichtsverlauf müssten relativiert und in eine gesamten Geschichtsbetrachtung eingebettet werden- der Versuch an, sich der (lästigen?) Vergangenheit nicht mehr stellen zu müssen und endlich (?) Normalisierung zu betreiben. Ähnliche Töne hatte Schöllgen schon in seinem an sich gut lesbaren Buch: "Der Auftritt" angeschlagen, in dem er die "Rückkehr Deutschlands auf die Weltbühne" als neue Macht in der Mitte Europas (in Anlehnung an eine Publikation von Hans-Peter Schwarz aus dem Jahre 1994)begrüßte. Recht hat Schöllgen aber zweifellos darin, dass die Gründung des deutschen Reiches ein Danäer-Geschenk gesesen ist und dass - hier wieder Haffner zitierend - "der höchste Triumpf Bismarcks schon die Wurzeln seines Scheiterns enthielt" (S. 19), weil eben eine neue Großmacht entstand, die sich eben seit Wilhelm II. nicht als "saturiert" verstand, sondern - spätestens seit 1897 - einen "Platz an der Sonne" ergattern wollte und somit mit den anderen Mächten in Konflikt geraten und - durch die törichte Politik des Kaisers und der deutschen Eliten (Stichwort: Flottenpolitik gegen England) - in die Isolation geraten musste.
Insgesamt bei weitem nicht so faszinierend wie Haffners: "Von Bismarck zu Hitler" und nicht so detailliert wie Klaus Hildebrands: "Das vergangene Reich", aber dennoch ist das Werk eine insgesamt solide erste Einführung in die Außenpolitik, die diese bis in unsere Gegenwart fortschreibt.
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