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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Interessante Thesen, problematisches Fundament,
Von
Rezension bezieht sich auf: Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Gebundene Ausgabe)
Zunächst zu meinem Hintergrund, vor dem ich argumentiere: Ich selbst bin Atheistin und davon überzeugt, dass sich die Natur auf der Erde durch Evolution entwickelt. Gleiches nehme ich für unser kulturelles, soziales und technisches Umfeld an. Und die Willensfreiheit des Menschen halte ich gleichfalls für eine Illusion.Michael Schmidt-Salomon versucht mit seinem ca. 300 Seiten starken Buch "Jenseits von Gut und Böse" dort fortzufahren, wo Nietzsche endete. Gleichzeitig scheint es sich dabei in vieler Hinsicht um einen Gegenentwurf zu Richard David Prechts Wer bin ich - und wenn ja wie viele? zu handeln, denn (21): "Schließlich geht es hier um Kernfragen unserer Existenz: Wer sind wir? Was wollen wir? Was können, was sollten wir wollen? Worauf dürfen wir hoffen?" Gut und Böse sind gemäß Schmidt-Salomon religiös konstruierte Begriffe (34ff.), z. B. als Teil des sog. Sündenfall-Syndroms, welches für ihn die folgenden Prämissen hat: 1. Willensfreiheit des Menschen, 2. "das Gute" und "das Böse" existieren als absolute moralische Kategorien. Der Mensch sei demgemäß für seine "bösen" Taten verantwortlich, weshalb das moralische Dreigestirn aus Schuld, Sühne, Strafe zum Tragen komme. Die Wissenschaften würden demgegenüber solche Begriffe meiden, da sie 1. deskriptiv und nicht normativ argumentieren und 2. sämtliche Erscheinungen in der Welt auf natürliche Ursachen zurückführen. Allerdings seien in menschlichen Gesellschaften und in der Natur Unterscheidungen wie Wohl bzw. Übel und komplexere Verhaltenskodizes im Rahmen des sozialen Zusammenlebens erforderlich (38). Die sinnliche Unterscheidung von Wohl und Wehe sei sogar ein entscheidender Schritt in der Evolution gewesen, denn mit ihr wäre die Bedeutung in die Welt gekommen (59). Die moralischen Kategorien Gut und Böse seien jedoch die Folge monotheistischer Religionen, d.h. neueren Ursprungs. Sehr plausibel werden die Folgen der angenommenen Willensfreiheit an der Art und Weise, wie wir mit Schicksalsschlägen umgehen, verdeutlicht (40f.): Stirbt das eigene Kind, weil ihm ein Stein auf den Kopf fiel, dann sind wir geneigt, dies als Schicksal hinzunehmen, wurde es dagegen von einem Menschen erschlagen, dann sehen wir darin dessen Schuld und fordern Vergeltung. Eingehend wird auf die Resultate der Hirnforschung eingegangen (110f.): "Den alten Dualismus zwischen Körper und Geist beziehungsweise Leib und Seele, der die abendländische Geschichte so stark prägte, hat die Hirnforschung bereits jetzt überwunden: Die Belege sprechen eindeutig dafür, dass es keinen über den körperlichen Prozessen schwebenden Geist gibt." Und (111): "Die Forschung hat gezeigt, dass wir in Wirklichkeit nur dann etwas bewusst wollen, wenn wir es auf der Basis unbewusster Prozesse ohnehin schon zu tun im Begriff sind." Fein säuberlich grenzt der Autor Willensfreiheit von Handlungsfreiheit ab (122): "Denn die Freiheit, die wir meinen, wenn wir diesen Begriff emphatisch benutzen, ist stets eine Freiheit des Tuns, das heißt eine Handlungsfreiheit. Frei sein bedeutet, tun zu können, was man will - es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können als das, was man will." Ein Verzicht auf das Axiom der Willensfreiheit hat für den Autor nur positive Konsequenzen (293). Menschen wären dann viel eher bereit, anderen Menschen zu helfen, die an ihrem Unglück selbst schuld sind. Denn (293): "Die Unterstellung von Willensfreiheit untergräbt das Empathievermögen." Ferner würde mit dem Abschied von der Willensfreiheit die Barriere zwischen Mensch und Natur in sich zusammenbrechen. (305) Dass sich damit auch wieder die Einführung der Todesstrafe (etwa in der Form: "Die Gesellschaft muss vor dem Täter geschützt werden. Eine langfristige Sicherheitsverwahrung ist jedoch zu teuer.") begründen ließe, erwähnt der Autor nicht. Eingehend wendet sich der Autor gegen einen kulturellen Relativismus. Stattdessen sei die Universalität der Menschenrechte einzuklagen. Grundsätzlich stimme ich ihm hierbei zu, möchte jedoch zu bedenken geben, dass es eine solche Universalität nicht wirklich geben kann, da alle Menschenrechte evolutionär verhandelt werden. Beispielsweise gehört es aktuell zu den Menschenrechten, sich für beliebig viele eigene Kinder entscheiden zu können. Angesichts der globalen Überbevölkerung dürfte dieses allgemeine Menschenrecht schon sehr bald zur Disposition stehen. So sehr ich mit dem Autor in vielen seiner Schlussfolgerungen übereinstimme, so sehr möchte ich erhebliche Einwände bezüglich den Grundlagen seiner Argumentation anmelden. Da ist einerseits seine genzentrische - oder genauer: replikatorenzentrische - Sicht der Evolution (57): "Die Metapher des egoistischen Gens will auf etwas anderes hinaus, nämlich auf das lange Zeit übersehene, jedoch zentrale biologische Faktum, dass in der Evolution prinzipiell nur Gene weitergegeben werden, nicht Individuen oder Gruppen." Das ist eine viel zu eingeschränkte Sicht (siehe etwa: Evolution in Four Dimensions: Genetic, Epigenetic, Behavioral, and Symbolic Variation in the History of Life). Im Rahmen der Evolution werden generell Kompetenzen - und nicht nur genetische Kompetenzen - weitergegeben. Nicht unproblematisch sind auch die Aussagen zur Verwandtenselektion. Die Hamiltonungleichung K < r*N wird gar als das E = m*c(2) der modernen Evolutionsbiologie bezeichnet. Die Begründung der Organisation von Insektensozialstaaten mittels der Hamiltonungleichung mag zwar noch für Ameisen zutreffend sein, nicht jedoch für Bienen (siehe etwa Sandra Mitchell: Komplexitäten: Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen, S. 57ff.), und für nicht haplodiploide Arten sowieso nicht. Die Angaben und Begründungen zum Gewichtverhältnis der weiblichen und männlichen Nachkommen in Insektenstaaten (54f.) sind in dieser Form nicht zutreffend. Bezüglich der kulturellen Evolution heißt es dann (77): "Wie die Natur, so unterliegt auch die Kultur einer Evolution." Für diese ist gemäß Autor ein weiterer "egoistischer" Replikator verantwortlich (82): "Als den universellen Replikator in den ersten drei Akten der Evolution hatten wir das Gen identifiziert. Im vierten Akt tritt nun ein weiterer Replikator hinzu: das Mem." Dieser empirisch bislang nie nachgewiesene und rein fiktive Replikator wird dann regelrecht zu einem Produkt der Hirnforschung hochstilisiert (142): "Gründe sind Meme, die ein Gehirn vor dem Hintergrund der ihm vorliegenden Informationen für die Klärung eines anstehenden Problems als so bedeutsam erachtet, dass es sie einer bewussten Bewertung im assoziativen Cortex unterzieht." Wissenschaftlich ist all das nicht haltbar, zumal andere längst eingewendet haben, dass Evolution ein von Akteuren angetriebener eigendynamischer Prozess ist, in dem die sog. Replikatoren nur Statuserhaltungssysteme sind. Schlimmer noch: Durch die Unterscheidung von Gen und Mem wird die im Buch wortreich beschworene Aufhebung der Trennung von Körper und Geist wieder zurückgenommen: Gene sind die Replikatoren für den Körper, Meme für den Geist. Den Memen werden dabei wundersame Dinge zugesprochen (82): "Man kann sich Meme als 'geistige Viren' vorstellen, die von Gehirn zu Gehirn springen und die Gedanken, Einstellungen und Wünsche der Menschen 'infizieren'." Wie soll dies materielosen Objekten gelingen? Viren können sich nur vervielfältigen, wenn sie von ihrem Wirt Energie aufnehmen, Meme besitzen aber als geistige Konstrukte solche Fähigkeiten nicht. Immerhin liest man an anderer Stelle (139): "Ideelle Gründe müssen, sofern sie denn irgendetwas bewirken, materielle Ursachen sein!" Eben! Ferner heißt es in diesem Zusammenhang (77): "Ein wesentlicher Unterschied zwischen biologischer und kultureller Evolution besteht in der Prozessgeschwindigkeit." Dabei werden die eigentlichen Ursachen des Phänomens verschwiegen, vermutlich, weil sie ein Tabuthema der Evolutionsbiologie berühren: Über Gene können keine erworbenen Kompetenzen weitergegeben werden, über alle höheren Kompetenzspeicherungsebenen (Epigenetik, Gehirn, externe Medien) aber sehr wohl. Selbstverständlich stellt die Möglichkeit der Weitergabe erworbener Kompetenzen einen evolutionären Vorteil dar, deshalb hat sie sich in der Natur auch so weit durchgesetzt. Andere Konsequenzen aus dem Wegfall der Willensfreiheit sieht der Autor leider nicht: Wenn der Mensch nicht über Willensfreiheit verfügt, dann ist auch die Relativitätstheorie nicht einem freien Willen entsprungen, sondern der Evolution. Menschliche Erzeugnisse (inkl. Hypothesen) sind dann genauso "zufällige" Naturprodukte wie etwa der Apfel des Apfelbaumes. Es kann dann aber nicht mehrere Evolutionstheorien für jede einzelne Evolution geben, sondern nur eine einzige, die die gesamte evolutive Schöpfung aus den gleichen Prinzipien heraus erklärt, da ja alles gesamthaft in einem einzigen großen evolutiven Prozess entsteht. Ich kenne aktuell nur eine einzige Theorie, nämlich Merschs Systemische Evolutionstheorie, die die... Lesen Sie weiter... › Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
124 von 146 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Geburt eines Klassikers der Philosophie,
Von
Rezension bezieht sich auf: Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Gebundene Ausgabe)
Michael Schmidt-Salomon hat ein Werk vorgelegt, welches einen völlig neuen Blick auf die Realität ermöglicht. Eine kurze Anmerkung zum Untertitel des Buches, der leicht missverstanden werden kann:'Moral' definiert der Autor als Abwägung der "subjektiven Wertigkeit von Menschen vor dem Hintergrund vermeindlich vorgegebener, metaphysischer Beurteilungskriterien (gut oder böse)". 'Ethik' hingegen beschreibe die "objektive Angemessenheit von Handlungen anhand intersubjektiv festgelegter und immer wieder neu festzulegender Spielregeln (fair und unfair)". In 'Jenseits von Gut und Böse' wird 'das Böse' als ein ideologische Etikett entlarvt, womit Andersdenkende einfach und effektiv diffamiert werden können. Einfache Kategorien wie Gut und Böse seien ein zerstörerisches Relikt der kulturellen Evolution. Bei dieser Denkweise würden leider nicht nur die strukturellen Entwicklungsbedingungen des Individuums berücksichtigt, sondern vor allem dessen 'persönliche Schuldfähigkeit'. Die Eigenschaften eines jeden Menschen seien aber in Wirklichkeit allein auf Erbgut und Umwelteinflüsse zurückzuführen - nicht etwa auf freie, ursachenlose Entscheidungen zum Guten oder zum Bösen. Dieses metaphysischen Ideenkonstukt solle letztlich vor allem dazu dienen, andere Menschen(gruppen) pauschal zu verteufeln, um sie so aus der ethischen Berücksichtigung auszuschließen (zu dehumanisieren). Alle fanatisch-dogmatischen Ideologen hätten sich die Funktionsweise dieser Lehre letzlich (wenn auch unbewusst) zu Nutze gemacht. Aus diesen Überlegungen folge dem Autor zufolge keinesfalls eine Reduzierung des Menschen zu einer 'biologische Maschine'. Dieses Urteil würde stark die Lebenskraft und Kreativität jedes Menschen verkennen, der die Vorzüge eines wirklich selbstbestimmten Leben verstanden hat. Als Alternative wird die offene Weltanschauung Humanismus und Aufklärung aufgeführt. Eine interessenorientierte Ethik könne niemals relativistisch in jeder Hinsicht sein. Sie könne nämlich auf Grundpfeiler wie Logik und Empirie nicht verzichten. Der zweite Teil des Buches befasst sich vor allem mit praktischen Schussfolgerungen aus der Argumentation des ersten Teils. Schmidt-Salomon empfielt "heitere Gelassenheit" als "Kunst, sich selbst zu verzeihen", um sich dann mit "brennender Gelassenheit" für wahrhaft humane Ideale einzusetzen. Trotz der zunächst esoterisch anmutenden Sprache, gelingt dem Autor gelingt eine humanistische Synthese aus fernöstlicher Mystik und westlicher Rationalität. Dieser Ansatz kommt jedoch gänzlich ohne metaphysisch-dogmatische Spekulationen aus. Im Gegenteil, Schmidt-Salomon fühlt sich der Tradition der Aufklärung verpflichtet: Kritik wird als Geschenk verstanden, Fehler einzugestehen als große Kunst und Vergeltung als Unglücksbringer in jeder Hinsicht. Als Methode, ein glückliches Leben zu führen, empfielt Schmidt-Salomon eine Synthese aus drei verschiedenen Geisteshaltungen. Außerdem gibt er eine außerordentlich verblüffende und faszinierende Perspektive auf eine Politik, Rechtssprechung und Wirtschaft, die sich ethisch statt moralisch verhalten würde. An dieser Stelle soll jedoch nicht zuviel verraten werden, sonst bietet das Lesen selbst ja keine Aha-Erlebnisse mehr. Die theoretische Herangehensweise des Buches ist nicht in allen Punkten völlig neu, aber noch nie so prägnant auf den Punkt gebracht worden. Kein anderer Autor unserer Zeit hat bisher so klar und logisch koherent die Zusammenhänge zwischen moralischem Denken und Demagogie sowie den daraus resultierenden fatalen Gewaltspiralen herausgestellt. Dank Schmidt-Salomons klarer und pointierter Sprache bereitet bei diesem Buch nicht nur der Inhalt, sondern auch der gewitze Schreibstil eine Menge Freude. Zudem wird jedes Argument mit Fußnoten und einem Literaturverzeichnis belegt, wodurch sich das Buch klar von populärwissenschaftlichen Werken abhebt. Der Lesefluss muss darunter aber glücklicherweise niemals leiden. Lesen Sie selbst! Es könnte die aufklärende Befreiung im Denken und Handeln sein, auf die Sie immer gewartet haben! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
29 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Evolution frißt ihre Kinder,
Von Frank Spade (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind (Gebundene Ausgabe)
Um eine Metapher aus dem Buch aufzugreifen, hat die Evolution Michael Schmidt-Salomon in die Kellerbar der Giordano-Bruno-Stiftung gespült, wo er das Glück hatte mit Wissenschaftlern wie dem Evolutionsbiologen und Wissenschaftstheoretiker Franz M. Wuketits und anderen seine Theorien zu diskutieren. Herausgekommen ist ein kluges Buch, welches dem Leser (z. B. mir) hilft, seinen Horizont in vielfältiger Weise zu erweitern.Michael Schmidt-Salomon macht hier den Versuch eine menschenfreundliche Philosophie jenseits von Gut und Böse zu skizzieren, denn unsere "altbackenen Moralvorstellungen ... haben uns", wie er schreibt, "summa summarum krank, kritikunfähig, selbstsüchtig und dumm gemacht." Darum bietet er uns nichts weniger an, als das, worum Christen seit Jahrhunderten beten: Die Erlösung von dem Bösen! Er lädt zu einem Perspektivwechsel ein, der zu einer entspannten Weltsicht verhelfen soll, dem jedoch eine kritischen Überprüfung unserer Annahmen über die Welt vorausgehen muss. Als Konsequenz soll sich eine alternative, heiter-gelassenen Lebenseinstellung, eine "neue Leichtigkeit des Seins" einstellen können, die bereits von Albert Einstein ähnlich begründet wurde. Dass heißt allerdings keine Erlösung von allen Übeln, dafür aber eine wahrlich erleuchtete Lebenshaltung, die es uns erlaubt mit den "Widrigkeiten des Lebens etwas vernünftiger, etwas gelassener, etwas humorvoller umzugehen." Das Buch soll einen winzigen Beitrag zur Entwicklung einer solchen alternativen, lebensbejahenden Bewusstseinskultur leisten". Mit seinen Ausführungen knüpft Schmidt-Salomon bewusst an Friedrich Nietzsche an (dessen Erinnerung das Buch auch gewidmet ist), der im Abschied vom moralischen Dreigestirn "Schuld - Sühne - Strafe" den Fortschritt aller Fortschritte erblickte. In einer Anmerkung heißt es, dass man vieles, was er hier schreibe, unter dem Stichwort "Nietzsche Reloaded" durchgehen lassen könnte. Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat aus Kleists Marionettentheater, in dem es heißt, wenn wir wieder vom Baum der Erkenntnis essen würden, wäre das das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt. Das die Abkehr vom Paradigma von Gut und Böse ein neues Kapitel der Geschichte einläuten würde, dürfte einsichtig sein. Um dahin zu führen wird in der Einleitung gezeigt, dass der Apfel im Mythos vom Sündenfall auf einem Übersetzungsfehler beruht (das lateinische Wort malum kann sowohl als »Apfel«, als auch als »böse« übersetzt werden). Schmidt-Salomon interpretiert den Sündenfall aus psychologischer Sicht, und stellt die Grundaxiome Willensfreiheit und den Gut/Böse-Dualismus in Frage. Dem Beleg dafür und dem Aufzeigen der positiven Konsequenzen ist der erste von zwei Teilen des Buches gewidmet, den er mit "Die neuen Früchte der Erkenntnis" überschreibt. Im zweiten, mit "Die neue Leichtigkeit des Seins" überschriebenen Teil, wird zunächst ein entspanntes Ich entwickelt, dann für entspannte Beziehungen argumentiert sowie für eine entspannte Gesellschaft und zuletzt "eine frohe Botschaft für nackte Affen" verkündet. Er nennt dies eine Lektion in Bescheidenheit und führt aus: Das sowohl die negative (schuldbeladene) als auch die positive (stolzgeschwängerte) Bilanzierung eigener Leistungen die Möglichkeit individueller Weiterentwicklung hemmt. In seiner Argumentation baut er auf dem Fundament des ersten Teils auf und plädiert statt für moralisch motivierte Schuldgefühle, für die Veränderung und Wiedergutmachung hervorrufende, ethisch motivierte Reue. "Reuegefühle sind ein wichtiger Anstoßgeber für die persönliche Weiterentwicklung, Schuldgefühle hingegen stehen ihr im Wege. ... Sie verhindern nicht nur, dass wir akzeptieren, der zu sein, der wir sind, sondern hemmen uns auch darin, der zu werden, der wir sein könnten." Es werden die Weisheitslehren Buddhas und Epikurs für ein glückliches Leben verglichen, und der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit große Bedeutung beigemessen. "Erst wenn wir anerkennen, dass unser Leben keinen über uns selbst hinausweisenden Sinn hat, kommen wir in den Genuss, über uns selbst hinauszuwachsen, indem wir unserem Leben einen über uns selbst hinausweisenden Sinn geben." Die Quintessenz einer west-östlichen Weisheitssynthese ließe sich nach seiner Meinung so formulieren: "Lernen wir, die Übel zu ertragen, die sich nicht abwenden lassen, uns aber keineswegs mit jenen abzufinden, die wir beseitigen können" (erinnert an das sogenannte Gelassenheitsgebet, dem jedoch noch der Wunsch hinzugefügt ist, man möge die Weisheit aufbringen, das eine vom anderen zu unterscheiden). Im Folgenden erläutert er, warum Kritik als Geschenk anzusehen ist, aber besser angenommen wird, wenn das Paradigma der Unschuld bereits verinnerlicht ist. Dann werden die Ergebnisse der Vergebungsforschung referiert und die Folgen der bisherigen Erkenntnisse für die Rechtsprechung untersucht. Hier geht es dann um die Funktion der Strafe, den Umgang mit dem Täter und der Bedeutung der Prävention. Festgestellt wird, dass "je stärker die Idee der Willensfreiheit etabliert ist, desto eher wird soziale Ungleichheit toleriert und desto drakonischer fallen auch die Strafmaßnahmen des jeweiligen Rechtssystems aus." In sofern könnte das Paradigma der Unschuld ein wirksames Gegengift gegen die Arroganz der Macht sein." Nach Schmidt-Salomon ist es höchste Zeit mit einem moralischen Abrüstungsprozess zu beginnen und er empfiehlt jedem Einzelnen dies als Graswurzelrevolution zu beginnen. Obwohl er es für die friedliche Zukunft unseres Planeten für unumgänglich hält, ist er sich über die Erfolgsaussichten nicht sicher. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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