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Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind
 
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Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind [Gebundene Ausgabe]

Michael Schmidt-Salomon
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (32 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
  • Verlag: Pendo; Auflage: 6 (September 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3866122128
  • ISBN-13: 978-3866122123
  • Größe und/oder Gewicht: 22,2 x 14,4 x 3,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (32 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 134.527 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
140 von 168 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Michael Schmidt-Salomon hat ein Werk vorgelegt, welches einen völlig neuen Blick auf die Realität ermöglicht. Eine kurze Anmerkung zum Untertitel des Buches, der leicht missverstanden werden kann:

'Moral' definiert der Autor als Abwägung der "subjektiven Wertigkeit von Menschen vor dem Hintergrund vermeindlich vorgegebener, metaphysischer Beurteilungskriterien (gut oder böse)".
'Ethik' hingegen beschreibe die "objektive Angemessenheit von Handlungen anhand intersubjektiv festgelegter und immer wieder neu festzulegender Spielregeln (fair und unfair)".

In 'Jenseits von Gut und Böse' wird 'das Böse' als ein ideologische Etikett entlarvt, womit Andersdenkende einfach und effektiv diffamiert werden können. Einfache Kategorien wie Gut und Böse seien ein zerstörerisches Relikt der kulturellen Evolution. Bei dieser Denkweise würden leider nicht nur die strukturellen Entwicklungsbedingungen des Individuums berücksichtigt, sondern vor allem dessen 'persönliche Schuldfähigkeit'. Die Eigenschaften eines jeden Menschen seien aber in Wirklichkeit allein auf Erbgut und Umwelteinflüsse zurückzuführen - nicht etwa auf freie, ursachenlose Entscheidungen zum Guten oder zum Bösen. Dieses metaphysischen Ideenkonstukt solle letztlich vor allem dazu dienen, andere Menschen(gruppen) pauschal zu verteufeln, um sie so aus der ethischen Berücksichtigung auszuschließen (zu dehumanisieren). Alle fanatisch-dogmatischen Ideologen hätten sich die Funktionsweise dieser Lehre letzlich (wenn auch unbewusst) zu Nutze gemacht.

Aus diesen Überlegungen folge dem Autor zufolge keinesfalls eine Reduzierung des Menschen zu einer 'biologische Maschine'. Dieses Urteil würde stark die Lebenskraft und Kreativität jedes Menschen verkennen, der die Vorzüge eines wirklich selbstbestimmten Leben verstanden hat. Als Alternative wird die offene Weltanschauung Humanismus und Aufklärung aufgeführt. Eine interessenorientierte Ethik könne niemals relativistisch in jeder Hinsicht sein. Sie könne nämlich auf Grundpfeiler wie Logik und Empirie nicht verzichten.

Der zweite Teil des Buches befasst sich vor allem mit praktischen Schussfolgerungen aus der Argumentation des ersten Teils. Schmidt-Salomon empfielt "heitere Gelassenheit" als "Kunst, sich selbst zu verzeihen", um sich dann mit "brennender Gelassenheit" für wahrhaft humane Ideale einzusetzen. Trotz der zunächst esoterisch anmutenden Sprache, gelingt dem Autor gelingt eine humanistische Synthese aus fernöstlicher Mystik und westlicher Rationalität. Dieser Ansatz kommt jedoch gänzlich ohne metaphysisch-dogmatische Spekulationen aus. Im Gegenteil, Schmidt-Salomon fühlt sich der Tradition der Aufklärung verpflichtet: Kritik wird als Geschenk verstanden, Fehler einzugestehen als große Kunst und Vergeltung als Unglücksbringer in jeder Hinsicht.
Als Methode, ein glückliches Leben zu führen, empfielt Schmidt-Salomon eine Synthese aus drei verschiedenen Geisteshaltungen. Außerdem gibt er eine außerordentlich verblüffende und faszinierende Perspektive auf eine Politik, Rechtssprechung und Wirtschaft, die sich ethisch statt moralisch verhalten würde. An dieser Stelle soll jedoch nicht zuviel verraten werden, sonst bietet das Lesen selbst ja keine Aha-Erlebnisse mehr.

Die theoretische Herangehensweise des Buches ist nicht in allen Punkten völlig neu, aber noch nie so prägnant auf den Punkt gebracht worden. Kein anderer Autor unserer Zeit hat bisher so klar und logisch koherent die Zusammenhänge zwischen moralischem Denken und Demagogie sowie den daraus resultierenden fatalen Gewaltspiralen herausgestellt. Dank Schmidt-Salomons klarer und pointierter Sprache bereitet bei diesem Buch nicht nur der Inhalt, sondern auch der gewitze Schreibstil eine Menge Freude. Zudem wird jedes Argument mit Fußnoten und einem Literaturverzeichnis belegt, wodurch sich das Buch klar von populärwissenschaftlichen Werken abhebt. Der Lesefluss muss darunter aber glücklicherweise niemals leiden.

Lesen Sie selbst! Es könnte die aufklärende Befreiung im Denken und Handeln sein, auf die Sie immer gewartet haben!
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31 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Lena Waider TOP 100 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Zunächst zu meinem Hintergrund, vor dem ich argumentiere: Ich selbst bin Atheistin und davon überzeugt, dass sich die Natur auf der Erde durch Evolution entwickelt. Gleiches nehme ich für unser kulturelles, soziales und technisches Umfeld an. Und die Willensfreiheit des Menschen halte ich gleichfalls für eine Illusion.

Michael Schmidt-Salomon versucht mit seinem ca. 300 Seiten starken Buch "Jenseits von Gut und Böse" dort fortzufahren, wo Nietzsche endete. Gleichzeitig scheint es sich dabei in vieler Hinsicht um einen Gegenentwurf zu Richard David Prechts Wer bin ich - und wenn ja wie viele? zu handeln, denn (21): "Schließlich geht es hier um Kernfragen unserer Existenz: Wer sind wir? Was wollen wir? Was können, was sollten wir wollen? Worauf dürfen wir hoffen?"

Gut und Böse sind gemäß Schmidt-Salomon religiös konstruierte Begriffe (34ff.), z. B. als Teil des sog. Sündenfall-Syndroms, welches für ihn die folgenden Prämissen hat:
1. Willensfreiheit des Menschen,
2. "das Gute" und "das Böse" existieren als absolute moralische Kategorien.
Der Mensch sei demgemäß für seine "bösen" Taten verantwortlich, weshalb das moralische Dreigestirn aus Schuld, Sühne, Strafe zum Tragen komme.

Die Wissenschaften würden demgegenüber solche Begriffe meiden, da sie
1. deskriptiv und nicht normativ argumentieren und
2. sämtliche Erscheinungen in der Welt auf natürliche Ursachen zurückführen.

Allerdings seien in menschlichen Gesellschaften und in der Natur Unterscheidungen wie Wohl bzw. Übel und komplexere Verhaltenskodizes im Rahmen des sozialen Zusammenlebens erforderlich (38). Die sinnliche Unterscheidung von Wohl und Wehe sei sogar ein entscheidender Schritt in der Evolution gewesen, denn mit ihr wäre die Bedeutung in die Welt gekommen (59). Die moralischen Kategorien Gut und Böse seien jedoch die Folge monotheistischer Religionen, d.h. neueren Ursprungs.

Sehr plausibel werden die Folgen der angenommenen Willensfreiheit an der Art und Weise, wie wir mit Schicksalsschlägen umgehen, verdeutlicht (40f.): Stirbt das eigene Kind, weil ihm ein Stein auf den Kopf fiel, dann sind wir geneigt, dies als Schicksal hinzunehmen, wurde es dagegen von einem Menschen erschlagen, dann sehen wir darin dessen Schuld und fordern Vergeltung.

Eingehend wird auf die Resultate der Hirnforschung eingegangen (110f.): "Den alten Dualismus zwischen Körper und Geist beziehungsweise Leib und Seele, der die abendländische Geschichte so stark prägte, hat die Hirnforschung bereits jetzt überwunden: Die Belege sprechen eindeutig dafür, dass es keinen über den körperlichen Prozessen schwebenden Geist gibt." Und (111): "Die Forschung hat gezeigt, dass wir in Wirklichkeit nur dann etwas bewusst wollen, wenn wir es auf der Basis unbewusster Prozesse ohnehin schon zu tun im Begriff sind."

Fein säuberlich grenzt der Autor Willensfreiheit von Handlungsfreiheit ab (122): "Denn die Freiheit, die wir meinen, wenn wir diesen Begriff emphatisch benutzen, ist stets eine Freiheit des Tuns, das heißt eine Handlungsfreiheit. Frei sein bedeutet, tun zu können, was man will - es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können als das, was man will."

Ein Verzicht auf das Axiom der Willensfreiheit hat für den Autor nur positive Konsequenzen (293). Menschen wären dann viel eher bereit, anderen Menschen zu helfen, die an ihrem Unglück selbst schuld sind. Denn (293): "Die Unterstellung von Willensfreiheit untergräbt das Empathievermögen." Ferner würde mit dem Abschied von der Willensfreiheit die Barriere zwischen Mensch und Natur in sich zusammenbrechen. (305) Dass sich damit auch wieder die Einführung der Todesstrafe (etwa in der Form: "Die Gesellschaft muss vor dem Täter geschützt werden. Eine langfristige Sicherheitsverwahrung ist jedoch zu teuer.") begründen ließe, erwähnt der Autor nicht.

Eingehend wendet sich der Autor gegen einen kulturellen Relativismus. Stattdessen sei die Universalität der Menschenrechte einzuklagen. Grundsätzlich stimme ich ihm hierbei zu, möchte jedoch zu bedenken geben, dass es eine solche Universalität nicht wirklich geben kann, da alle Menschenrechte evolutionär verhandelt werden. Beispielsweise gehört es aktuell zu den Menschenrechten, sich für beliebig viele eigene Kinder entscheiden zu können. Angesichts der globalen Überbevölkerung dürfte dieses allgemeine Menschenrecht schon sehr bald zur Disposition stehen.

So sehr ich mit dem Autor in vielen seiner Schlussfolgerungen übereinstimme, so sehr möchte ich erhebliche Einwände bezüglich den Grundlagen seiner Argumentation anmelden. Da ist einerseits seine genzentrische - oder genauer: replikatorenzentrische - Sicht der Evolution (57): "Die Metapher des egoistischen Gens will auf etwas anderes hinaus, nämlich auf das lange Zeit übersehene, jedoch zentrale biologische Faktum, dass in der Evolution prinzipiell nur Gene weitergegeben werden, nicht Individuen oder Gruppen." Das ist eine viel zu eingeschränkte Sicht (siehe etwa: Evolution in Four Dimensions: Genetic, Epigenetic, Behavioral, and Symbolic Variation in the History of Life). Im Rahmen der Evolution werden generell Kompetenzen - und nicht nur genetische Kompetenzen - weitergegeben.

Nicht unproblematisch sind auch die Aussagen zur Verwandtenselektion. Die Hamiltonungleichung K < r*N wird gar als das E = m*c(2) der modernen Evolutionsbiologie bezeichnet. Die Begründung der Organisation von Insektensozialstaaten mittels der Hamiltonungleichung mag zwar noch für Ameisen zutreffend sein, nicht jedoch für Bienen (siehe etwa Sandra Mitchell: Komplexitäten: Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen, S. 57ff.), und für nicht haplodiploide Arten sowieso nicht. Die Angaben und Begründungen zum Gewichtverhältnis der weiblichen und männlichen Nachkommen in Insektenstaaten (54f.) sind in dieser Form nicht zutreffend.

Bezüglich der kulturellen Evolution heißt es dann (77): "Wie die Natur, so unterliegt auch die Kultur einer Evolution." Für diese ist gemäß Autor ein weiterer "egoistischer" Replikator verantwortlich (82): "Als den universellen Replikator in den ersten drei Akten der Evolution hatten wir das Gen identifiziert. Im vierten Akt tritt nun ein weiterer Replikator hinzu: das Mem." Dieser empirisch bislang nie nachgewiesene und rein fiktive Replikator wird dann regelrecht zu einem Produkt der Hirnforschung hochstilisiert (142): "Gründe sind Meme, die ein Gehirn vor dem Hintergrund der ihm vorliegenden Informationen für die Klärung eines anstehenden Problems als so bedeutsam erachtet, dass es sie einer bewussten Bewertung im assoziativen Cortex unterzieht." Wissenschaftlich ist all das nicht haltbar, zumal andere längst eingewendet haben, dass Evolution ein von Akteuren angetriebener eigendynamischer Prozess ist, in dem die sog. Replikatoren nur Statuserhaltungssysteme sind. Schlimmer noch: Durch die Unterscheidung von Gen und Mem wird die im Buch wortreich beschworene Aufhebung der Trennung von Körper und Geist wieder zurückgenommen: Gene sind die Replikatoren für den Körper, Meme für den Geist.

Den Memen werden dabei wundersame Dinge zugesprochen (82): "Man kann sich Meme als 'geistige Viren' vorstellen, die von Gehirn zu Gehirn springen und die Gedanken, Einstellungen und Wünsche der Menschen 'infizieren'." Wie soll dies materielosen Objekten gelingen? Viren können sich nur vervielfältigen, wenn sie von ihrem Wirt Energie aufnehmen, Meme besitzen aber als geistige Konstrukte solche Fähigkeiten nicht. Immerhin liest man an anderer Stelle (139): "Ideelle Gründe müssen, sofern sie denn irgendetwas bewirken, materielle Ursachen sein!" Eben!

Ferner heißt es in diesem Zusammenhang (77): "Ein wesentlicher Unterschied zwischen biologischer und kultureller Evolution besteht in der Prozessgeschwindigkeit." Dabei werden die eigentlichen Ursachen des Phänomens verschwiegen, vermutlich, weil sie ein Tabuthema der Evolutionsbiologie berühren: Über Gene können keine erworbenen Kompetenzen weitergegeben werden, über alle höheren Kompetenzspeicherungsebenen (Epigenetik, Gehirn, externe Medien) aber sehr wohl. Selbstverständlich stellt die Möglichkeit der Weitergabe erworbener Kompetenzen einen evolutionären Vorteil dar, deshalb hat sie sich in der Natur auch so weit durchgesetzt.

Andere Konsequenzen aus dem Wegfall der Willensfreiheit sieht der Autor leider nicht: Wenn der Mensch nicht über Willensfreiheit verfügt, dann ist auch die Relativitätstheorie nicht einem freien Willen entsprungen, sondern der Evolution. Menschliche Erzeugnisse (inkl. Hypothesen) sind dann genauso "zufällige" Naturprodukte wie etwa der Apfel des Apfelbaumes. Es kann dann aber nicht mehrere Evolutionstheorien für jede einzelne Evolution geben, sondern nur eine einzige, die die gesamte evolutive Schöpfung aus den gleichen Prinzipien heraus erklärt, da ja alles gesamthaft in einem einzigen großen evolutiven Prozess entsteht. Lesen Sie weiter... ›
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15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Michael Dienstbier TOP 500 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Wenn Michael-Schmidt-Salomon ein Buch veröffentlicht, sind heftige Reaktionen und Diskussionen vorprogrammiert. Bereits in der jüngeren Vergangenheit hat der Philosoph und bekannteste Vertreter der Neuen Atheisten in Deutschland in seinen Darstellungen, vor allem im Manifest des evolutionären Humanismus, in aller Deutlichkeit Position bezogen für eine säkulare Gesellschaft verbunden mit heftigen Attacken gegen den schädlichen Einfluss vor allem der monotheistischen Religionen auf unsere Gesellschaft. Für noch mehr Aufregung sorgte er mit seinem religionskritischen Kinderbuch Wo bitte gehts zu Gott?, gegen das von verschiedenen Institutionen ein schließlich gescheitertes Verbotsverfahren angestrengt wurde. Und auch sein neues Buch "Jenseits von Gut und Böse" lässt die Emotionen hoch kochen, wie sich auch in den verschiedenen Rezensionen sowie deren Kommentaren hier bei Amazon verfolgen lässt.

"Das Böse ist eine Wahnidee, die zwar in unseren Köpfen herumspukt, für die wir in der Realität jedoch keine Entsprechung finden" (9). In seinem einleitenden Satz stellt Schmidt-Salomon klar, als was er die Kategorien von "Gut" und "Böse" betrachtet: Es handele sich um von Menschen gemachte Konstrukte, um einfache Antworten und Handlungsrichtlinien für eine als zu komplex empfundene Umwelt zu erhalten. Hauptakteure dieses Konstruktionsprozesses seien seit jeher die Religionen dieser Welt gewesen, welche das "Böse" mit bestimmten Wesensmerkmalen versehen haben (vgl. 39f.). Das Gut-und-Böse-Schema, oder, in der auf Richard Dawkins basierenden Terminologie Schmidt-Salomons, der "Gut-versus-Böse-Memplex" (85), habe sich in der kulturellen Evolution der Menschheit durchsetzen können, da sich die eigene Gemeinschaft besser habe behaupten können, wenn Abweichler in den eigenen Reihen oder fremde Kulturen mit dem absoluten Begriff des "Bösen" bezeichnet worden sind (vgl. ebd). Jedoch müsse man sich nun bewusst werden, dass die Einteilung der Welt in "Gut" und "Böse" zu viel Unheil geführt habe, so dass sich die Menschheit nun von dieser liebgewonnen Illusion verabschieden müsse: "Aus Auschwitz lernen, heißt daher, auf den Memplex des Bösen zu verzichten, der in der Geschichte der Menschheit immer wieder zur Eskalation von Ingroup-Outgroup-Konflikten und auch maßgeblich zum Völkermord unter Hitler beitrug" (99).

Im 2. Kapitel begründet Schmidt-Salomon, warum es für die Kategorien "Gut" und "Böse" keine Rechtfertigung mehr gebe. Die Willensfreiheit, und somit auch die Freiheit, zwischen gut und böse zu unterscheiden, sei lediglich eine Illusion. Dazu der Autor in den Worten Schopenhauers: "Du kannst tun, was du willst: aber du kannst in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens, nur ein Bestimmtes wollen und schlechterdings nichts Anderes, als dieses Eine" (121). In eigenen Worten formuliert er: "Willensfreiheit ist nichts als eine Chimäre, ein Trugbild, für das es in der Realität keinerlei Entsprechung gibt" (146). Besonders lesenswert ist hierbei Schmidt-Salomons Differenzierung zwischen Willens- und Handlungsfreiheit, auf die er seine Argumentation stützt" (vgl. 122ff.).

Schmidt-Salomon sieht in dem Abschied von der Willensfreiheit jedoch keinen Grund zur Verzweiflung, sondern begreift es vielmehr als Auf- und Herausforderung, sein eigenes Leben in den gegebenen Grenzen frei zu leben und zu gestalten: "Die Tatsache, dass wir stets nur das wollen können, was wir [...] wollen müssen, steht keineswegs im Widerspruch zu der für unser Freiheitsempfinden so wichtigen Intuition, dass die Zukunft offen ist. Vielmehr sind wir als lebende, Wohl und Wehe empfindende Wesen geradezu dazu determiniert, tagtäglich auf kreative Weise Probleme zu lösen, was den Fluss der Ereignisse immer wieder in neue Bahnen lenkt" (177f.). Es sei, so der Autor, gerade diese "Akzeptanz der metaphysischen Sinnlosigkeit unserer Existenz" (232), die uns Menschen die Freiheit zur individuellen Sinnstiftung gebe. Hier steht Schmidt-Salomon ganz in der Tradition des großen existentialistischen Freiheitsphilosophen Jean-Paul Sartre, der die Verantwortung des Menschen nach dem Tod Gottes mit den Worten "[W]ir sind zur Freiheit verurteilt" (Das Sein und das Nichts, S. 838) umschrieb.

Fazit: Der Weg zu einem im wahrsten Sinne des Wortes zwanglosen Leben liegt für Schmidt-Salomon in der Überwindung eben jener Konstrukte, die seit Jahrtausenden die Menschen mithilfe falscher Gewissheiten manipulieren. Erst so könne man sich seiner individuellen Verantwortung für sich und seine Mitmenschen bewusst werden, worin der Schlüssel zu einer friedlicheren Welt liege. Egal, wie man persönlich zu dieser Thematik steht oder ob einem der sicherlich provozierende Stil der Darstellung zusagt: "Jenseits von Gut und Böse" ist ein mit Feuer geschriebenes und höchst aktuelles Buch, welches eine möglichst breite Leserschaft verdient.
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