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Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind [Taschenbuch]

Michael Schmidt-Salomon
3.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (48 Kundenrezensionen)
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Kurzbeschreibung

1. April 2012
Seit Charles Darwin wissen wir: Wir sind kaum mehr als »nackte Affen«. Und doch erklären wir uns moralisch gern zu höheren Wesen. Aber was wäre, wenn uns gerade die Unterscheidung in Gut und Böse ins Unglück stürzte? Wenn es uns ohne Moral besser ginge? Michael Schmidt-Salomon, streitbarer Kämpfer gegen den Geist unserer Zeit, entlarvt den freien Willen und die religiös verankerte Aufteilung in Gut und Böse als Illusionen. Ein provokatives Buch mit einer wahrhaft erlösenden Botschaft – die erstaunliche lebenspraktische und gesellschaftliche Folgen hat.

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Produktinformation

  • Taschenbuch: 368 Seiten
  • Verlag: Piper Taschenbuch; Auflage: 3 (1. April 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3492273386
  • ISBN-13: 978-3492273381
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 12 x 2,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (48 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 4.716 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Leicht verständlich, elegant und humorvoll. Unbedingt empfehlenswert." Deutschlandradio Kultur

Über den Autor

Michael Schmidt-Salomon, Dr. phil, geboren 1967, ist freischaffender Philosoph und Schriftsteller sowie Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. Er ist häufiger Interviewpartner in Presse, Funk und Fernsehen. Bei Pendo erschien von ihm bisher »Jenseits von Gut und Böse« und zuletzt »Leibniz war kein Butterkeks« (mit Lea Salomon).

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
156 von 188 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Geburt eines Klassikers der Philosophie 14. September 2009
Format:Gebundene Ausgabe
Michael Schmidt-Salomon hat ein Werk vorgelegt, welches einen völlig neuen Blick auf die Realität ermöglicht. Eine kurze Anmerkung zum Untertitel des Buches, der leicht missverstanden werden kann:

'Moral' definiert der Autor als Abwägung der "subjektiven Wertigkeit von Menschen vor dem Hintergrund vermeindlich vorgegebener, metaphysischer Beurteilungskriterien (gut oder böse)".
'Ethik' hingegen beschreibe die "objektive Angemessenheit von Handlungen anhand intersubjektiv festgelegter und immer wieder neu festzulegender Spielregeln (fair und unfair)".

In 'Jenseits von Gut und Böse' wird 'das Böse' als ein ideologische Etikett entlarvt, womit Andersdenkende einfach und effektiv diffamiert werden können. Einfache Kategorien wie Gut und Böse seien ein zerstörerisches Relikt der kulturellen Evolution. Bei dieser Denkweise würden leider nicht nur die strukturellen Entwicklungsbedingungen des Individuums berücksichtigt, sondern vor allem dessen 'persönliche Schuldfähigkeit'. Die Eigenschaften eines jeden Menschen seien aber in Wirklichkeit allein auf Erbgut und Umwelteinflüsse zurückzuführen - nicht etwa auf freie, ursachenlose Entscheidungen zum Guten oder zum Bösen. Dieses metaphysischen Ideenkonstukt solle letztlich vor allem dazu dienen, andere Menschen(gruppen) pauschal zu verteufeln, um sie so aus der ethischen Berücksichtigung auszuschließen (zu dehumanisieren). Alle fanatisch-dogmatischen Ideologen hätten sich die Funktionsweise dieser Lehre letzlich (wenn auch unbewusst) zu Nutze gemacht.

Aus diesen Überlegungen folge dem Autor zufolge keinesfalls eine Reduzierung des Menschen zu einer 'biologische Maschine'. Dieses Urteil würde stark die Lebenskraft und Kreativität jedes Menschen verkennen, der die Vorzüge eines wirklich selbstbestimmten Leben verstanden hat. Als Alternative wird die offene Weltanschauung Humanismus und Aufklärung aufgeführt. Eine interessenorientierte Ethik könne niemals relativistisch in jeder Hinsicht sein. Sie könne nämlich auf Grundpfeiler wie Logik und Empirie nicht verzichten.

Der zweite Teil des Buches befasst sich vor allem mit praktischen Schussfolgerungen aus der Argumentation des ersten Teils. Schmidt-Salomon empfielt "heitere Gelassenheit" als "Kunst, sich selbst zu verzeihen", um sich dann mit "brennender Gelassenheit" für wahrhaft humane Ideale einzusetzen. Trotz der zunächst esoterisch anmutenden Sprache, gelingt dem Autor gelingt eine humanistische Synthese aus fernöstlicher Mystik und westlicher Rationalität. Dieser Ansatz kommt jedoch gänzlich ohne metaphysisch-dogmatische Spekulationen aus. Im Gegenteil, Schmidt-Salomon fühlt sich der Tradition der Aufklärung verpflichtet: Kritik wird als Geschenk verstanden, Fehler einzugestehen als große Kunst und Vergeltung als Unglücksbringer in jeder Hinsicht.
Als Methode, ein glückliches Leben zu führen, empfielt Schmidt-Salomon eine Synthese aus drei verschiedenen Geisteshaltungen. Außerdem gibt er eine außerordentlich verblüffende und faszinierende Perspektive auf eine Politik, Rechtssprechung und Wirtschaft, die sich ethisch statt moralisch verhalten würde. An dieser Stelle soll jedoch nicht zuviel verraten werden, sonst bietet das Lesen selbst ja keine Aha-Erlebnisse mehr.

Die theoretische Herangehensweise des Buches ist nicht in allen Punkten völlig neu, aber noch nie so prägnant auf den Punkt gebracht worden. Kein anderer Autor unserer Zeit hat bisher so klar und logisch koherent die Zusammenhänge zwischen moralischem Denken und Demagogie sowie den daraus resultierenden fatalen Gewaltspiralen herausgestellt. Dank Schmidt-Salomons klarer und pointierter Sprache bereitet bei diesem Buch nicht nur der Inhalt, sondern auch der gewitze Schreibstil eine Menge Freude. Zudem wird jedes Argument mit Fußnoten und einem Literaturverzeichnis belegt, wodurch sich das Buch klar von populärwissenschaftlichen Werken abhebt. Der Lesefluss muss darunter aber glücklicherweise niemals leiden.

Lesen Sie selbst! Es könnte die aufklärende Befreiung im Denken und Handeln sein, auf die Sie immer gewartet haben!
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62 von 80 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von HanBav
Format:Gebundene Ausgabe
Wie geht es einem bis vor Kurzem eher unreflektierten Atheisten mit dem vermutlich normalen Rechtsempfinden eines unzureichend philosophisch gebildeten Ingenieurs nach diesem Buch?
Nach dem ersten Durchgang durch "Jenseits von Gut und Böse" von Michael Schmidt Salomon? Nach der Verunsicherung oder Versicherung durch ein Buch, das alle paar Seiten die Nackenhaare aufstellt?
Da gibt es einige mächtige Brocken zu schlucken. Oder wie man so sagt, einen Paradigmenwechsel in Erwägung zu ziehen oder eigentlich deren mehrere. Je nach weltanschaulichem Ausgangspunkt und Bedürfnis nach externen Stützen zieht einem das Buch erst mal fast alle Teppiche weg. Und dennoch fällt man weich, wenn man sich darauf einlassen kann. Eigentlich wollte ich sagen: einlassen will - aber schon dieses Wollen zu Wollen steht ja nicht zur Auswahl - folgt man einem Hauptgedanken dieses Buches.

Schon bei der Vorstellung des Buches in Regensburg konnte ich erleben, dass auch Menschen, die nicht von der Gottlosigkeit (meint Abwesenheit von Gotteswahn) der Denke und des Autors irritiert sein können, mit den verzwickten Folgerungen erhebliche - auch emotional bedingte - Schwierigkeiten haben. Dabei waren die Anwesenden grundsätzlich dem Autor wohl gesonnen.

Seine zentrale Aussage, wir hätten keinen freien Willen, also in gegebenem Augenblick, Situation und Historie keine Handlungsoption, ist offenbar nicht Gemeingut - vorsichtig gesagt. Sofort anstehende Fehlschlüsse hin zu Fatalismus, Rechtlosigkeit und Sinnlosigkeit aber sehr wohl.
Ich weiß immer noch nicht, ob ich mehr daran zu beissen habe, dass mir es nicht bewusst war oder dass ich nicht mal wusste, dass diverse Philosophen und Naturwissenschaftler schon lange den freien Willen verneinen - teils aus theoretischen Überlegungen, teils abgeleitet aus Gehirnforschung.

Irritierend! Immer wieder Auflehnung in mir und Mühe bei der Eingrenzung oder Eindämmung der Folgen: Tatsächlich ist die Neigung groß, bei jedem Schritt den Verlust allen Sinns, aller Werte, aller Rechte, aller Menschlichkeit zu wittern und damit vielleicht den Verlust aller Lebensfreude.
Dabei folgt aus der Abwesenheit "des Bösen" noch ohne Kopfschmerzen das Konzept der Unschuld (im Gegensatz zur Ur-Schuld = Ur-Sünde).
Aus der Unschuld folgt zusammen mit dem nicht freien Willen die Un-Schuld, also die Unmöglichkeit, Schuldig im moralischen Sinn zu sein. Weil auch gleich Moral zugunsten der Ethik eliminiert wurde.
Nicht schuldig sein zu können bedeutet aber nicht, nicht bestraft zu werden von der Gesellschaft. Vielleicht sollte man anstatt Strafe auch gleich sagen: zurechtgewiesen.

Hoppla, jetzt bin ich schon mittendrin im Inhalt und seinen Herausforderungen. Das führt zu weit hier beim ersten Bericht.

Nun ahne ich schon, wie Manche jede Konstruktion in Jenseits von Gut und Böse verreissen werden, als jenseits von Gut und Böse sozusagen, also als indiskutabel. Man kann leicht jede Folgerung unter Anwendung jedes denkbaren (und oft gedachten) Fehlschlusses ins Lächerliche und vermeintlich Unmögliche ziehen. Die Welt untergehen sehen, weil sie keine Moral mehr hat. Und damit nur noch Langnasenaffen mit Haarausfall, Neigung zu Schweissfüssen und Denkfehlern ohne Sinn und Zweck auf einem Staubkorn im Universum dahinvegetieren.
Soll heißen, ich kann mir vorstellen, dass es dieses Jenseits von Gut und Böse gibt wie beschrieben.
Einerseits.
Andererseits bleibt das unbehagliche Gefühl eines Zuschauers beim Hütchenspiel: Nur einmal gelesen und das Meiste noch nie gedacht (jedenfalls nicht im assoziativen Cortex, weil das dort so teuer und mühsam ist, wie ich gelernt habe) - würde ich da gleich logische Brüche entdecken? Bisher habe ich keinen gefunden - aber das muss nichts heissen.
Allerdings habe ich mich auch gerne auf Nuancierungen in Wortbedeutungen eingelassen. Als Ingenieur und Mann der Software fällt mir das noch vergleichsweise leicht. Aber als Programmierer weiß ich auch: Ein Fehler ist schnell gemacht, schwer gefunden und nicht immer leicht entfernt.
Vielleicht ist das Buch ja noch im Beta-Stadium und versteckte Fehler nerven mich bald.

Empfehle ich also dieses Buch?

Geschrieben ist es leicht verständlich, was Wortwahl und Satzbau anbelangt. Der Aufbau ist angemessen und zielführend. Jeder an einem Sachbuch interessierte Leser dürfte es ohne Probleme in sein "blumenkohlartiges Organ" hineinbekommen. Ungleich leichter verständlich beispielsweise als das Traktat über kritische Vernunft von Hans Alber (Trotzdem ein Muß!).

Für mich war die Reise aus "dem Paradies" durch unfassbar viel Leid produzierende Überzeugungen in Richtung zu einem Fast-Paradies faszinierend und spannend, erhellend und ermutigend.

Heftige Empfehlung also für robuste freigeistige Gemüter, die in Erwägung ziehen können, auf ihren freien Willen zu verzichten und zu Vergeben statt zu Vergelten.

Wer dagegen für sein Leben auf Konstruktionen wie Gott, Das Böse, Rache, Schuld und Sühne, apokalyptische Ereignisse und seinen freien Willen keinesfalls verzichten kann, sollte es sich nicht antun. Er könnte erheblich desorientiert und verletzt werden. Was ausdrücklich nicht an einer scharfmachenden Diktion liegt. Da ist Richard Dawkins im Gotteswahn wesentlich weniger zimperlich. Aber diesem Personenkreis könnte dieser Inhalt selbst mit "Engelszungen" überbracht existentielle Schmerzen bereiten.

Nun sind 5 Sterne ja immer gefährlich, weil zu vermuten ist, daß die kritische Distanz fehlt. Also sage ich noch, warum ich "trotzdem" 5 Sterne vergebe:

Trotz viel und teilweise nerviger Redundanz, weil das tun "die Anderen" ja dauernd und seit Jahrhunderten. Aber das ist ja ein Ingroup / Outgroup Denk-Reflex - ich werde mich bessern.

Trotz wenig zu Lachen während der Lektüre. Aber es ist ja auch nicht von Douglas Adams geschrieben, der in "Die letzten Ihrer Art" traurige und ernste Tatsachen höchst humorvoll verpackt.

Trotz viel Provokation durch abgekürzte Überschriften und unvermitteltes Kappen von tragenden Seilen, ehe die Ersatzseile zu sehen sind. Schon der Titel und Untertitel reicht aus, um das Buch gar nicht erst anzufassen - weil nicht erkennbar ist, dass nicht der Fall in die unendliche Leere folgt, sondern das Sprungtuch schon aufgespannt ist.

Ich sage Danke für diese erste Version einer existentiell wichtigen Paradigmenwechsel-Sammlung für ein besseres und freundlicheres und erfüllteres Leben. Und wünsche dem Autor gute Nerven respektive heitere Gelassenheit angesichts der anstehenden Verrisse.
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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Interessante Thesen, problematisches Fundament 12. September 2009
Von Lulu TOP 100 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Zunächst zu meinem Hintergrund, vor dem ich argumentiere: Ich selbst bin Atheistin und davon überzeugt, dass sich die Natur auf der Erde durch Evolution entwickelt. Gleiches nehme ich für unser kulturelles, soziales und technisches Umfeld an. Und die Willensfreiheit des Menschen halte ich gleichfalls für eine Illusion.

Michael Schmidt-Salomon versucht mit seinem ca. 300 Seiten starken Buch "Jenseits von Gut und Böse" dort fortzufahren, wo Nietzsche endete. Gleichzeitig scheint es sich dabei in vieler Hinsicht um einen Gegenentwurf zu Richard David Prechts Wer bin ich - und wenn ja wie viele? zu handeln, denn (21): "Schließlich geht es hier um Kernfragen unserer Existenz: Wer sind wir? Was wollen wir? Was können, was sollten wir wollen? Worauf dürfen wir hoffen?"

Gut und Böse sind gemäß Schmidt-Salomon religiös konstruierte Begriffe (34ff.), z. B. als Teil des sog. Sündenfall-Syndroms, welches für ihn die folgenden Prämissen hat:
1. Willensfreiheit des Menschen,
2. "das Gute" und "das Böse" existieren als absolute moralische Kategorien.
Der Mensch sei demgemäß für seine "bösen" Taten verantwortlich, weshalb das moralische Dreigestirn aus Schuld, Sühne, Strafe zum Tragen komme.

Die Wissenschaften würden demgegenüber solche Begriffe meiden, da sie
1. deskriptiv und nicht normativ argumentieren und
2. sämtliche Erscheinungen in der Welt auf natürliche Ursachen zurückführen.

Allerdings seien in menschlichen Gesellschaften und in der Natur Unterscheidungen wie Wohl bzw. Übel und komplexere Verhaltenskodizes im Rahmen des sozialen Zusammenlebens erforderlich (38). Die sinnliche Unterscheidung von Wohl und Wehe sei sogar ein entscheidender Schritt in der Evolution gewesen, denn mit ihr wäre die Bedeutung in die Welt gekommen (59). Die moralischen Kategorien Gut und Böse seien jedoch die Folge monotheistischer Religionen, d.h. neueren Ursprungs.

Sehr plausibel werden die Folgen der angenommenen Willensfreiheit an der Art und Weise, wie wir mit Schicksalsschlägen umgehen, verdeutlicht (40f.): Stirbt das eigene Kind, weil ihm ein Stein auf den Kopf fiel, dann sind wir geneigt, dies als Schicksal hinzunehmen, wurde es dagegen von einem Menschen erschlagen, dann sehen wir darin dessen Schuld und fordern Vergeltung.

Eingehend wird auf die Resultate der Hirnforschung eingegangen (110f.): "Den alten Dualismus zwischen Körper und Geist beziehungsweise Leib und Seele, der die abendländische Geschichte so stark prägte, hat die Hirnforschung bereits jetzt überwunden: Die Belege sprechen eindeutig dafür, dass es keinen über den körperlichen Prozessen schwebenden Geist gibt." Und (111): "Die Forschung hat gezeigt, dass wir in Wirklichkeit nur dann etwas bewusst wollen, wenn wir es auf der Basis unbewusster Prozesse ohnehin schon zu tun im Begriff sind."

Fein säuberlich grenzt der Autor Willensfreiheit von Handlungsfreiheit ab (122): "Denn die Freiheit, die wir meinen, wenn wir diesen Begriff emphatisch benutzen, ist stets eine Freiheit des Tuns, das heißt eine Handlungsfreiheit. Frei sein bedeutet, tun zu können, was man will - es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können als das, was man will."

Ein Verzicht auf das Axiom der Willensfreiheit hat für den Autor nur positive Konsequenzen (293). Menschen wären dann viel eher bereit, anderen Menschen zu helfen, die an ihrem Unglück selbst schuld sind. Denn (293): "Die Unterstellung von Willensfreiheit untergräbt das Empathievermögen." Ferner würde mit dem Abschied von der Willensfreiheit die Barriere zwischen Mensch und Natur in sich zusammenbrechen. (305) Dass sich damit auch wieder die Einführung der Todesstrafe (etwa in der Form: "Die Gesellschaft muss vor dem Täter geschützt werden. Eine langfristige Sicherheitsverwahrung ist jedoch zu teuer.") begründen ließe, erwähnt der Autor nicht.

Eingehend wendet sich der Autor gegen einen kulturellen Relativismus. Stattdessen sei die Universalität der Menschenrechte einzuklagen. Grundsätzlich stimme ich ihm hierbei zu, möchte jedoch zu bedenken geben, dass es eine solche Universalität nicht wirklich geben kann, da alle Menschenrechte evolutionär verhandelt werden. Beispielsweise gehört es aktuell zu den Menschenrechten, sich für beliebig viele eigene Kinder entscheiden zu können. Angesichts der globalen Überbevölkerung dürfte dieses allgemeine Menschenrecht schon sehr bald zur Disposition stehen.

So sehr ich mit dem Autor in vielen seiner Schlussfolgerungen übereinstimme, so sehr möchte ich erhebliche Einwände bezüglich den Grundlagen seiner Argumentation anmelden. Da ist einerseits seine genzentrische - oder genauer: replikatorenzentrische - Sicht der Evolution (57): "Die Metapher des egoistischen Gens will auf etwas anderes hinaus, nämlich auf das lange Zeit übersehene, jedoch zentrale biologische Faktum, dass in der Evolution prinzipiell nur Gene weitergegeben werden, nicht Individuen oder Gruppen." Das ist eine viel zu eingeschränkte Sicht (siehe etwa: Evolution in Four Dimensions: Genetic, Epigenetic, Behavioral, and Symbolic Variation in the History of Life). Im Rahmen der Evolution werden generell Kompetenzen - und nicht nur genetische Kompetenzen - weitergegeben.

Nicht unproblematisch sind auch die Aussagen zur Verwandtenselektion. Die Hamiltonungleichung K < r*N wird gar als das E = m*c(2) der modernen Evolutionsbiologie bezeichnet. Die Begründung der Organisation von Insektensozialstaaten mittels der Hamiltonungleichung mag zwar noch für Ameisen zutreffend sein, nicht jedoch für Bienen (siehe etwa Sandra Mitchell: Komplexitäten: Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen, S. 57ff.), und für nicht haplodiploide Arten sowieso nicht. Die Angaben und Begründungen zum Gewichtverhältnis der weiblichen und männlichen Nachkommen in Insektenstaaten (54f.) sind in dieser Form nicht zutreffend.

Bezüglich der kulturellen Evolution heißt es dann (77): "Wie die Natur, so unterliegt auch die Kultur einer Evolution." Für diese ist gemäß Autor ein weiterer "egoistischer" Replikator verantwortlich (82): "Als den universellen Replikator in den ersten drei Akten der Evolution hatten wir das Gen identifiziert. Im vierten Akt tritt nun ein weiterer Replikator hinzu: das Mem." Dieser empirisch bislang nie nachgewiesene und rein fiktive Replikator wird dann regelrecht zu einem Produkt der Hirnforschung hochstilisiert (142): "Gründe sind Meme, die ein Gehirn vor dem Hintergrund der ihm vorliegenden Informationen für die Klärung eines anstehenden Problems als so bedeutsam erachtet, dass es sie einer bewussten Bewertung im assoziativen Cortex unterzieht." Wissenschaftlich ist all das nicht haltbar, zumal andere längst eingewendet haben, dass Evolution ein von Akteuren angetriebener eigendynamischer Prozess ist, in dem die sog. Replikatoren nur Statuserhaltungssysteme sind. Schlimmer noch: Durch die Unterscheidung von Gen und Mem wird die im Buch wortreich beschworene Aufhebung der Trennung von Körper und Geist wieder zurückgenommen: Gene sind die Replikatoren für den Körper, Meme für den Geist.

Den Memen werden dabei wundersame Dinge zugesprochen (82): "Man kann sich Meme als 'geistige Viren' vorstellen, die von Gehirn zu Gehirn springen und die Gedanken, Einstellungen und Wünsche der Menschen 'infizieren'." Wie soll dies materielosen Objekten gelingen? Viren können sich nur vervielfältigen, wenn sie von ihrem Wirt Energie aufnehmen, Meme besitzen aber als geistige Konstrukte solche Fähigkeiten nicht. Immerhin liest man an anderer Stelle (139): "Ideelle Gründe müssen, sofern sie denn irgendetwas bewirken, materielle Ursachen sein!" Eben!

Ferner heißt es in diesem Zusammenhang (77): "Ein wesentlicher Unterschied zwischen biologischer und kultureller Evolution besteht in der Prozessgeschwindigkeit." Dabei werden die eigentlichen Ursachen des Phänomens verschwiegen, vermutlich, weil sie ein Tabuthema der Evolutionsbiologie berühren: Über Gene können keine erworbenen Kompetenzen weitergegeben werden, über alle höheren Kompetenzspeicherungsebenen (Epigenetik, Gehirn, externe Medien) aber sehr wohl. Selbstverständlich stellt die Möglichkeit der Weitergabe erworbener Kompetenzen einen evolutionären Vorteil dar, deshalb hat sie sich in der Natur auch so weit durchgesetzt.

Andere Konsequenzen aus dem Wegfall der Willensfreiheit sieht der Autor leider nicht: Wenn der Mensch nicht über Willensfreiheit verfügt, dann ist auch die Relativitätstheorie nicht einem freien Willen entsprungen, sondern der Evolution. Menschliche Erzeugnisse (inkl. Hypothesen) sind dann genauso "zufällige" Naturprodukte wie etwa der Apfel des Apfelbaumes. Es kann dann aber nicht mehrere Evolutionstheorien für jede einzelne Evolution geben, sondern nur eine einzige, die die gesamte evolutive Schöpfung aus den gleichen Prinzipien heraus erklärt, da ja alles gesamthaft in einem einzigen großen evolutiven Prozess entsteht. Lesen Sie weiter... ›
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