Abermals besucht Naipaul, 14 Jahre nach seiner ersten Reise, über die er in "Eine islamische Reise" berichtet hat, die islamischen Staaten Indonesien, Iran, Pakistan und Malaysia. Es ist als wäre die Zeit in diesen Ländern stehen geblieben. Naipaul geht es wiederum darum, die Begegnungen mit den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Er schreibt Reiseliteratur, die sich kritisch mit dem Phänomen des "wie können die Menschen so leben wie sie leben" befasst.
Reise ist es eigentlich nur insofern, als man zum Ort, wo diese Menschen leben, hinfahren muss. Was er schreibt, ist kritisch, die Kritik liest sich meist schon zwischen den Zeilen und aus dem, was Naipaul seine Protagonisten sagen lässt. Aber noch deutlicher als beim ersten Mal wird er selber. Zum Beispiel, wenn er schreibt: "Die muslimischen Vielehen, so lächerlich sie Außenstehenden vorkommen mochten, bescherten vielen der Betroffenen unsägliches Leid, das sich von Generation zu Generation forterbte, weil die Menschen offenbar unter dem Zwang standen, die Misshandlungen, - die Eifersucht, die Quälereien, die Vernachlässigung -, die sie hatten erdulden müssen, weiterzugeben."
Das Thema greift er mehrfach auf und findet auch keine Schlüssel es zu beschönigen. Er schreibt, er habe spät begriffen, "dass es beim muslimischen Brauch des mehrfachen Heiratens und der leichten Scheidung nicht nur um den männlichen Sexualtrieb ging: Er hinterließ kaputte Familien. Er erzeugte eine Gesellschaft aus Halbwaisen".
Fünf Monate hat Naipaul 1995 diese Länder bereist. Was er seiner Meinung nach vorgefunden hat ist ein "immenses Durcheinander, das unter Umständen auch nach tausend Jahren noch kein Ende findet". Und das soll der islamischen Gesellschaft geschuldet sein, die sich über die Besonderheiten eines jeden Volkes und Stammes übergestülpt hat. Das fasziniert ihn immer wieder aufs neue, obwohl er doch selber als Inder aus einem Kulturkreis kommt, wo das Rad der Wiedergeburten immer wieder bei einem ähnlichen Durcheinander der Gesellschaft anhält, um sich dann ebenso ungerührt wieder weiter zu drehen. Was die Menschen in ihrer nächsten Wiedergeburt sind, hat doch wenigstens der Islam beantwortet, dachte man, aber der Autor macht klar, dass auch im Islam nichts klar zu sein scheint und die Ungewissheit schafft Neurosen: "Bei der Frage, wer oder was sie sind, entwickeln die Menschen zwangsläufig Phantasievorstellungen; damit birgt der Islam in den bekehrten Ländern ein Moment von Neurose und Nihilismus." Und das spürte er auch deutlich im Umgang mit seinen Reisebekanntschaften. Diese Menschen sind unausgeglichen und noch schlimmer: "Solche Länder können leicht zum Kochen gebracht werden:"
Der Autor sieht dieses Buch selber als eine Fortsetzung des früheren. Mittlerweile hat er eine klarere Vorstellung von dem Phänomen des Islam. Die Geschichten, die er beschreibt, sollen das Land und die Leute charakterisieren.
Dabei ist er überzeugt, dass andere Menschen zwar andere Geschichten erzeugt hätten, doch das Bild, das dabei entstanden wäre, wäre das Gleiche geblieben. Die Vielschichtigkeit der Geschichten ist aufschlussreich genug. Naipaul wähnt sich als Beobachter eines Prozesses. Es ist ein Übergang von uralten Glaubensüberzeugungen, Naturreligionen und Kulten, in deren Mittelpunkt Herrscher und lokale Gottheiten stehen, zu Offenbarungsreligionen wie der des Islam mit ihren umfassenden philosophischen und sozialen Anliegen. Aber auch mit ihren Zwängen und Forderungen.
Wer das erste Buch kennt, stellt Wiederholungen fest. Das ist nicht als Mangel zu verstehen, vielmehr zurückzuführen auf die Tatsache, dass sich auch nicht viel in diesen Ländern geändert hat. Immer noch heißt es in Pakistan: "Mit dem Islam hat man es noch nie wirklich versucht!" um sich das gescheiterte Projekt der erste islamische Staat der Geschichte" nicht einreden zu müssen.
Oder, auch eine Berühmtheit: "Es gibt Freiheit im Islam!" nämlich dann, wenn man sich dem Islam unterworfen hat. Und wiederum geschieht dem Autor, wovon andere Reisende in islamische Länder, auch immer wieder berichten. Das Wort Jihad sei im Koran nie bildlich zu verstehen. "Es sich als einen bloß allegorischen Ausdruck vorzustellen ist Gotteslästerung."
Der Autor bedauert einerseits die fortschreitende Zerschlagung der Traditionen, schlimmer empfindet er aber die Kritiklosigkeit, der er oft begegnet. Herkunft und Geschichte verwandelten sich geradezu zu einer Art Neurose. "Zu viel wird außer Acht gelassen oder ausgeklammert; die Einbildung nimmt überhand. Diese Einbildung bleibt nicht auf die Bücher beschränkt; sie greift ins Leben der Menschen ein."
Das Resumeé des Autors ist hart und er ist nicht sehr optimistisch, dass das, was er über den Staat Pakistan in deutliche Worte fasst, nicht auch für die anderen nicht-arabischen muslimischen Staaten gilt:
"nach wie vor halb befangen in Leibeigenschaft, nach wie vor zutiefst unkultiviert und damit befasst die Geschichte bis in die Schulbücher hinein zu verhunzen und das Gemeinwesen zu demolieren, dem er doch dienen sollte, nichts anderes im Sinn gehabt als hier und jetzt eine kulturelle Wüstenei zu schaffen."
Ein Fernsehreporter aus Islamabad äußerte sich mir gegenüber einmal dementsprechend. Und er fügte hinzu, Beeinträchtigung kritischer Berichterstatter. Ein mir bekannter Manager, der sich zu oft kritisch geäußert hatte, erlebte Einschüchterungen, Drohungen und Gewaltanwendung von behördlichen Stellen.
An anderer Stelle betont der Autor der Islam sei die unerbittlichste Form von Imperialismus, weil er Tradition, Herkunft oder Geschichte keinen Spielraum lässt und eine eigene, "restlose" Identifikation verlangt. Das wird einem zum Beispiel auf Bali deutlich, wo südostasiatische Frauen, meist gutgelaunt und fröhlich, überwiegend dem Hinduismus zugehörig, noch traditionell mit langer Haarpracht neben muslimischen Frauen zu sehen sind, die mit ihrem Kopftuch deplaziert und unschön und meist auch nicht sehr freudvoll aussehen. Aber das erscheint wohl nur dem voreingenommenen westlichen Betrachter so, der nicht wie ein Muslim schaut.
Was mir an Naipaul auffällt, dass er versteht die richtigen Fragen zu stellen. Umso mehr erstaunt, dass er immer die "richtigen" Antworten bekommt. Dass die Menschen in der Regel frei herauskommen, mit dem was sie zu sagen haben, ist aber authentisch. Das verblüffte mich schon bei meinem eigenen Reisen gerade in Pakistan und Iran. Eine andere Sache ist, wie man an die Leute herankommt, die einem etwas zu sagen haben. Naipaul scheint dabei immer einen guten Riecher zu haben -den richtigen Namen nur bedingt. Gerade in Pakistan dürfte ein Inder nicht überall Gehör finden. Und Glück gehört auch dazu!
Dieses Buch ist empfehlenswerte Lektüre für alle die etwas über die islamische Seele von nicht-arabischen Muslimen erfahren wollen und wie sie es fertig bringen die Herausforderungen, die ihr Glaube an sie stellt, im täglichen Leben zu meistern. Das Buch ist weniger ein Ansporn für Konvertiten als eine Abschreckung. Man wird es also schwerlich in islamischen Büchereien finden.
Ein düsteres Buch! Ein bedrohliches Buch!