Gertrud Höhler findet es peinlich, dass sich momentan die obersten Krankenkassen-Funktionäre ihre Gehälter erhöhen, da den Kassen in Deutschland insgesamt im letzten Jahr gelungen ist, wieder in die grünen Zahlen zu kommen. Die Politik hatte per Gesetzgebung die Dinge verändert, in der Hoffnung, dass die sanierten Krankenkassen daraufhin den Gewinn an die Mitglieder per Beitragssenkung weitergeben würden. Hat leider mal wieder gar nicht geklappt. Wie kann man nur die GIER in den Griff kriegen? Durch allzu höfliche Gesetztesänderungen wohl nicht. Durch Strafprozesse? Die unlängst in Düsseldorf angeklagten Könige der selbstverordneten Spitzengehälter und Spitzenabfindungen gingen mit höhnischem Grinsen, Victory-Zeichen und Peanuts-Gerede unbestraft aus dem Gerichtssaal. Zum Ärger der Staatsanwälte. Zur Erschütterung der Volksseele. Zur Resignation der Politiker? Zur Trauer, scheint es, immerhin von Prof. Dr. Gertrud Höhler. Tätig als Spitzenberaterin der Industrie, weiß sie dennoch nicht ganz genau, wie Verantwortung, Wert-Orientiertheit, die Güte des Teilens, die Scham vor übergroßem Egoismus verlässlich verankert werden soll. Und weil Gertrud Höhler am eigenen Leibe erfahren hat, wie man von Ellenbogenmenschen (in ihrem Fall: Rita Süssmuth) kaltlächelnd an die Seite bugsiert wird, ist man geneigt, ihr zu glauben, dass ihr die Vermittlung von Moral eine gewisse Herzenssache ist. Zwar hatte sie von 1987-1990 einen Beratervertrag für Fragen der Öffentlichkeitsarbeit beim Vorstandssprecher der Deutschen Bank AG, Dr. Alfred Herrhausen - und die Deutsche Bank gab schließlich erst kürzlich wieder ein peinliches Beispiel für extreme Gewinnmaximierung auf der einen Seite und weitere kühle Mitglieder-Entlassungen auf der anderen, für Aktionärsbereicherung also auf der einen und für fehlendes Fürsorgeverhalten wenigstens gegenüber den eigenen Mitarbeitern auf der anderen Seite - aber Gertrud Höhler war immerhin zunächst Professorin nicht für Volkswirtschaft und Machiavellismus, sondern eine für Literatur: sie schrieb über Rainer Maria Rilke, erhielt 1964 den Kulturpreis der Stadt Wuppertal für Lyrik, 1988 den Orden wider den tierischen Ernst, 1993 einen Kulturpreis der Stiftung für Abendländische Besinnung (Zürich), wurde 1996 Frau des Jahres, erhielt 1999 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und 2002 einen Fairness-Ehrenpreis: Statt den Ellenbogen-Menschen süffisant also stets rhetorischen Beistand zu leisten, hat sie sich weitaus häufiger als manch anderes CDU-Mitglied tatsächlich mit den Fragen eines moralisch akzeptablen Werte-Kanons auseinandersgesetzt. "Chef sein heißt Menschen gewinnen, Probleme beherrschen, Sinn gestalten" sagte sie einmal. Chef sein heißt also nicht, sich heimlich alle verfügbaren Finanzen aufs eigene Konto schaufeln, Probleme verdrängen, am Sinnverlust und an der Politikverdrossenheit höhnisch mitarbeiten. Ihr Buch ist langsame, nicht hastige, atemschöpfende Lektüre wert. Vielleicht ist auf diese Weise doch noch ein positiver, überzeugender, ins Gewissen redender Einfluss zu gewinnen. Es wäre uns allen zu wünschen.