Der Autor - gelernter Sozialarbeiter und Erziehungswissenschafter - weiss, wovon er schreibt. Verbindet er doch in angenehmer Weise wissenschaftliches Vorgehen mit praktischen Berufserfahrungen unter anderem beim Sozialpsychiatrischen Dienst und bei der Schuldnerberatung.
Pfeifer-Schaupp führt den Leser zunächst im ersten Kapitel zum Thema hin und macht diesen mit einigen immer wieder kehrenden Begriffen vertraut, so dass auch für den noch nicht mit systemischen Gedankengut in Berührung gekommenen Leser nach einiger Zeit das Gefühl entsteht, sich auf vertrautem Terrain zu befinden. Überhaupt setzt der Autor stets aus didaktischen Motiven auf ankündigende Beschreibungen des Aufbaus und am Ende jedes Kapitels auf eine prägnante Zusammenfassung.
Im zweiten Kapitel skizziert der Autor die Relevanz systemischer Konzepte in der Sozialen Arbeit und weist auf einen der zentralen Punkte des systemischen Ansatzes hin, indem eingefahrene Geschichten auf andere Weise betrachtet und erzählt werden, um von einer defizit-orientierten zu einer ressourcen-orientierten Sichtweise zu gelangen. Ressourcen-orientiert ist auch der Blick auf die sozialarbeiterischen Arbeitsfelder, der zeigt, dass nicht nur therapeutisches Tätigwerden systemische Ansätze verträgt sondern auch in der Sozialarbeit gut anzuwenden sind. Er versäumt es auch nicht, darauf hinzuweisen, dass gerade in der Geschichte der Sozialarbeit vieles darauf hindeutet, dass systemisch so neu nun auch wieder nicht ist und insbesonders die weiblichen Pioniere wie beispielsweise Jane Adams schon vor über hundert Jahren Erkenntnisse hatten, die heute schön ins systemische Konzept passen. Der Autor macht in diesem Zusammenhang auch darauf aufmerksam, dass die Beschäftigung mit dem systemischen Ansatz oder unter Umständen auch eine Zusatzausbildung in systemischer Therapie (einige Ausbildungsinstitute sind inzwischen zu der Bezeichnung "Systemische Praxis" übergegangen) nicht unbedingt zu dem, wie er es nennt, "Platz an der Sonne" führen sollte, nämlich zur beratenden Arbeit mit aus-schliesslich "motivierten" Klienten, sondern mit ein wenig "Übersetzungshilfe" auf die genuin sozialarbeiterischen Arbeitsfelder übertragbar ist.
Der theoretische zweite Teil des Buches macht den Leser mit der Entwicklungslinie des systemischen Ansatzes und den theoretischen Vordenkern wie beispielsweise Maturana, Bateson und v. Foerster bekannt, wobei es ihm gut gelingt, auch schwierige soziologische Kost wie die Systemtheorie von Luhmann verdaulich zuzubereiten. Auch dieser Teil bleibt spannend und macht sicherlich den einen oder anderen Leser neugierig auf eine intensivere Beschäftigung mit den theoretischen Elementen.
Der dritte und umfangreichste Teil des Buches ist der Praxis gewidmet. Die Bedeutung des Kontextes wird dargelegt und zentrale Techniken, wie die des zirkulären Fragens, anschaulich erläutert. Die ganz wichtige Klärung der Auftragslage wird dargelegt und es werden Beispiele gegeben, wie mit einfachen Mitteln verschiedene Perspektiven in die Arbeit einfliessen können. Zum Abschluss werden dem Leser eine Vielzahl von sehr wirksamen Strategien angeboten, wie er möglichst schnell und nachhaltig in seiner Arbeit scheitern kann - mit "Burn-out" Garantie sozusagen.
Sehr sympathisch und glaubwürdig ist das Buch meines Erachtens wegen seiner Bescheidenheit. Ganz Systemiker ist Pfeifer-Schaupp nicht zu der Ansicht gelangt, der systemische Ansatz sei jetzt die lange erwartete Lösung für alle therapeutischen und sozialarbeiterischen Probleme und alles was bisher dagewesen ist, gehört in die Mottenkiste.