Es hätte alles so schön sein können: Prinz und Prinzessin. Tête-à-tête beim gemeinsamen Kakao-Genuss - Harmonie und Schmetterlinge im Bauch. Doch mit einem Mal beginnt sich über den beiden Turteltauben die Decke in ihre Bestandteile aufzulösen, aus dem lauschigen Imbiss-Plätzchen wird etwas Ekel Erregendes, Unheimliches, Unheil Verheissendes, Lebensbedrohliches. Nach der Flucht und dem Übergang in eine ganzseitige Totale wird klar, dass die liebenswert cartoonartig dargestellte, etwa einen Finger grosse Prinzessin und ihr ebenso winziger Hofstaat dem Kopf einer im Wald vermodernden Kinderleiche entstiegen sind.
Soweit der Inhalt der ersten vier Seiten von «Jenseits» von Szenarist Fabien Vehlmann und dem Zeichnerduo Zeichnerduo Kerascoët, bestehend aus Marie Pommepuy und Sébastien Cosset. Es handelt sich salopp gesagt um eine Art Version der «Minimenschen», die jedoch der Freud'schen Logik des Traums folgt. Damit ist auch klar, dass die Irritation - hervorgerufen auch durch den Kontrast zwischen dem stark stilisiertem Zeichenstil der Charaktere und realistischer Grafik, der Vermengung von fantastischem und wirklichkeitsnahem Szenario - nach diesem unvermittelten Anfang keineswegs zu Ende ist. Alles wendet sich im Verlauf der an keiner Stelle vorhersehbaren Geschichte nur noch zum Schlimmeren. - Wer «Jenseits» aufgeschlagen hat, ruht garantiert nicht eher, bis er den 92-seitigen Band ausgelesen hat. Eine höchst faszinierende, beunruhigende und nur vordergründig niedliche Graphic Novel, die als Parabel für das Scheitern des Projekts Mensch und alles Humanitären gelesen werden könnte einen mit vielen offenen Fragen zurücklässt. Unbestritten einer der Höhepunkte des Comicjahres. (Comic-Check)