Nach seinem autobiographischen Zugang auf das Christentum mit "Glauben - Philosophieren" (1997) legt Vattimo mit "Jenseits des Christentums" (2004; "After Christianity", 2002) eine allgemeinere und grundsätzlichere Reflexion der Leistung und des Verdienstes christlicher Dogmatik und Geschichte vor. Mag es auf den ersten Blick noch überraschen, einen ausgewiesenen Philosophen der Postmoderne wohlwollend über Christus und das Christentum sprechen zu hören, wird die Richtung seines Denkens rasch klar, wenn Vattimo dieses Wohlwollen in die Frage "Was bleibt?" übersetzt.
Nach dem klassisch-postmodernen, einleitenden Argument gegen die Vorstellung, es ließe sich heute noch von einem unbezweifelbaren metaphysischen Begriff der "Wahrheit" her ein einheitliches Weltbild entwerfen, unternimmt Vattimo den Versuch, dem jüdisch-christlichen Sprechen von Gott nachzuweisen, daß es sich seinem eigenen Interesse gemäß einer solchen Vorstellung enthalten müsse, wenn es den biblischen Befund ernst nimmt, daß Jesus von Nazareth selbst keine moralisch-dogmatische Festlegung Gottes vorgenommen hat. Diesen Befund deutet Vattimo als eine "Säkularisierung des Inhalts jüdisch-christlicher Tradition" (111), der zum einen auf dem Boden des Judentums und Christentums selbst geschieht, wenn beide Gott nicht im strengen Sinn "definieren" wollen, und der sich zum anderen strukturell analog zu den Einsichten der Postmoderne verhält, wenn etwa die christliche Theologie Gott als "die Liebe" verkündet, welche den Gläubigen dazu aufruft, im Sinne Jesu das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe über dogmatische Ausgrenzungen zu stellen (wenn sie also in der Praxis dazu aufruft, den Wahrheitsanspruch zu etwas Sekundärem zu erklären).
Es ist gerade das christliche Liebesgebot (und seine Bewahrung durch eine immer wieder auch gewalttätige Kirchengeschichte hindurch!), das Vattimo besonders anziehend findet, und in dem er eine Handlungs- und (wenn man so will) Begriffsbildungsmaxime entdeckt, die im Diskurs der verschiedenen Kulturen und Philosophien einige Frucht tragen könnte, wenn man sie nur "jenseits des Christentums" ernst genug nähme. In diesem Sinne interpretiert er Novalis' Schrift von 1799 "Die Christenheit oder Europa", in diesem Sinne befaßt er sich auch mit Friedrich Nietzsche und Max Weber. In gleicher Weise befaßt er sich mit kulturellen Konflikten in Europa und der Frage nach der Gewalt bei René Girard.
Auch wenn ich an mancher Stelle den Kopf wiege und Widerspruch anzumelden hätte, so ist die Lektüre dennoch äußerst anregend und erhellend. Das Buch liefert einen wertvollen Beitrag zur Einschätzung des Christentums für Nichtchristen, wenn es das Liebesgebot Jesu nicht als bloß sozialapostolischen Handlungsbegriff für solche vorstellt, die ohnehin glauben, sondern es als Gewinn christlich-europäischer Geistesgeschichte darstellt, der für die Praxis eines über sich selbst aufgeklärten Diskurses fremder Kulturen und Religionen von hohem ethischen und epistemischen Wert ist.
Respektvoll und kritisch, wohlwollend und geradezu dankbar nimmt Vattimo an, was ihm als Erbe christlicher Theologie aus der Geschichte entgegenkommt. Wer also sich mit diesem Erbe auseinandersetzen möchte, aber nicht gewillt ist, sich vor einem Forum katholischer oder protestantischer Intelligenz zu bewegen, der sollte zu diesem Buch greifen. Er sollte aber auch nicht überrascht sein, wenn er nach der Lektüre eine möglicherweise ungewohnte Lust verspürt, sich noch einmal neu mit einem dezidiert christlichen Denken zu beschäftigen. Nicht ganz ohne Ironie sei darum der Tip angefügt, daß es sich lohnt, vor, nach oder neben der Vattimo-Lektüre, sozusagen als Sprungbrett, Papst Benedikts Enzyklika "Deus Caritas est" zu lesen ("Gott ist Liebe", läßt sich über die Vatikan-Homepage herunterladen). Die Distanz zwischen beiden Werken läßt ein jedes in seinen Verdiensten nur um so deutlicher hervortreten.