Steve House ist den meisten Bergsteigern und Berginteressierten durch seine Begehung (einer Neuroute) des Zentralpfeilers der Rupalwand am Nanga Parbat, der vom Fuß bis zum Ausstieg höchsten Wand der Erde - begangen im Alpinstil, der Königsdiziplin des Bergsteigens - im Jahr 2005, gemeinsam mit Vince Anderson, bekannt geworden. Diese Kletterei, in ihrer Direktheit und Schwierigkeit, Kühnheit und Schönheit ohne Vergleich, gilt als vielleicht größte alpinistische Leistung - mindestens der letzten Jahre.
Welcher Ausnahmeathlet steht hinter dieser Leistung? Welche Geschichte, welcher lange Weg steckt dahinter? All diese Fragen beantwortet Steve House. Angefangen mit den ersten Touren als 18-jähriger amerikanischer Austauschschüler im damals noch kommunistischen Slowenien, kommt er mit Dusel und einer kleinen Notlüge als Träger zu seiner ersten Expedition in den Himalaya, zum Nanga Parbat - ein Erlebnis was ihn prägen und 15 Jahre (beg)leiten wird. Damit beginnt eine Reise durch die Berge dieser Welt. Steve House ist infiziert, er hat einen Blick in eine Welt geworfen, der ihn verändert hat. Er wirft alle bürgerlichen Normen und Ängste über Bord, er bricht mit allen Erwartungen, wird Bergführer, begeht schwierigste Touren in den Rockies, in Südamerika, den Alpen und vor allem Alaska.
Das Buch ist eine Auswahl dieser unzähligen Touren. Jedes Kapitel befasst sich mit einer Phase, teilweise nur mit einer Tour, und zwar bis ins Detail - einzelne Klettergriffe, das setzen einer Sicherung, die Suche nach einem Biwakplatz, man kann den erschöpften Atem hören, man kann den Angstschweiss riechen. Und irgendwann ist er nicht mehr derjenige der folgt, der nachsteigt, der die Routen der großen Meister nachklettert, jetzt steigt er vor an den schwierigen Seillängen, er begeht neue Routen, durchsteigt bis dahin unbegangene Wände. Begleitet werden die Geschichten von erschreckenden Erfahrungen, Stürzen, Fast-Katastrophen und dem Tod von Partnern. Insbesondere die Begegnungen mit Alex Lowe, Mark Twight und anderen Helden der (nordamerikanischen) Kletterelite beschreibt er eindrucksvoll. Der Respekt den er vor ihnen hat, genau so wie die Menschlichkeit, die Fehlbarkeit, die sie besitzen. Die Bedeutung der Partnerschaft als eines der wichtigsten Elemente von Erfolg und Misserfolg wird von Steve House sehr ehrlich und direkt behandelt.
Ich habe viele Bergbücher gelesen. Die neueren von Twight, Kammerlander, Glowacz, aber am liebsten die Klassiker von Messner, Buhl, Heckmair, Bonatti. Genau wie das Bergsteigen eine besondere, fast philosophische Sportart ist, in der neben Fitness und Technik, vor allem Strategie, Erfahrung und das Spiel oder der Kampf mit Fels, Eis, Wind und Wetter (fernab von Turnhallen und Trainingsplätzen) mitten in der unzivilisierten Natur, wesentliche Bestandteile sind, sind Bergbücher für mich nicht unbedingt nur spannende Geschichten, es sind autobiografische Dokumente, Erzählungen mit Tragödien, Fehlern, Momenten der Angst, dem Scheitern, des Überwindens, des Wagens und den einzigartigen Momenten des reinen Glücks. Keine fiktiven Geschichten, sondern reale, oder kurz: des Lebens.
Steve House gelingt es auf sehr nüchterne, analytische Art, manchmal mit einer schützenden, einsamen Kälte und Härte, diese Geschichten so real zu beschreiben, als würde er sie in einer langen Nacht am Hüttenfeuer, persönlich erzählen. Sie sind oft so ehrlich und intim, dass man sich fragt, woher er den Mut nimmt, diese Dinge zu beschreiben. Wenn er von der Ohnmacht und der Distanz an Beerdingungen, der Enttäuschung vom Verhalten eines Kletterpartners, der eigenen Fahrlässigkeit, oder den Schwierigkeiten eines Ausnahmealpinisten sich ein normales irdisches Leben aufzubauen schreibt. Durch seine Kühnheit ist er den Klassikern der Berge und der Bergliteratur näher als viele humorvolle und den Spaß am Bergsteigen beschreibende moderne Sportkletterer und Bücher. Sein leichter, extrem austrainierter und schneller (Kletter-) Stil ist seiner Zeit voraus.
Die eindrucksvollsten Geschichten sind sicher seine extrem schnellen Touren über Stunden bis Tage ohne Pausen, sowie die Solobegehungen in Alaska und am K7 und natürlich die Route an der Rupalwand. Diese 7 Tage in einem anderen Universum, fernab von allem Irdischen sind unheimlich real beschrieben, sehr spannend und sehr nah - und gleichzeitig wie ein benommener Traum. Und er beschreibt seinen größten Erfolg, nicht ohne die tiefe Leere nach dem Erreichen eines Lebenstraums zu schildern. Das für mich jedoch stärkste Kapitel ist der Epilog, in dem er die immer wieder gestellte und unzählige Male unzureichend gelöste Frage nach dem Sinn des Kletterns unter Einsatz des höchsten Risikos versucht zu beantworten. Es gelingt ihm. Hier meint man nicht nur das Geheimnis des Ausnahmeathleten hinter der unbegreiflichen Leistung am Nanga Parbat zu verstehen, sondern auch das des Menschen hinter allem. Spätestens hier führt er den Leser jenseits des Berges.
Fazit: Eines der stärksten Bergbücher der letzten Jahre, eines der stärksten Bergsteigers der letzten Jahre.
Und wen eher technische Daten interessieren: Das Buch ist für ambitionierte Bergsteiger so geeignet wie für Nichtbergsteiger. Selbst einzelne detaillierte Beschreibungen beim Vorsteigen einer 3-stündigen Seillänge lesen sich flüssig runter. Es ist ein Krimi. Und eine Biografie. Der einzige vielleicht minimale Schwachpunkt ist, dass man manchmal meint rauszulesen, dass es eine Übersetzung ist und nicht der Originaltext, wenn einzelne Sätze etwas hölzern klingen. Aber diese Passagen sind selten und 5 Sterne für das Buch mehr als verdient. Begleitet wird alles von zahlreichen sehr eindrucksvollen schwarz-weiß Fotos während der Erzählungen und einer Sammlung an (etwa zwanzig ganzseitigen) unglaublichen Farbbildern in der Mitte des Buches. Die Bindung ist schön. Messner hat es sich nicht nehmen lassen ein nettes Vorwort zu schreiben. Alle Bergsteigerischen Fachbegriffe werden lexikonartig auf mehreren Seiten erläutert. Und es gibt drei knappe, gezeichnete Übersichtskarten der wichtigsten Berggebiete der Touren.