Unternehmen, die sich nur an Gewinn und Wertschöpfung orientieren, sterben früh - behauptet der ehemalige Shell-Manager Arie de Geus. Eine geringere Sterblichkeitsrate von Unternehmen sei hingegen für alle Beteiligten von Vorteil - auch für die Aktionäre, da die langfristige Leistungsbilanz so genannter "visionärer" Unternehmen weit über dem Durchschnitt liegt. Doch welche Faktoren spielen für die Langlebigkeit von Unternehmen eine Rolle? Arie de Geus war 38 Jahre lang bei Royal Dutch/Shell beschäftigt, zuletzt als Leiter der internationalen Planungsgruppe in Großbritannien. In seinem Buch "Jenseits der Ökonomie" beklagt er, dass die meisten Firmen nicht einmal 20 Jahre alt werden. Für das "Sterben im jungen Alter" macht er die strikte Ausrichtung des Managements am Shareholder Value verantwortlich.
Langes Leben durch Veränderungen Hierzu bezieht er sich auf eine Studie von Shell über Langlebigkeit von Großunternehmen, die zeigt, dass die wenigen Unternehmen, die älter werden, nicht nach rein ökonomischen Vorgaben geführt werden. Eine Ausrichtung an der ökonomischen Erfolgsdefinition ist nur möglich, solange die Manager ihre Welt unter Kontrolle haben. Weil Vielen dies heute jedoch nicht mehr gelingt, muss jede Organisation in der Lage sein, neue Fertigkeiten und Denkansätze herauszubringen. Lernen heißt in erster Linie, Veränderungen erfolgreich zu meistern, indem man sich selbst verändert. Die Studie ermittelte vier Schlüsselfaktoren für das erfolgreiche Überleben "visionärer" Unternehmen:
1. Sie reagieren sensibel auf ihre Umwelt und bleiben in Harmonie mit ihr. Dies ist ein Ausdruck ihrer Lern- und Anpassungsfähigkeit. 2. Sie zeichnen sich durch einen festen Zusammenhalt und ein ausgeprägtes Identitätsgefühl aus und erreichen so eine starke Mitarbeiterbindung, die - insbesondere in Zeiten des Wandels - entscheidend zur Überlebensfähigkeit beiträgt. 3. Sie sind tolerant gegenüber Aktivitäten im Grenzbereich: Sie dulden Außenseiter, Experimente und exzentrische Ideen und erweitern dadurch ständig ihr Wissen und ihre Möglichkeiten. 4. Sie halten sich an den Grundsatz der vorsichtigen Finanzierung und setzen ihr Kapital nicht leichtfertig aufs Spiel. Das verfügbare Kapital macht sie flexibel und unabhängig, so dass sie sich eröffnende Chancen nutzen und selbst über ihr Wachstum und ihre Entwicklung bestimmen können.
Zukunft durch Innovationen und intelligente Führungskonzepte Nicht ausschlaggebend ist laut de Geus hingegen die Fähigkeit, eine hohe Kapitalrente für die Investoren zu erwirtschaften. Die Rentabilität ist Symptom, aber kein Beweis oder entscheidender Faktor für den intakten Gesundheitszustand des Unternehmens. Die Zahlen alleine geben keinen Hinweis auf die Bedingungen, die zu einer künftigen Verschlechterung des Zustandes führen könnten, sie geben nur die Vergangenheit wieder. Denn wenn sich Probleme erst einmal in den Bilanzen niederschlagen, ist es für präventive Maßnahmen bereits zu spät. Wichtiger für die Zukunft als die Finanzkennzahlen sind hingegen Produkte, die ein Unternehmen "in der Pipeline" hat, innovative Ideen oder geistreiche Fertigungs- und Führungskonzepte. Die meisten Unternehmen konzentrieren sich auf einen möglichst hohen Gewinn. Diese Konzentration ignoriert aber die beiden stärksten Kräfte, die auf Unternehmen heute einwirken: den Wechsel zum Wissen als entscheidendem Produktionsfaktor und die wandelbare Umwelt der Unternehmen.
Kapital ist im Überfluss vorhanden - Wissen ist knapp und wertvoll Der Erfolg eines Unternehmens hängt nicht mehr vom Kapital ab, da sich die Gewichtung der Produktionsfaktoren Boden, Kapital und Arbeit verändert hat. Kapital ist heute im Überfluss vorhanden, kostbar sind hingegen die Mitarbeiter und ihr Wissen. Die Unternehmen mit den höchsten Wachstumsraten verkaufen Wissen: internationale Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberatungen, Werbeagenturen, Mediengesellschaften, Investmentbanker und Softwarefirmen. Auch die klassischen Produktionsunternehmen unterscheiden sich vom Wettbewerb durch das Know-how, das in ihren Produkten steckt. Manager müssen daher neue Prioritäten setzen und ihre Unternehmen so führen, dass nicht mehr das Kapital, sondern der Mensch optimal gefördert wird. Die Mitarbeiter sind die Träger des Wissens und damit die Grundlage des Wettbewerbs. De Geus gelingt es in diesem Buch, die Diskussion um Managementstrategien und Unternehmenserfolge von einer außergewöhnlichen Blickrichtung zu führen und damit neue Gedanken zu entwickeln. Die von ihm angeführten Aspekte zur Unternehmensbewertung - weg vom ausschließlichen Blick auf den Shareholder Value - bieten neue Ansätze auch für die Nachhaltigkeitsdiskussion.