Jens Lehmann beschreibt in seiner Autobiografie im Wesentlichen seine sportlichen Anfänge und seine einzelnen beruflichen Stationen einschließlich der Nationalmannschaft.
Das Buch liefert einen schonungslosen Einblick in die Härten des Profi-Fußballgeschäfts. Eine Geschichte um Roman Weidenfeller beispielsweise klingt in ihrer Grobheit schon fast unglaubwürdig. Darüber hinaus werden die (Angst der Fußball-Verantwortlichen vor der) Macht der Medien und auch die Mechanismen des (Bayern-)Lobbyismus sehr gut beschrieben.
Neben diesen ernsten Themen enthält das Buch aber auch zahlreiche lustige Anekdoten, unter anderem aus Jens Lehmanns Jugend, die den Leser teilweise noch zusätzlich durch den ihm eigenen trockenen Humor begeistern.
Besonders interessant fand ich die Autobiografie auch immer dann, wenn Oliver Kahn "ins Spiel" kam, wobei in diesem Zusammenhang insbesondere das zwischen den Zeilen Stehende zu beachten ist.
Worauf auch immer es zurückzuführen sein mag - ob auf Minderwertigkeitsgefühle, unterschwellige Aggressionen oder schlichtweg Überheblichkeit - an vielen Stellen kommt eine gewisse Geringschätzung zahlreichen Mitspielern gegenüber zum Ausdruck. Wenn Jens Lehmann beispielsweise scheinbar nachsichtig betont, dass seine Nationalmannschafts-Kollegen bestimmte Dinge einfach nicht wissen können, weil sie nicht in einem so großen Verein wie Arsenal London spielen, oder wenn Michael Ballack in einem meines Erachtens hinkenden Vergleich - natürlich mit Lehmann selbst - mangelnde Belastbarkeit unterstellt wird, so mag das zwar etwas unsympathisch wirken, gewährt dem Leser aber dennoch Einblicke in den Charakter des streitbaren Torwarts, und auch das spricht wiederum für das Buch. Dennoch kann ich nicht verhehlen, dass meine bis dato hohe Meinung über Jens Lehmann nach dem Lesen der Autobiografie einen leichten Dämpfer erhalten hat. Jens Lehmann war sicher ein großartiger, ehrgeiziger und wahrscheinlich auch lange Zeit verkannter Torwart, doch hätte es von Charakter gezeugt, die eigenen Stärken und Kenntnisse aufzuführen, ohne die Leistungen der Mitspieler und Konkurrenten gleichzeitig in dem Maße herabzuwürdigen.
Kritik an sich selbst zählt dagegen nicht zu seinen Stärken. So war er eigentlich an fast jeder gelben oder roten Karte im Grunde genommen unschuldig. Doch auch diese mangelnde Selbstkritik scheint nun einmal Bestandteil seines Charakters zu sein. Teilweise hat es sogar einen recht hohen Unterhaltungswert, wenn sich Jens Lehmann wegen einer gelben Karte rechtfertigt, und dann der lapidare Nachsatz kommt: "Und weil ich bereits in der ersten Halbzeit wegen einer Kleinigkeit Gelb gesehen hatte,...". Aber man muss wissen, worauf man sich einlässt...
Dabei schimmert durchaus auch der nette, liebenswerte Jens Lehmann durch, der etwa, was im Profifußball fast schon Seltenheitswert besitzt, eine langjährige und nach meinem Kenntnisstand skandalfreie Ehe mit seiner "großen Liebe" vorweisen kann, oder der das uneheliche, von ihm adoptierte Kind seiner Frau - auf diese Tatsache wird auch gar nicht eingegangen - im Buch schlicht als seinen "älteren Sohn" bezeichnet.
Wie dem auch sei, Kritik üben muss ich auf jeden Fall wegen einiger Fehler, die Jens Lehmann, der nie müde wird, seinen Perfektionismus zu betonen, in seiner Autobiografie offensichtlich unterlaufen sind.
So kann sich eine eigentlich interessante Geschichte um Udo Lattek und den tödlich verunglückten Fußballspieler Maurice Banach schon auf Grund des Todeszeitpunktes des einstigen Stümer-Talents so nicht ereignet haben - einmal ganz abgesehen davon, dass Udo Lattek zum damaligen Zeitpunkt Sportdirektor und nicht, wie von Jens Lehmann geschrieben, Trainer beim 1. FC Köln war.
Auch wird das Ergebnis des WM-Viertelfinalspiels 1998 gegen Kroatien falsch wiedergegeben.
Letztlich hätte ich mir auch noch einige Bilder aus Lehmanns Jugend und Karriere gewünscht.
Dennoch vier Sterne, weil "Der Wahnsinn liegt auf dem Platz" einfach ein flüssig geschriebenes, ungemein unterhaltsames Buch über die Karriere eines großen Sportlers mit vielen Facetten ist.