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Thomas Jefferson in neuen Darstellungen
Von Robert Schneebeli
Der dritte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika war der am vielseitigsten begabte und gebildete. Seinem Freiheitspathos zum Trotz aber wich er dem Skandalon der Sklaverei aus.
Im vorrevolutionären Frankreich ermassen nur Condorcet, der Sekretär der Akademie der Wissenschaften, und einige wenige andere, welch radikale Wende in der Geschichte des Abendlandes die Amerikaner gelassen eingeleitet und was für ein grosses Wort sie in der Erklärung vom 4. Juli 1776 feierlich ausgesprochen hatten. Der König von Frankreich unterstützte im Krieg zwischen den Kolonien und England nicht die neuen Republiken, sondern nur die Rebellen gegen seinen alten Feind jenseits des Kanal. Jahre nachher schreibt Chateaubriand, der 1791 auf der Flucht vor der Revolution in Amerika weilte, in seinen «Mémoires d'Outre-Tombe», die «alte Gesellschaft» habe im jungen Amerika ihr Ende gefunden, und dort habe eine Republik bisher unbekannter Art einen Wandel im Menschengeist angekündigt. Die Vereinigten Staaten hätten die Revolution, welche Frankreich mit seinen Waffen unterstützt habe, nach Frankreich «zurückgeschickt». Erst 1835 und 1840 erschien Tocquevilles nachdenkliche Studie über die Demokratie in Amerika.
Aus dem zweiten Teil der Unabhängigkeitserklärung, der Anklage gegen den König von Grossbritannien, versteht sich, was die Kolonisten zur Besinnung auf die vorab verkündeten «selbstverständlichen Wahrheiten» gebracht hatte, dass nämlich «die Menschen gleich geschaffen» seien und «unveräusserliche Rechte auf Leben, Freiheit und das Streben nach Wohlbefinden» besässen. Das war die radikale Absage an den europäischen Staatsentwurf aus dem Mittelalter. Nach diesem standen unter dem Königsfrieden keine allen angeborenen, sondern nur besondere, verbriefte Freiheiten und Rechte Privilegien unter Schutz. Es war auch eine Absage an den Staatsentwurf der frühen Neuzeit, der das fortwuchernde Feudalwesen und das aufstrebende Merkantilwesen unter die Kontrolle des absoluten Fürsten zu bringen trachtete. Die Monarchie ist die Erwiderung auf das Faustrecht oder das Gezänk von Parteien. Die Republik ist die Entgegnung auf die Despotie des Alleinherrschers.
ZUKUNFT DER DEMOKRATIE
Für die amerikanischen Kolonisten gab es, wie ihnen der Engländer Thomas Paine im Frühjahr 1776 in der Schrift unter dem bezeichnenden Titel «Common Sense» darlegte, nur die Republik. Die Briten mochten diese Botschaft nicht hören. Sie hatten im vorangehenden Jahrhundert in ihrem Land den Versuch der Republik scheitern sehen und dreissig Jahre darauf die Monarchie in erträgliche Form bringen können. Jedoch verstanden sie ihre Verfassung in Amerika sowenig zu praktizieren wie in Irland. In Frankreich war die Monarchie mit ihrem altmodischen Apparat und Zeremoniell dermassen missgestalt geworden, dass weder die Kritik der Aufklärer noch die Mahnung der Vorgänge in Amerika einen Weg zu einer mässigen Reform vor den ersten erschütternden Ereignissen von 1789 wies.
Zweihundert Jahre später steht die demokratische, föderative Union in Nordamerika trotz ihrer Prosperität im Innern einer Anzahl grosser sozialer Probleme gegenüber, die sie nicht ewig vor sich herschieben kann. Wenn die grosse amerikanische Demokratie die Abhilfe der Nöte der «multikulturellen» Gesellschaft und die Überbrückung der grossen sozialen Kluften zwischen Reich und Arm, zwischen Gebildet und Ungebildet, zwischen den Gruppen ganz verschiedener Herkunft nicht schafft und gleichzeitig ihrer Rolle als Weltmacht nicht gerecht wird, könnte es um die Zukunft des demokratischen Paradigmas in der Welt schlecht bestellt sein. Wenn der Glaube daran verlorengeht, könnte der «common sense» suggerieren, andere Staatsformen seien tauglicher. Den irischen Diplomaten und Intellektuellen Conor Cruise O'Brien, der an vielen Orten der Welt gewirkt hat, versetzt die Sorge um die Tauglichkeit der Demokratie in Nordamerika in Unruhe. Aus dieser Besorgnis heraus hat er in den letzten Jahren zwei provokative Bücher geschrieben: eine Betrachtung der Welt an der Schwelle zum neuen Jahrtausend und eine Untersuchung über das Verhältnis Thomas Jeffersons, des dritten Präsidenten der USA, zur Französischen Revolution.
Im ersten halben Jahrhundert des Bestehens der Union übten Staatsmänner von grossem Format die amerikanische Politik ein. Washington, Adams, Jefferson, Madison, Monroe, Alexander Hamilton, Albert Gallatin und John Jay orientierten sich an grossen Zielen. Thomas Jefferson (17431826) war der am vielseitigsten Begabte und Gebildete. Über ihn orientiert kompetent der Amerikanist Peter Nicolaisen in einer knappen Monographie. Nicht nur war Jefferson in alten und neuen Sprachen belesen und konnte als geschulter Jurist Prozesse führen. Er verstand sich auf die Vermessungskunst, entwarf Häuser und leitete deren Bau, ritt Pferde zu, bestimmte Pflanzen, züchtete Tiere und betrieb kundig noch vieles mehr. Im Sommer 1804 weilte Alexander von Humboldt auf seiner Amerikareise drei Wochen lang als Gast beim Präsidenten Jefferson. Diesem hatte man dreissig Jahre vorher die Abfassung des Entwurfs für den Text der Unabhängigkeitserklärung anvertraut. Er setzte den Ton, den das Dokument durch alle Beratungen hindurch behielt und der Beispielcharakter gewann.
Die Lobpreisung der Freiheit in der Erklärung entspricht Jeffersons Temperament, das sich gegen jegliche Art von Beschränkung auflehnt. Er erklärte einmal unumwunden, beim Schreiben beachte er die Regeln der Grammatik und des Stils, setze sich aber darüber hinweg, wenn sie ihn an der Deutlichkeit der Aussage, wie er sie im Sinn habe, hinderten. An einer anderen Stelle bekannte er, wer sich einer grossen Mission unterziehe, müsse sich auch aus dem Schutz der geschriebenen Gesetze herauszutreten getrauen, wenn er durch zu ängstliche Befolgung des Gesetzes dieses selbst in Gefahr bringe. Das koloniale Regime hinterliess in dem jungen Amerikaner ein tiefes Misstrauen gegen Regenten und Magistraten und eine Grundstimmung von beinahe unbesonnenem Freiheitsdrang. Deshalb begrüsste Jefferson den Ausbruch der Französischen Revolution. Er war vom Frühjahr 1785 bis zum Herbst 1789 Gesandter seines Landes in Frankreich und lernte dort nicht nur die Regierung, sondern auch die intellektuelle Opposition kennen.
Über den Aufenthalt Jeffersons in Frankreich orientiert ausführlich und nuanciert eine neue Monographie von William Howard Adams. Er habe, schrieb Jefferson an George Washington, von der monarchischen Staatsform nichts gehalten, bevor er nach Europa kam; was er hier sehe, mache ihn erst recht zu deren Feind. Allerdings trübte diese Ansicht Jefferson die Wertschätzung der verfeinerten französischen Umgangsformen nicht, im Gegenteil. Als Gesandter schrieb der Verfasser der «Betrachtungen über den Staat Virginia» (1785), die seit einigen Jahren in einer deutschen Ausgabe vorliegen, aus Paris ausführliche und präzise Berichte an seine Regierung. Leider beherrschte Jefferson das Französische nicht so gut, dass er auch den Einwohnern des Gastlands über sein Land umfassend und elegant Auskunft hätte geben können. Seine Muttersprache handhabte er in der Schrift besser als in der Rede.
AMERIKANISCHE AUSSENPOLITIK
Die Aussenpolitik der jungen Union musste sich über Verträge bilden, an welche dann die Gliedstaaten gebunden waren. Im Wirtschaftsverkehr galt es für Amerika, pragmatisch einen Mittelweg zwischen dem alten Merkantilismus und einem erst sich anbahnenden freieren Handel zu suchen, was dem Naturell Jeffersons entsprach. Dieses Naturell jedoch trieb ihn auch zu weit ausgreifenden und hochfliegenden Plänen: demjenigen einer umfassenden internationalen Wirtschaftsordnung in Form eines Vertragssystems, dem Entwurf einer Land- und Seekriegsordnung, welche kriegerische Handlungen ausschliesslich auf die Streitkräfte beschränkt und alle friedlichen Erwerbstätigkeiten geschont hätte, und dem Gedanken der Gewährung von Bürgerrechten an vorübergehend im eigenen Land niedergelassene Personen anderer Staaten auf Gegenseitigkeit. Jefferson liess die Pläne fahren, sobald er einsah, dass niemand darauf einging. Der Schwung für das Grosse verdunkelte ihm nicht den Sinn für das Mögliche. Der Sinn für das Mögliche nahm ihm nicht in allem den grossen Schwung.
Aus seinem Hass gegen England heraus hielt Jefferson von 1789 an aufs hartnäckigste am Glauben fest, was in Frankreich geschehe, sei die Fortsetzung dessen, was Amerika begonnen hatte. Er wollte an der Französischen Revolution nicht wahrhaben, was in seine Vorstellung davon nicht passte. Das Blut, das da floss, schien ihm nötig, «um den Baum der Freiheit zu begiessen». Und er meinte, Regierungen müssten stetsfort in einiger Furcht vor dem Volk leben, um nicht übermütig zu werden. Dass auch das Volk übermütig werden kann, übersah er gänzlich.
Er war ohne alles Verständnis für die Einsicht Edmund Burkes, der bereits 1790 in seinen «Betrachtungen zur Revolution in Frankreich» die gedankliche Konfusion und die Skrupellosigkeit der Revolutionäre so klar erkannte, wie er das Wesen einer soliden Staatsordnung umriss. Die Leute um die Zeitschrift «The Federalist», in welcher die Struktur und die Funktion der Union diskutiert wurden, galten Jefferson als sklavisch an britische Vorstellungen von ausgewogener Regierung gebunden. Präsident Washington unterstellte er sogar monarchische Allüren. Er erhoffte sich für die amerikanische Union eine Zukunft ohne grosse Städte, ohne mächtige Industrie, ohne umfangreichen Handel. Der ideale Amerikaner seiner Vorstellung war der Pflanzer.
SKLAVENHALTER
Nicht dass er vor der Macht zurückgeschreckt wäre. O'Brien behandelt ausführlich die recht unzimperlichen Manöver des Staatssekretärs Jefferson gegen die Politik des Finanzministers Hamilton zur Stärkung der Union, die er von Präsident Washington weitgehend begünstigt sah. Jefferson stützte sich auf die in Amerika weit verbreitete Sympathie für Frankreich. Die Neutralitätspolitik George Washingtons behagte ihm nicht. Vor äusserster frankophiler Torheit bewahrte ihn auf dem Höhepunkt der Revolution der Übermut des französischen Gesandten. Dieser, Citoyen Genêt, behauptete nicht nur kühn, Frankreich habe Amerika befreit, sondern wollte sich auch als der Vertreter des französischen Volkes direkt an die amerikanische Nation gegen deren Regierung wenden. Auch hier war Jefferson Realist und stimmte dem Verlangen auf Abberufung des Gesandten zu.
Das Amt des Präsidenten führte er 18001808 auf betont schlicht republikanische Weise. Er packte resolut zu, als sich 1803 die Gelegenheit bot, von Napoleon das Territorium Louisiana im Süden zu einem günstigen Kaufpreis zu erwerben.
Hingegen zauderte Jefferson sein Leben lang in einem Bereich, der im Zusammenhang mit der Unabhängigkeitserklärung und im Hinblick auf die Zukunft der Union von fundamentaler Bedeutung war und es nun heute erst recht ist. Als Pflanzer in Virginia besass er gegen 200 «Negersklaven». In seinem Entwurf für die Erklärung von 1776 stand unter den Klagen gegen den englischen König auch, dieser habe den Sklavenhandel nicht unterbunden. Der Satz wurde aus der gültigen Fassung gestrichen. Die Kontroverse über die Sklaverei bestand in der Union von Anfang an. Sie konnte im Konflikt mit England nicht ausgetragen werden und wurde auch nachher lange verdrängt. Die Pflanzer wollten nicht einmal darüber nachdenken, wie man den Tabak anders als mit Sklavenarbeit ziehen, ernten und auf den Markt schaffen könnte. Eine Bewegung für die Abschaffung der Sklaverei war nicht «practical politics». Auch Jefferson wäre ohne Sklaven bei der Bewirtschaftung seines Landes verloren gewesen. Freigelassene Sklaven hinwiederum hätten kaum gewusst, wie sie inmitten einer feindseligen Bevölkerung ihr Leben fristen sollten. Sie wussten es auch nach der Befreiung, 1863, nicht. Jeffersons Hoffnung, mit der Zeit verschwinde die Sklaverei von selbst, konnte bei seiner Weltkenntnis doch kaum aufrichtig sein.
Selbst wenn man sich die Zustände jener Zeit vor Augen hält, kann man den Schluss kaum vermeiden, dass Jefferson durch die gedankliche Orientierung, zu der er sich bekannte, zumindest zu einem unablässigen Nachdenken über die Diskrepanz zwischen der feierlichen Aussage, die Menschen seien «selbstverständlich» gleich geschaffen, und der Tatsache der Sklaverei hätte provoziert werden müssen. Statt dessen wand er sich durch mancherlei Ausflüchte hindurch. Er erörterte in den «Betrachtungen», dass die Menschen schwarzer Hautfarbe weniger zivilisationsfähig seien als die Weissen. Er behauptete, es sei ausgeschlossen, dass Schwarze und Weisse im gleichen Land friedlich beisammen leben könnten.
Wie allenfalls die Trennung zu vollziehen wäre, liess er unbesprochen. Eine Rückschaffung nach Afrika konnte auch er sich nicht vorstellen. Und an die Widerrufung der «selbstverständlichen Gleichheit» der Menschen, wie sie das Dokument von 1776 festhielt, war nicht zu denken. Es überrascht angesichts dieser Widersprüche nicht, dass im Gegensatz zu älteren hagiographischen Monographien und Biographien Jefferson in dem neuen, flüssig geschriebenen und gut dokumentierten Werk von Joseph J. Ellis zutreffend als Sphinx bezeichnet wird.
Conor Cruise O'Brien denunziert wegen der Unentschiedenheit und Unentschlossenheit in der Sklavenfrage mit fast missionarischem Eifer alle Versuche, Jefferson zu einer Leitfigur emporzustilisieren, wie solche seit Errichtung des Denkmals, 1943, zweihundert Jahren nach seiner Geburt, unternommen werden. Er fordert statt dessen, an der Schwelle zum neuen Jahrtausend und unter den Verhältnissen, welche mit dem Wort «Globalisierung» grob zu kennzeichnen sind, müsse das Zusammenleben von Menschen verschiedener Rassen und Kulturen mit höchster Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit angestrebt werden. Über die Schwierigkeit des Unterfangens gibt sich der auf vielen Missionen ernüchterte Praktiker O'Brien ebensowenig Illusionen hin wie über dessen Notwendigkeit.
Dass die Kolonialisten schlicht und kühn als «selbstverständliche Wahrheit» erklärten, die Menschen seien gleich geschaffen, kann man nach ihrer Erfahrung der Diskriminierung durch das Mutterland verstehen. Dass dabei der Blick auf die alte Welt der Weissen eingeengt war, ist jedoch auch in historischer Perspektive kaum anders denn als aufklärerische Überheblichkeit zu werten. Desgleichen kann man begreifen, warum ein paar Jahre später in der Französischen Revolution die Gleichheit in einem Atemzug mit der Freiheit und der Brüderlichkeit als keiner Erklärung bedürftige Forderung erhoben wurde. Die festgeschriebenen Ungleichheiten der Rechte, welche Ständen, Schichten, Gruppen und Landschaften gewährt waren, standen jedem Gefühl von Freiheit im Wege.
So ärmlich indessen, dass sie alle Exemplare einer Spezies ganz gleich schüfe, ist die Natur nicht. Menschliche Individuen und Gruppen wollen sich voneinander unterscheiden, Eigenheiten und Eigenschaften ausbilden und sie wie Eigentum festhalten. Zur Entfaltung der Freiheit bedarf es auch der Rücksicht auf die ungleiche Begabung, Veranlagung und Situierung von Individuen und Völkern. Nach einem alten Grundsatz wird unter der Gerechtigkeit jedem das Seine zuteil und von keinem mehr als das Seine in Anspruch genommen. Darin liegt Anerkennung der Gleichheit ebenso wie der Ungleichheit. Für den Bestand der Freiheit ist Gerechtigkeit wichtiger als Gleichheit. Die Anerkennung unverlierbarer und unveräusserlicher, substantiell gleicher Würde wie wesensmässig gleicher Gebrechlichkeit und Fehlbarkeit eines jeden Menschen, ungeachtet der Abstammung, ungeachtet der Begabung, ungeachtet alles Vollbrachten und Verfehlten, Erworbenen oder Verlorenen, ist eine Leistung der Zivilisation. Diese Anerkennung muss sich ausdrücken in der Gewährleistung von bestimmten Rechten einer jeden Person durch den Staat, ja die Gemeinschaft der Völker und Staaten.
Dass ein so vortrefflicher Mann wie Jefferson vor dem Skandalon der Sklaverei in der freien Gesellschaft Amerikas auswich, ja zuweilen den Eindruck aufkommen liess, zur Freiheit des Amerikaners gehöre sogar das Recht zum Besitz von Sklaven, zerstört nicht, aber mindert doch den Ruhm und rührt selbst an die Glaubwürdigkeit des Hauptverfassers der grossartigen Deklaration von 1776 und derjenigen, die sich unbedenklich auf diese berufen.
Thomas Jefferson: Betrachtungen über den Staat Virginia. Manesse-Verlag, Zürich 1989. 494 S., vergriffen.
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