Philip Roth Jedermann
Hanser Verlag
In seinem soeben erschienen Roman schreibt Philip Roth über das Alter. Es ist sein unvergleichlich realistischer, klarer und reflektierter Sprachausdruck, der mich auch an diesem Buch fasziniert.
Dieses Mal steht nicht Zuckermann, sondern Jedermann für das Alter Ego des Dichters.
Es ist ein unbekannter Er, von dem berichtet wird.
Und warum fesselt diese Erzählung so ungemein?
Wer von uns kennt nicht die Gedanken, die einen zu besonderen Zeiten überfallen, sich fortspinnen, an Vergangenes und Gegenwärtiges anknüpfen, Erinnerungen hochkommen lassen und wie an einem Faden diese Gedanken zu einem Ganzen zusammenfügen?
So geht es diesem Er, der für Jedermann stehen kann.
Er, ehemaliger Artdirektor, lebt im Ruhestand in einem Seniorendorf an der Küste in New Jersey und malt.
Durch seine Gedanken wandern die eigenen Kinder, vergangene Ehen, Liebesaffären, das Sterben des Vaters, der Mutter--- und er denkt an seinen großen, vitalen Bruder, den er um seine Gesundheit beneidet. Bei diesem Er, der seit seinen fünfziger Lebensjahren immer wieder an koronaren Verschlüssen leidet, und der sich wiederholt operativen Eingriffen unterziehen muss, vermischen sich die gegenwärtigen Ängste mit denen aus früher Kindheit, wenn er selber oder der Vater, Onkel schwer erkrankt war. Seine Söhne aus einer geschiedenen ersten Ehe bleiben unversöhnlich ihm gegenüber, eine Tochter aus einer anderen, ebenfalls geschiedenen Ehe, bleibt ihm eng verbunden und er ihr.
Seine verflossenen Ehefrauen gewinnen in nur kurzen Anmerkungen Profil, und dass er seit Jahren alleine lebt und einsam ist, wird erkenntlich.
Es geht in diesen Erinnerungen auch um das zerronnene Glück und die Einsicht, dass Sex und Erotik nicht alles ist, sondern dass die zuverlässige, stete Nähe eines Ehepartners ein Glück sein kann,--das er verspielt hat!
Philip Roth gelingt es wunderbar, aus dem Vergangenen zur Gegenwart zu kommen, in der das Lebensende immer näher rückt.
Scharf und geschliffen versteht er, das auszusprechen, was andere nur denken mögen: dass der Tod einem jeden sicher ist, dass sich die Frage stellt, wie dieser Tod sein wird, dass es möglich ist, ein Ende vorzeitig herbeizuführen,--und dass doch am Ende niemand sich dieses Nichts vorzustellen vermag, das den Tod ausmacht.
Hier ist kein Satz zu viel geschrieben und kein Gedanke vergessen worden.
Dass dieses Buch ein pessimistisches ist, weil am Lebensende nun einmal die Zeit sich verkürzt, es keine Hoffnungen auf Zukünftiges mehr gibt und die emotionalen Glücksmomente sich verflüchtigen, das alles macht dieses Buch zu einem lesenswerten, nachdenklich stimmenden und in weiten Teilen die Gefühle alter Menschen spiegelnden Werk.
Ich finde es großartig!