...ins Vorprogramm des Jedermann. Die Salzburger Festspiele sind mittlerweile eine Institution geworden - wie Bayreuth für die internationale Wagner-Fan-Gemeinde - und das schon seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Festspiele selbst sind als Event aus der jährlichen Aufführung des Jedermann von Hugo von Hofmannsthal auf dem Salzburger Domvorplatz hervorgegangen. Der Ursprung der Festspiele ist der Jedermann.
Das Theaterstück Jedermann steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu dem Eventcharakter dieses jährlichen Großereignisses in der Salzburger Innerstadt. In den 20er Jahren waren die Festspiele gedacht als internationales Friedensfest. Heute trifft sich die österreichische High Society auf dem Domplatz. Die Österreicher lieben solche Feste - wie den Wiener Opernball. Für das Mysterienspiel Jedermann könnte aber das Publikum der Festspielösterreicher auf dem Salzburger Opernvorplatz unpassender nicht sein.
Der Jedermann ist literarisch gesehen ein Mysterienspiel. Eine mittelalterliche Form, deren Botschaft auf einer ganz starken christlichen Gottgefälligkeit beruht. Sie ähnelt mehr einem Gottesdienst als einem High-Society-Event im 21. Jahrhundert. Das Mysterienspiel sagt in jeder Szene, in jeder Zeile, in jedem Dialog seiner gereimten Sprache: liebe Deinen Gott, sei gottgefällig, sei dankbar, sei mildtätig, achte Gottes Gesetze. Der Jedermann ist kein übliches Theaterstück, mit dem das Publikum einen Abend verbringt, um dann wieder nach Hause zu gehen. Der Jedermann hat noch eine Botschaft, die jeder im Publikum befolgen muss: Geh nach Hause und tue Gutes. Vertieft wird diese einfache Botschaft im Mysterienspiel noch durch das Auftreten allegorischer Gestalten: Tod, Teufel, Buhlschaft/ Geliebte, Mammon, Glaube sind die personifizierte Gedankenwelt dieser einfachen christlichen Botschaft in diesem mittelalterlichen Spiel. Der Tod ist die Rache Gottes gegen Jedermann, weil der Gott durch seinen Lebensstil beleidigt. Der Teufel versucht ihn in die Hölle zu entführen. Der wiedergefundene Glaube rettet Jedermann in den Himmel. Mammon muss zurückbleiben. Gott gelingt es, den sittlich verkommenen Jedermann eine Stunde vor seinem überraschenden Tod wieder auf den Pfad der Tugend, Demut und Gottesfurcht zurückzuführen. Diese einfache christliche Botschaft treibt das Publikum jährlich zur Extase auf den Domvorplatz. Keiner dieser Festspielösterreicher bemerkt, dass er selbst als Jedermann im Stück vorkommt. Die Botschaft des Stückes ist auf jeden einzelnen Jedermann im Publikum gemünzt. Keiner kapiert das. Alle sind zu berauscht vom Zuprosten.
Viele Schauspieler, die in den vergangenen Jahrzehnten die eine oder andere Rolle - auch die allegorischen - spielen konnten, nutzten diese Aufführung als Karrieresprungbrett. Die Buhlschaft oder den Jedermann in Salzburg spielen zu können, bedeutete eine enorme Aufwertung des Marktwertes eines Schauspielers.
Bisher ist den Festspielen noch nicht gelungen, die morbide Thematik und das rauschende Fest miteinander zu verbinden. Salzburg ist ähnlich dekadente geworden wie die Wagner-Verehrung in Bayreuth. Der erste Krtiker der schwülstigen Wagner-Musik war Nietzsche. Ganz ähnlich ätzend reagierte auch Thomas Bernhard mit seinem Stück Die Berühmten auf die Dekadenz der Salzburger Festspile. Deshalb müsste sein Stuck als Pflichtbeitrag ins Vorprogramm jeder Aufführung des Jedermann in Salzburg. Das würde alle wieder zur eigentlichen Botschaft des Jedermann zurückführen: Demut, Bescheidenheit, Gottesfurcht...
Sieht man vom Drumherum einmal ab, dann hat eine solche Aufführung etwas Packendes. Man fühlt sich weit zurückversetzt ins Mittelalter. Irdische und himmlische Mächte kämpfen um eine kleine verirrte Seele. Wie der Kampf entschieden wird, ist vorher schon klar. Jedermann tot, Seele gerettet.
Die schauspielerischen Leistungen müssen noch erwähnt werden. Veronika Ferres spielt die Buhlschaft sehr jugendlich und erotisch in all diesem Todeszauber. Sie hat aber nie eine wirkliche Chance beim Publikum anzukommen. Man hat den Eindruck, ihr einziger Nachteil ist, dass sie aus NRW kommt. Die Festspiele sind ein österreichisches Ereignis. Eine Buhlschaft aus Solingen hat da nichts verloren.
Dem Casting ist - sozusagen mit unfreiwilliger Komik - ein großer Wurf mit der Besetzung des Jedermann gelungen: Peter Simonischek. Simonischek sieht aus wie ein Zwilling, besser: wie eine Klon von Maximilian Schell. Man verwechselt ihn ständig mit ihm. Er ist immer ein Anderer. Ideal für die Besetzung des Jedermann. Er hat keine Identität, er ist ja Jedermann. Er ist alle, die da sitzen.
Das eigentliche Ärgernis dieser Salzburger Aufführung ist das Gebrüll auf der Bühne. Der Jedermann ist eine Mysterienspiel. Ein mittelalterliches Stück, in dem es für unseren Jedermann, Zitat: ans Sterben geht. Ein gesunder, wohlhabender und immer vom Sex besessener kleiner Mensch wird in diesem Mysterienspiel von Gott hingerichtet, um an ihm ein religiöses Exemple zu statuieren. Das setzt eine paar Momente der Reflexion und Einkehr voraus. Die gibt es kaum. Die paar Tausend Leute auf dem Vorplatz wollen was verstehen und unterhalten werden. Deshalb brüllen sich alle fast die Seele aus dem Leib. Zwischen literarischer Vorlage und Aufführung gibt es kaum eine Beziehung auf dem Vorplatz. Deshalb gibts zwei Punkt Abzug! Es müssten eigentlich drei sein. Da aber Feronika Ferres fünf verdient hätte, kommt es zu einem kleinen Ausgleich. Festspiel - Mathematik.
Noch einen Punkt Abzug müsste es dafür geben, dass die Festspielösterreicher die Botschaft des Jedermann auch nach knapp einem Jahrhundert Festspielzeit noch nicht erkannt haben: tue Gutes, verachte nicht Deinen Gott! Sie kommen nur, um zu feiern. Wenn das Salzburger Beispiel Schule machte, werden sich bald Gangsta und Räuber osteuropäischer Mafiafamilien zu ihren Berliner Festspielen treffen, um sich dort alljährlich eine Aufführung von Brechts Dreigroschenoper anzusehen. In den Moritaten von Brecht feiern sie die Begnadigung von Meckie Messer. Unsere Festspielösterreicher feiern dann in Salzburg immer noch ihre eigene Hinrichtung. Prost.