"Und Jedermann richten nach seinem Teil", nach meinem Vorbild, spricht Gott der Herr zum Tod, "Er muss eine Pilgerschaft antreten / Mit dieser Stund und heutigem Tag / Der er sich nicht entziehen mag."
Eine Pilgerschaft, dass heißt nicht mehr, als auf eine Reise gehen, um sich selbst näher zu kommen. "Verändert kommst Du zurück" verheißt ein Gedicht in einem spanischen Kloster und so gilt das Pilgern der Welt, dem Säkularen und der erlebten Beziehung zwischen Menschen. Menschen, die einst Nachbarn waren und nun in der Ungleichzeitigkeit des Lebens und dessen monetären Reichtums von einander ablassen. "Ich tät mich schämen" sagt der eine und von Jedermann ist nur zu hören: "Mensch, da bist du in der Irr, / Wenn du meinst, ich könnt ohnweilen / Den Beutel Geld da mit dir teilen." Und nichts mehr als christliche Nächstenliebe wird seitens des Armen dem Jedermann als Wunsch vorgehalten, nochmals mit der Aufforderung, sein Geld zu teilen. So bleibt nur noch den Wert einer Schenkung zu rechnen, die mit der Menge auf Alle verteilt, einen Schilling für den einzelnen und seine Seele bringt, also nichts, was dem Wert eines Menschen entspricht, und doch "Ist [es d]ein gebührend richtig Teil."
Mit dem Zusammenspiel von Gott dem Herrn, dem Teufel und dem Tod gelingt es Hofmannsthal (1874-1929) die Sphären des Jenseits und des Metaphysischen zu verbinden mit dem Diesseits des Jedermanns, der als Metapher des Menschen an sich und seinen säkularen Interessen am Mammon seine Rolle findet. Religion im weitesten Sinne trifft auf das Leben, welches in seiner Ganzheit dem Tod entgegensteht und ihn dennoch integrieren muss. Jedermann ist sündhaft, am Golde hängend und doch führt Hofmannsthal dem Leser zur Idee einer christlichen Übung der Reue. Deutlich soll werden, dass bei aller Zwiespältigkeit und vor allem unchristlichen Lebenswandel der Mensch nicht verloren ist. "Jedermanns Ladung vor Gottes Richterstuhl" ist nicht mehr, als eine letzte Chance in einem Märchen, das nicht einer Zeit angehört, einem Märchen, das, so wie der Jedermann an sich, zeitlos ist. Hofmannsthal verweist, wenn man so will, auf die letzte Stunde, aber es scheint, als brauche er sie als Allegorie für das Leben. Ihm will es so scheinen und damit dem Leser, dass das Leben bereits die letzte Stunde ist, damit wird der Begriff nicht zur Messung der Zeit, sondern zur Aufforderung, jede Zeit als die letzte zu begreifen, auch in der Gewissheit, dass ein in vielen Sünden erprobtes Leben in einer bußfertigen Stunde gerechtfertigt werden kann. Der Glaube ringt mit dem Teufel um die Weihe des Lebens, "Reu", so der Glaube, "Die hat eine lohnende Feuerskraft, / Da sie von Grund die Seel umschafft."
So wie Hofmannsthal den Besitz als eine an die Sinnfragen gekoppelte Größe propagiert, geradezu das Stück um das Mammon rankt, steht Jedermann als Gegenspieler nicht der Metaphysik, der Religion, sondern vielmehr dem profanen Geld, dem Besitz gegenüber. Herr und Knecht zeigen sich in dem Sinn, dass "Was wir besitzen sollten, uns besitzt" und so muss im Sinne einer Kunst zu sterben gerade im Augenblick der letzten Stunde die richtige Position erkannt werden. Das Verhältnis des Menschen zu seinem Besitz wird in den artes moriendi verwandelt zum Gespür zu wissen, dass Sterben lernen heißt, mit dem Tod zu leben. Dieses wissen wir seit den platonischen Schriften, und mit diesen wissen wir auch, dass nichts an himmlischen Anleihen durch Geld zu erwerben ist. Glaube und Philosophie sind auch hier bei Hofmannsthal Jedermanns strategische Antworten am Horizont der Frage, was im Leben wirklich wichtig ist.
Dass der Jedermann seinen festen Platz bei den Salzburger Festspielen hat, macht Hofmannsthal in Ewigkeit unsterblich.
##