Dieser Film erinnert mich stark an "Woyzeck", ich meine nicht den Film von Werner Herzog, den habe ich leider noch nie gesehen, sondern das Stück von Büchner, das ich vor -zig Jahren im Zürcher Schauspielhaus gesehen hatte (war, glaube ich, von Dürrenmatt inszeniert). Auch in Herzogs "Kaspar Hauser" wird der Mensch zum Fall degradiert, zum Objekt, das man "studieren", mit dem man seine Versuche machen kann. - Besonders schön finde ich die Szene, wo Kaspar Hauser von der Polizei zu seiner Person befragt wird. Weil er eine Frage nicht versteht, beantwortet er sie nicht. Die Polizei notiert "Antwort verweigert". Kaspar Hauser und die Polizei befinden sich praktisch in der gleichen Lage: Kaspar Hauser kann die Frage nicht beantworten, wegen mangelndem Wissen; die Polizei kann den Sachverhalt nicht richtig wiedergeben wegen mangelnder Eigeninitiative, weil sie in ihrem Amtsdenken gefangen ist und daher nicht kurzerhand notieren kann "hat die Frage nicht verstanden". Der Fall ist in ihren Reglementen, usw. nicht vorgesehen, und dass und wie man auf Unvorhergesehenes reagieren könnte, das fällt der Polizei nicht ein. - Der Logiker betrachtet Kaspar Hauser als einen interessanten Fall, und macht mit ihm einen "Versuch". Als Kaspar ihm aus seinem gesunden Menschenverstand heraus klar macht, dass man mit einer ganz einfachen Frage zum gleichen Resultat kommen könne, ist der Logiker einen Augenblick lang perplex, mit dieser Reaktion auf sein hochwissenschaftliches Getue hat er nicht gerechnet und ist etwas überfordert. Besser als die Amtspersonen und der Wissenschaftler oder Möchtegern-Wissenschaftler kommt bei Herzog die Frau des Gefängniswärters weg. Als sie bemerkt, dass Kaspar die Wiege ihres Jüngsten zum Schaukeln bringt, weil das Kind weint, legt sie ihm ohne zu zögern den Säugling in den Arm. Mit ihrem Mutterinstinkt fühlt sie genau: da ist ein Punkt, wo sie einhaken kann, um ein Brücke zwischen Kaspar und seiner Umgebung zu schlagen.