Um dieses Werk zu verstehen, muss man die persönliche Geschichte des Autors kennen. Rick Linchitz ist ein Schüler von Satyam Nadeen, der das Vorwort zu diesem Buch geschrieben hat. Nadeen hat vor einiger Zeit aufgehört zu reden. Dazu teilt er uns im Vorwort mit: "Dieses Phänomen der Sprachlosigkeit begann vor einigen Jahren und es war so stark, dass all meine öffentlichen und privaten Satsangs einfach aufhörten. Jetzt lade ich alle Suchenden und Findenden ein, in Stille und Gegenwärtigkeit mit mir zu sitzen, aber Worte haben dabei keine Bedeutung und keinen Platz mehr. Was für ein Witz, nachdem ich zehn Jahre lang auf Reisen war, um Intensiv-Satsangs zu geben!" Wenn man erleuchtet ist, dann gibt es halt viel zu lachen. In diesem Stadium ist Rick noch nicht angekommen. Er redet noch. Und dieses Buch ist voll von seinen Reden und Erklärungen. Rick ist Arzt. Nachdem er sich zunächst mit Transzendentaler Meditation befasst hatte, versuchte er sich später mit Zen-Übungen. Doch die erhoffte Erleuchtung trat nicht ein. Es dauerte lange, bis er verstand, dass man diesen Zustand weder erzwingen noch herbeiarbeiten kann. Nachdem bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert wurde und er daraufhin in Depressionen und Selbstzweifel verfiel, fuhr seine Frau mit ihm nach Costa Rica zu einem Paarseminar, wo er Satyam Nadeen traf, mit dessen Hilfe er später doch noch zu einem höheren Bewusstseinszustand fand, den er für die Erleuchtung hält. Er nennt das jedoch "Verschiebung". Und über jene "Verschiebung" handelt dieses Buch.
Sein Werk besitzt auch einen gewissen paradoxen Witz. Ich vermute aber, dass die meisten der übereifrig Suchenden diesen Witz gar nicht richtig verstehen können. Doch dazu später mehr. Im Grunde geht es bei der Suche nach der "Erleuchtung" letztlich darum den Verstand unter Kontrolle zu bekommen. Dieser Teil von uns dominiert uns so sehr, dass wir glauben, alle Konzepte über uns und unsere Welt, die er ständig produziert, würden die Wirklichkeit sein. Natürlich geht es nicht darum, den Verstand völlig abzuschalten. Er soll uns gefälligst aber nur helfen, wenn wir ihn wirklich brauchen und seine ständigen ungewünschten Polarisierungen (Bildung von gegensätzlichen Bewertungen wie gut und böse sowie schablonenhafte Einsortierungen) oder die permanente Meinungsbildung einfach lassen. Dass sich diese Dinge wirklich nur im Kopf abspielen, merken viele nicht einmal. Im Alltag werden wir von morgens bis abends mit den polarisierenden Bewertungen anderer bombardiert. Deshalb erscheint es uns dies als normal. Wer einmal nur zwei Wochen ohne Zeitung, Radio oder Fernsehen in der Natur verbracht hat, der wird verstehen, was ich meine. Es ist einfach eine Wohltat für die Seele nichts von all den scheinbar wichtigen Dingen und Ereignissen zu wissen, die morgen schon von den nächsten überaus wichtigen Ereignissen verdrängt sein werden. Natürlich kann uns auch Rick nicht auf unserem Weg zur Erleuchtung helfen. Niemand kann das. Und das ist seit langem bekannt.
Vor vielen hundert Jahren trat der chinesische Chan-Meister Huangbo in die Versammlungshalle eines buddhistischen Tempels und sagte: "... Es gibt nicht verschiedene Arten von Geist, und es gibt keine Lehre, die in Worte gefasst werden kann. Da nichts weiter zu sagen ist, ist die Versammlung geschlossen." Genauso trocken bemerkte der sechste Patriarch des Chan-Buddhismus: "Es gibt nichts, das zu übermitteln wäre. Es kommt nur auf die Einsicht in das eigene Wesen an." Das ist es. Und nur wer das begreift, hat eine Chance.
Beim Lesen des ersten Drittels dieses Buches habe ich mir versucht vorzustellen, was passieren würde, wenn plötzlich allen Menschen eine Ricksche "Verschiebung" zuteil werden würde. Würden dann alle im Kreis sitzen und sich gegenseitig erzählen wie ihre "Verschiebung" war und sich dann Fragen stellen. Ist das unser Weg?
Nadeen schweigt, Rick erzählt. Sein Buch beginnt bereits mit einem ziemlich unerleuchteten Titel, denn ein Augenblick ist ein Augenblick und nichts anderes. Hätte er das bei aller Erleuchtung nicht wissen müssen? Ricks (von mir hier zunächst etwas entschärfte) Botschaft ist dann recht einfach und nicht neu: Unsere ständigen Versuche, alles und jeden zu kontrollieren, sind nichts weiter als eine Illusion. Wenn wir sie aufgeben sind wir frei. Dann müssen wir nichts mehr erreichen, dann gibt es kein Ich mehr. Offenbar kommt diese Botschaft an, denn alle Vorrezensenten scheinen ganz verzückt von (nur) dem Gedanken zu sein, dass sie kein "jemand" mehr sind. Hier beginnt das Lustige an diesem Werk. Denn Rick schreibt ein Buch, das uns helfen soll, den Verstand unter Kontrolle zu kriegen. Wir lesen es und leiern es damit durch unseren Verstand. Der kann aber all dies nicht verstehen, sagt Rick. Warum hat er dann das Buch geschrieben? Warum erzählt er den Menschen von seiner "Verschiebung", wenn er doch wissen muss, dass niemand dies wirklich verstehen kann, der es nicht selbst erlebt hat. Und diejenigen, die das verstehen können, brauchen diese Beschreibung nicht mehr. Niemand braucht sie wirklich. Sie ist nur unterhaltend (deshalb die drei Sterne) und nährt die Illusion, dass man dem Ziel näher kommt, wenn man (das heißt der Verstand) zu wissen glaubt wie es aussieht. Aber so herum funktioniert es nicht, weil damit wieder nur ein Konzept mehr in den Verstand eingegeben wird, um unsere Illusionen aufrecht zu erhalten.
Rick hat eigentlich kein Buch geschrieben, denn wenn er es getan hätte, dann würde er ein Konzept entwickelt haben. Und Konzepte sind immer ein Produkt des "illusionären Verstandes" wie er das nennt. Deshalb ist das Buch in Interviewform verfasst. Rick stellte sich 2006 in Baden-Baden bei einem Satsang mit den Worten vor: "... Ihr wisst also recht gut, dass ich nichts zu sagen habe, es sei denn jemand stellt mir eine Frage..." Etwas später lesen wir in einer Antwort: "..., solange noch Fragen da sind, ist es ein Konzept." Es ist aber sowieso egal, was man Rick fragt. Die Antwort ist stereotyp: Alles ist, nichts ist je geschehen, ist gibt keine Individuen, alles beginnt und endet im Nichts. Wenn man die Fragerunde aufmerksam genug liest, dann ist die Verwirrung der meisten Fragenden greifbar. Und wie immer sind einige schon in die Verzückung abgeglitten.
Dieses Buch verwirrt mehr als es hilft. Und das hätte Rick eigentlich wissen müssen. Wenn er nichts zu sagen hat, warum sagt er dann etwas?
Aber es kommt noch schlimmer. Unser Verstand wird sich immer einen Weg suchen, sich wichtig zu machen. Und er ist dabei äußerst raffiniert. Da er nun scheinbar das Drehbuch der Erleuchtung kennt, wird er uns zu einem ihm genehmen Zeitpunkt glauben machen, wir seien erleuchtet. Und vielleicht erzählen wir dann auf einem Satsang den suchenden Unerleuchteten wie es denn so ist, wenn man erleuchtet ist.
Und ganz hinten in einer Ecke sitzt einer, lächelt in sich hinein und schweigt.