der menschliche Geist.
In Jean Anouilhs über 50 Jahre altem Stück findet sich - neben Schillers
Die Jungfrau von Orleans und Georg Bernhard Shaws
Die heilige Johanna - eine der bekanntesten Auseinandersetzungen mit dem Leben der Jean de Arc. Während Schiller (1801) die Geschichte als Drama mit historischer Glorie aufzog und Shaw (1925), im Gegensatz zu dieser romantischen Variante, eine menschlich psychologische Ausrichtung wählte, nutzt Jean Anouilhs in seinem Stück den Mythos Johanna, um sich insgesamt mit dem Problem des Göttlich(menschlich)en und der Erdenhoheit der Kirche auseinanderzusetzten.
Dafür lässt er die ganze Szenerie zwischen Farce und Wirklichkeit verschwimmen; statt die Geschichte linear zu erzählen ist das ganze ein Stück im Stück; Johanna ist bereits gefangen genommen und den Engeländern ausgeliefert worden; der Bischof, einer der Drei Prozessleiter, besteht darauf, dass sie ihren Weg noch einmal "nachspielt". So treten einige Charaktere auf und Johanna erzählt ihre Geschichte bis zu dem Moment, wo sie dem Dauphin begegnet und ihn bittet, Frankreichs Heer übernehmen zu dürfen. Das ist der erste Teil. Eine frechfromme Johanna und Figuren und Handlungen die eindeutig mit dem Aberwitz kokettieren, machen diesen Teil zu einem ergötzenden Vergnügen.
(Sehr schön zum Beispiel die Szene, in der Johanna berichtet, wie ihr der Erzengel Michael erschien und sie zur Rettung Frankreichs kürt. Sie bittet ihn um Gnade, da sie fürchtet den Krieg und die Toten nicht zu ertragen, doch: "Aber was! Keine Spur von Mitleid! Er war längst fort, und ich hatte Frankreich am Hals...")
Im zweiten Teil des Stücks verlagert sich das Geschehen auf den Prozess. Die drei sehr unterschiedlichen kirchlichen Ankläger sind der Bischof aus Frankreich, ein Inquisitor und ein Mönch, der quasi als Staatsanwalt fungiert, doch eigentlich am wenigsten zu sagen hat. Während der Mönch versucht in jeder von Johannas Äußerungen den Teufel zu finden und der Bischof Johanna argumentativ und geduldig ihre Fehler nachweisen und sie zurück in die Obhut der Kirche führen will, sieht der Inquisitor in Johanna etwas schlimmeres, als eine gesandte des Teufels, sondern eine Humanistin, die in den menschlich-irdischen Mitteln das Heil sieht, im Menschen das höchste, größte Wunder Gottes und im menschlichen Mitleid und im menschlichen Selbst die größte Tugend - denn Gott hat ihn "gerade für den Gegensatz aus Gut und Böse geschaffen"; dies alles ist für den Kardinal weit gefährlicher als Teufelswerk (man könnte diese Angst gut auf die Angst vor dem Lachen in Umberto Ecos Buch
Der Name der Rose vergleichen). So entspinnt sich ein sehr interessanter Dialog über das göttliche, seine Ausläufer auf Erden und -am wichtigsten- über die letzte Instanz. Ist es die Kirche? Ist es das Selbst?
Für Johanna ist es das Selbst, denn nichts kann über ihm stehen. Wie Martin Luther 90 Jahre später spricht sie Worte, die zwar etwas von einander abweichen, aber im tiefsten die Quelle ein und desselben Glaubens und Gewissens sind: "Von meinen Handlungen und Taten, werde ich mich niemals lossagen."
Und wie Simone de Beauvoir in ihrem Buch
Alle Menschen sind sterblich einen Beobachter von Luthers "Widerrufen kann ich nicht" sagen lässt: "Ich erbebte innerlich;[']Dieser Mann wagte zu behaupten, dass sein Gewissen schwerer wiege als das Interesse des Reiches und der ganzen Welt", können natürlich auch die Ankläger dieses trotzig Festhalten nicht verstehen. Nicht begreifen, warum der Gott in einem selbst wichtiger sein sollte, als ihr großes Versprechen von einem allmächtigen Gott in ihrem Rücken.
Es steckt eine Menge Witz und interessante Themata in diesem Buch, von dem ich hier nur die Oberfläche angekratzt habe. Die Gestalt der hier dargestellten Johanna wird mich wohl noch ein ganzes Stück begleiten. Ich kann dieses Stück nur jedem empfehlen.