Es handelt sich bei diesem Film um eine Adaption des berühmtesten Romanes der Autorin Jean Rhys aus dem Jahre 1967("
Sargassomeer"). Leider wurde fast ausschließlich der zweite Teil der Buchvorlage filmisch umgesetzt, was einen Zugang zu der gescheiterten Liebesgeschichte zwischen dem jungen Gentleman aus England und der weißen Kreolin Antoinette Cosway sehr schwierig bis unmöglich macht. Die bildgewaltige Verfilmung verwirrt und befremdet den Zuschauer und lässt ihn etwas konfus zurück.
Dabei wollte Jean Rhys mit ihrem Roman ein Zeichen setzen. Sie rebelliert in diesem Werk gegen die Darstellung der verrückten Bertha Mason, die man in dem berühmten viktorianischen Roman
Jane Eyre findet. Bertha Mason ist hier die weiße Kreolin Antoinette Cosway, die sich nach Liebe und Zugehörigkeit sehnt und am viktorianischen Gesellschaftsbild, repräsentiert durch den jungen Rochester, scheitert.
Anstatt der Heldin eine Stimme zu geben, wird die Geschichte des Films fast ausschließlich aus der Sicht des Fremden, Mr. Rochester, präsentiert.
Die Eingangsszene spielt sich im Herrenhaus in England ab. Eine verwahrloste junge Frau mit langen dunklen Haaren befreit sich aus einem verschlossenen Zimmer und huscht durch dunkle Gänge bis sie in einen warmen Raum kommt, in dem viele Kerzen brennen. Die Frau wirft einen Blick auf den schlafenden Mann, der dort im Sessel ruht und sie erinnert sich an längst vergangene, leidenschaftliche Momente, als sie diesen Körper berührt hat und von ihm berührt wurde. Dann fällt ihr Blick auf ein großflächiges Gemälde auf dem die exotische Welt Jamaikas zu sehen ist. Der Zuschauer wird förmlich in das Bild hineingezogen und ist plötzlich mitten drin und beobachtet die Ankunft des englischen Gentle-mans in der ungewohnten Umgebung.
Aufgenommen wird Mr. Rochester von Mr. Mason, einem Freund der Familie. Rochester selbst ist verdrießlich, denn er weiß, warum er an diesen fernen Ort voller faulen Früchte und seltsamer Gerüche gekommen ist. Als jüngerer Sohn hat er kein Erbe zu erwarten und soll sich deshalb reich verheiraten. Doch zunächst hält ihn ein Fieber von gesellschaftlichen Aktivitäten ab. Sein erster Besuch nach seiner Genesung gilt Antoinette Cos-way, Mr. Masons wunderschöner Stiefschwester, und deren Tante Cora. Rochester lässt sich von der anmutigen Antoinette durch den Ort führen und besichtigt ihre Lieblingsplätze. Die neugierigen Fragen nach England beantwortet er amüsiert und beide stellen fest, dass die Unterhaltungen Freude bereiten. Mr. Mason drängt Rochester zu einer schnellen Hochzeit und lockt mit Antoinettes hoher Mitgift, aber Tante Cora warnt ihre Nichte sich vorschnell an einen Mann zu binden, den sie nicht kennt. Der junge Engländer überzeugt seine Verlobte jedoch, dass er bereit ist, ihr alles zu geben, was sie sich wünscht. Doch er kennt die gequälte Seele Antoinettes nicht, die sie dazu veranlasst sich Frieden und Sicherheit von ihrem Geliebten zu wünschen. Ihre Vergangenheit wird sie schon bald einholen und ihr kurzes Glück beenden, denn es war auf Sand gebaut...
Die Landschaftsaufnahmen Jamaikas sind einfach wunderschön. Mit stimmungsvollen Bildern wird der Zuschauer verzaubert und er folgt Antoinettes Pfaden, die zu dem Anwesen in einer lieblichen, exotischen Landschaft führen, wo die Rochesters glückliche Flit-terwochen verbringen sollen. Verstörenderweise wird die körperliche Beziehung der Ehe-leute in einer Weise überbetont, die den tragischen und manchmal wenig nachvollziehbaren Handlungsverlauf noch zusätzlich belasten. Die schreckliche Grausamkeit des jungen Mr. Rochester, der herausfindet, dass ihm die Vergangenheit seiner Ehefrau absichtlich verschwiegen wurde, ist eigentlich nicht nachvollziehbar, nachdem er der jungen und offensichtlich sehr liebesbedürftigen Frau, den Himmel auf Erden versprochen hat. Rafe Spalls Rolle ist wohl so angelegt, dass man nur wenig Mitgefühl für seine Situation empfinden soll und man würde ihm am liebsten einmal einen Tritt geben, weil er so schrecklich kalt und unbeweglich ist und dann wieder so entsetzlich voller Selbstmitleid. Rebecca Hall versteht es eindrucksvoll das ganze Gefühlsspektrum von der hoffnungsvoll Liebenden zur Ehefrau mit kaltem Hass im Herzen zu bedienen, aber da der Zuschauer genau wie Rochester erst so spät ins Bild gesetzt wird, welche Vergangenheit sie belastet und es kei-nerlei Rückblenden gibt, fällt es schwer, ihre Geschichte wirklich zu verstehen.
Nina Sosanya/Christophine als ältere Hausdienerin und Vertraute Antoinettes sowie Lorraine Burroughs/Amelie als junge Dienstmagd und Rivalin Antoinettes vertreten den afro-karibischen Teil der Darstellerriege. Christophine hat vielleicht nicht die dunkel-geheimnivolle Ausstrahlung der Buchvorlage, aber ihr Auftreten ist selbstbewusst und kritisch. Ihr Konflikt mit Rochester wurde etwas entschärft, verdient aber Beachtung.
Fazit: Hätte man sich mit der Geschichte genauso Mühe gegeben wie mit den sehr authentisch wirkenden Kostümen, wäre ein faszinierender Film mit traumhafter Kulisse entstanden. So bleibt der Zuschauer etwas durchgeschüttelt von dem menschlichen Albtraum zurück, den man sich nicht unbedingt zumuten muss.