Wer immer auf die Idee verfallen ist, diese Zusammenstellung zu veröffentlichen, hat auf jeden Fall Mut bewiesen. Filme von Godard, haben sich noch nie einen Deut um (filmische) Konventionen geschert, aber was den Inhalt dieser Box betrifft, so stellt er auch den Liebhaber von Godard auf eine harte Probe.
Die vorliegenden Filme wurden zwischen 1967 bis 1980 gedreht und legen den Schwerpunkt damit auf den politischen Aspekt - der Film als politisches Pamphlet, welcher sich nur noch rudimentär als filmisches Produkt betrachten lässt.
Chronologisch beginnt das mit "Die Chinesin" (La Chinoise) von 1967, der bereits in Deutschland auf DVD veröffentlich ist, in dem Jean-Pierre Léaud noch ab und an von dem überbordenden Maoismus abzulenken vermag, führt über "Ein Film wie die anderen" (Un film comme les autres), der fast zwei Stunden lang eine politische Diskussion begleitet, zunächst zu "Die fröhliche Wissenschaft" (Le gai savoir) von 1969, in dem abermals Jean-Pierre Léaud und Juliet Berto zusammentreffen und durchaus unterhaltsam über Bilder, Filme, Zeichen, Comics etc. diskutieren und diskursieren, womit die sechziger Jahre einen unterhaltsamen Abschluss feiern.
Die Phase der 70er Jahre beginnt dann mit einem bislang schmerzlich vermissten Fehlschlag Godards - "Alles in Butter" (Tout va bien) von 1972, in dem Yves Montand und die damals überaus politisch aktive Jane Fonda aufeinandertreffen und in der gekünstelten Situation eines Streiks von Fabrikarbeitern, grandios an einander vorbei agieren. Montand versucht verzweifelt seine Klischees aus Filmen von Sautet zu übernehmen, während Fonda bemüht ist, sich als Homo Politicus, jenseits von Barbarella, zu gerieren.
Die auf einer DVD zusammengefassten Filme "Wladimir und Rosa" (Vladimir et Rosa) und "Hier und Anderswo" (Ici et ailleurs) von 1971 / 76, fallen dann wieder in den Bereich der schweren Kost und sind vermutlich nur für diejenigen zugänglich, die während des Studiums schon begeistert an Sitzungen von Kadergruppen teilgenommen haben - auch wenn JLG, in der Rolle von Rosa Luxemburg, durchaus einige groteske Momente zu bieten hat. "Wie geht's?" (Comment ca va?) von 1978, dreht sich ebenfalls um eine politische Diskussion und ist - meiner Meinung nach - ein weiteres Exempel dafür, dass Godard zwar ein brillanter Denker und Demagoge ist, aber ebenfalls dazu tendiert, seine Zuschauer gnadenlos zu überfordern.
Einen versöhnlichen Abschluss findet die Reihe dann in "Rette sich, wer kann (das Leben)" (Sauve qui peut (la vie von 1980, mit Jacques Dutronc, Nathalie Baye und Isabelle Huppert, mit dem JLG die eingängigere und auch aus Sicht des Publikums, erfolgreichere Phase einleitet, die in "Vorname Carmen", "Detektiv" und "Nouvelle Vague" ihre Forsetzung findet und in der er zu einer Form des Filmemachens findet, die sowohl Raum für Entspannung, als auch für Ironie lässt.
Wenn man die technische Seite betrachtet, sollte man sich nicht wundern, dass die meisten Filme im französischen Original mit deutschen Untertiteln vorliegen - kein Wunder, sind doch viele davon niemals in Deutschland - zumindest nicht im Kino - gelaufen. Verwirrend ist allerdings, dass dies hier auch auf "Alles in Butter" und "Rette sich wer kann..." zutrifft, von denen definitiv deutsche Fassungen existieren, zumal Letzterer auch synchronisiert vom ZDF ausgestrahlt wurde. Ob hier die Recherche zu kurz gekommen ist oder ob man schlichtweg Lizenzgebühren und Arbeitsaufwand sparen wollte, lässt sich nicht entscheiden, das Ergebnis ist aber ein deutlicher Faux Pas. Immerhin wurden die deutschen Tonspuren von "Die fröhliche Wissenschaft" und "Die Chinesin" aufgetrieben, respektive (vermutlich) von Laservision lizensiert.
Darüber hinaus sind die DVDs weitgehend frei von weiterführendem Material. "Die Chinesin" weist eine Kurzeinführung von Colin MacCabe aus der Universal-Edition auf, "Alles in Butter" zwei Interviews mit dem Kameramann und einem Filmkritiker und "Rette sich wer kann..." zumindest mehrere Interviews mit Darstellern, dem Kameramann und dem Komponisten der Filmmusik, Gabriel Yared, die sich auf eine knappe Stunde summieren.
Fazit: kinowelt / Arthaus gebührt ausdrücklich Respekt dafür, dermassen schwer verdauliches Material zugänglich zu machen. Umso mehr, als diese Box garantiert die Mischkalkulation heftig belasten dürfte. Schade ist nur, dass man - aus naheliegenden Gründen - diese Filme nicht mit (reichhaltig vorhandenem) Bonusmaterial versehen und ihre Zugänglichkeit damit erhöht hat. Als Minimum hätte ich mir hier erhofft, dass "Letter to Jane" vorhanden wäre - ein Postscriptum zu "Alles in Butter", der z.B. auf der Ausgabe von Criterion zu finden ist. Diese Oberflächlichkeit und das unnötige Fehlen vorhandener deutscher Tonspuren, würden eigentlich zwei Sterne kosten, aus Sympathie für das Projekt, vergebe ich hier dennoch ****. Ich hoffe, diese Box verkauft sich immerhin gut genug, damit auch die noch fehlenden Filme von JLG demnächst veröffentlicht werden.