Das Schlagwort 'zurück zur Natur' gehört sicher zu den berühmtesten Klischees der Philosophiegeschichte. Damit aufgeräumt zu haben, ist ein Verdienst dieses fabelhaft leidenschaftlichen Bekenntnisses zu Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), mit dem Bernhard H. F. Taureck die Nachfolge Georg Holmstens in der Reihe rororo-Bildmonographien antritt. Doch damit nicht genug: Nicht nur leistet Taureck die längst nötige Aufklärung darüber, was denn nun mit "Natur" bei Rousseau gemeint sei (natürlich die menschliche Natur, die sich im Europa des ancien régime im Stande der Unfreiheit befindet); vielmehr noch stellt er die ebenso nötige wie überraschend enge Verbindung zwischen dem Autor des "Émile" und des "Gesellschaftsvertrages" und der Gegenwart her: Sollte es ein Zufall sein, dass mit Rousseau ausgerechnet der Denker vergessen wurde, der nicht nur der Französischen Revolution geistig den Weg bereitete, sondern als Einziger unter den Olympiern der Aufklärungsphilosophie ausgerechnet die Eigentumsproblematik ins Zentrum seiner Philosophie und seiner Gesellschaftskritik stellte, als Voltaire und Kant noch gleichsam eine Aufklärung für die oberen Zehntausend betrieben?
Die Wiederaneignung des Gesellschaftskritikers und philosophischen Revolutionärs Rousseau, so viel steht für Taureck, selber Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens, fest, ist eine intellektuelle Bringschuld im Zeitalter von Hartz IV. Dass bei der Verve und Differenziertheit, mit der sie in diesem stilvoll und ansprechend bebilderten 140-Seiten-Band eingelöst wird, die abenteuerliche Lebensgeschichte des Privatmannes und ewigen Jünglings Jean-Jacques zu kurz kommt, ist zwangsläufig, aber erträglich; zumal Taureck, der das feuilletonistische wie das akademische Genre souverän beherrscht und beide ausgesprochen harmonisch miteinander zu verbinden weiß, auch dieses Reservoir mit feinem Gespür für Wesentlichkeit ausschöpft, soweit es nur geht. Mit viel Verständnis für psychologische Nuancen führt er den Leser durch die zahlreichen Lebensstationen seines Helden, ohne freilich (was gerade bei Rousseau noch dem gestrengsten Wissenschaftspuristen unterlaufen ist) seinen Leitstern aus den Augen zu verlieren: die lebenslange, passionierte und tragische Auseinandersetzung Rousseaus, des ewigen Außenseiters, mit dem großen Debakel des zivilisierten Daseins: der sozialen Ungleichheit.
Hilfreich ist hier ohne Zweifel der zwar pointierte, aber im Ganzen unaufdringliche Vergleich mit Rousseaus großem Antipoden, Voltaire (1694-1778). Fand dieser im gefühlskalten Pariser Salon (so Hannah Arendt) intellektuelles Divertissement und politische Genügsamkeit, so kümmerte Rousseau sich um die wirklichen, alltäglichen, unmittelbaren Probleme der 'kleinen Leute', das heißt aber: die Probleme der Menschheit. War Gedankenfreiheit schon zu Lebzeiten der beiden weniger Postulat mehr als Realität (man denke an die Toleranzpolitik Friedrichs des Großen oder Kaiser Josephs II.), so ist wirtschaftliche (und damit existenzielle) Ungleichheit noch heute, im vermeintlich goldenen Zeitalter des globalen Finanzkapitalismus, eine Wunde im Fleisch der Menschheit, die Tag für Tag, ob in Mitteleuropa oder in Lateinamerika, schwärender wird. Taureck zeigt, dass in der Post-Spaßgesellschaft nicht Voltaire, der Coole, sondern Rousseau, der Kränkliche, der eigentlich Zeitgemäße ist ' vor allem dank seiner epochalen Infragestellung unserer Begriffe von Wachstum, Bedarf und Konsum, die die Kapitalismuskritik von Marx und Engels um einhundert Jahre vorwegnimmt.
Taurecks Buch ist in weiten Teilen ein, allerdings gediegenes und überlegtes, Plädoyer für die allfällige Reaktivierung dieser Infragestellung, die auf ein anderes, viel missverstandenes Klischee der Rousseaurezeption hinführt: die Lehre vom Gemeinwillen (volonté générale). Was oft und gern mit dem stereotypen Hinweis auf den jakobinischen Terror, den modernen Totalitarismus abgewehrt wird, meint metaphorisch begriffen nur dies eine, Wesentliche: jedem Individuum qua seines Daseins die Teilhabe an den Gütern der Erde frei zu gewähren, die zu seinem Dasein unerlässlich ist. Nie lebt der Mensch von Kapital, sondern von dem aktuell natürlich Vorhandenen; so verstanden, lässt auch Taureck die Parole "zurück zur Natur" ohne Einwand gelten, ja mehr noch: Er selber greift sie engagiert auf und stellt sich mit ihrer verstehenden, analytisch abgesicherten Aktualisierung in eine Reihe mit seinem hier glänzend porträtierten Vorläufer.