In der Frühphase seines Schaffens experimentierte der junge Schostakowitsch intensiv mit modernen Formen der Unterhaltungsmusik, die sich stark an der Avantgarde westlicher Strömungen orientierten, was für die 20er und 30er Jahre, als diese Musik vom Kreml noch nicht verboten wurde, gar nicht mal so untypisch war, vollzog seine Generation damals doch gerade die Stilwende vom Symbolismus der Revolution und dessen Liebe zur Illusion zu einer zugänglicheren Ästhetik aus musikalischem Anspruch und realem Leben. In Schostakowitschs speziellem Fall sind diese Versuche auf eine starke persönliche Affinität zur Satire und der Tätigkeit als Pianist in verschiedenen Kinotheatern zurückzuführen, wo er die Handlung der Stummfilme mit seinen Improvisationen musikalisch unterlegte. Eine entsprechend parodistische Einfärbung erfahren auch diese Werke, in denen Schostakowitsch diverse Standardnummern aus den Cafes und Bars einer radikalen Neuerung unterzieht, indem gewohnte Tonstrukturen zu einem komisch erscheinenden Klangbild deformiert werden, sodass die bearbeiteten Tänze und Märsche in ihren schrägen Harmonien als Paradebeispiele erklingen, wie man mit ein wenig Effekthascherei den Anschein von extravaganter Originalität suggerieren kann, weil diese Stücke kokett das Gewand einer hämischen Karikatur zur Schau tragen, die den spießbürgerlichen Pathos der lyrischen Verherrlichung insbesondere der Wiener Klassik gnadenlos ins Lächerliche zieht. Manche Phrasen erscheinen sogar dermaßen banal, dass sie schon wieder schockierend wirken und so ganz nebenbei belebte Schostakowitsch damit die damals totgesagte Kategorie der Melodie neu, was ihn trotz aller avantgardistischer Ambitionen auch zu einem Konservativen machte, weil er in einer Zeit Melodiker blieb, als Melodien eigentlich stark verpönt waren. Der melodische Überschwang mündet hier oft in einen äußerst ekstatischen Rausch, der das unbändige Lebensgefühl dieser Epoche widerspiegelt, die unter der harmlosen Fassade aus vitaler Fröhlichkeit die blutgetränkten Abgründe eines totalitären Staates verbirgt. Und so wie hinter jeder Satire immer auch ein Stückchen Tragödie steckt, schimmert im Unterton dieser heiteren Musik ganz leise ein Hauch der Tragik dieser Generation durch, die es noch verstand, sich mit dem Tanz als Droge selbst abzufeiern, bevor sie das Unheil des Krieges überkam.
Wie auch schon in Schostakowitschs Gogol-Oper "Die Nase" paaren sich in diesen vier Werken theatralische Brechungen und ironische Nadelstiche mit romantischen Verträumtheiten, subtilen Andeutungen und ordinären Effekten, wobei jederzeit sein phänomenales Talent für die Orchestrierung zur Geltung kommt, insbesondere im finalen "Tahiti Trot", einer Transkription von Vincent Youmans eloquentem Foxtrott "Tea For Two", den er nach lediglich zweimaligem Hören zum Erstaunen seines Weggefährten Nikolai Malko in 45 Minuten aus dem Gedächtnis bearbeitete. "Der Bolzen" und die "Jazz Suiten" sind jeweils in mehrere elegant miteinander verwobene, anekdotenartige Sätze unterteilt, die (bis auf wenige Ausnahmen) mit einer Länge von lediglich 2 bis 4 Minuten auskommen und wie an einer Perlenschnur aneinandergereiht eine Kette von absurden Szenen versinnbildlichen, in denen oft ernsthafte Töne systematisch durch sarkastischen Humor unterminiert werden.
"Der Bolzen" ist eine in acht Sätzen zusammengefasste Suite eines choreographischen Schauspiels über Industriespionage, die auf illustrative Weise surreale Bilder von grotesker Variete-Atmosphäre zum Leben erweckt. Nach einer furiosen Ouvertüre folgt eine munter-forsche Polka und der "Tanz des Kutschers", ein exzentrisches Stück mit einem zyklisch variierten Thema, das zunächst von hymnischen Streichern intoniert wird, ehe anarchisch stöhnende Bläser subversiv in das Klangbild einfallen und den melodischen Faden weiterspinnen. Der anschließende "Kozelkows Tanz mit Freunden" fußt auf einem geheimnisvollen Tango, der zu Beginn noch schwerfällig agitiert, sich dann aber mit dynamischen Wendungen in einen euphorischen Rausch steigert, um gegen Ende auf seinem zugespitzten Höhepunkt in orgiastischer Ekstase zu kulminieren. Funkensprühende Xylophone drücken dem "Kompromissler" ihren spielerisch leichten Stempel auf, bevor im anschließenden Finale der Vorhang mit einer enthusiastischen Apotheose geschlossen wird.
Die "Jazz Suite Nr. 2" ist eine Sammlung diverser Arbeiten Schostakowitschs für Theater, Ballett und Kino. Das populärste Stück daraus ist sicher der "Walzer II", dessen sehnsuchtsvolle Melodie eines betörend aufspielenden Saxophons später von Stanley Kubrick für seinen letzten Film "Eyes Wide Shut" als musikalische Untermalung verwendet wurde. Im "Lyrischen Walzer" mäandert diese hypnotische Melodie ebenfalls hindurch, geht dann aber in einen schwungvollen orchestralen Ausdruck über. Ergänzt wird die Suite durch einen fulminanten Marsch in der Eröffnung; einer kleinen Polka, die mit einer schlichten, aber mitreißenden Melodie auftrumpft; einem weiteren Walzer (I), der einen charmanten Verweis auf Tschaikowskys Nussknacker-Suite parat hält; zwei furiosen Tänzen (Dance I, II), die in ihrer fröhlichen Ausgelassenheit den Geist der englischen Folklore (Hornpipe-Tanz) atmen; und dem überschäumenden Finale, wo uns erneut die lebhaften Xylophone begegnen. Ebenso sind die drei Episoden der "Jazz Suite Nr. 1" (ein verträumt nostalgischer Walzer, eine tosende Polka und ein majestätischer Foxtrott, dessen stolzer Pathos in melancholische Blues-Harmonien getränkt ist) in ihrem exaltierten Esprit vom atmosphärischen Flair der Salons durchdrungen.
Ein ganz spezielles Licht auf diese virtuos kolorierten Werke wirft der Aspekt, dass all diese Elemente, die hier zu hören sind, in Schostakowitschs Spätphase nicht mehr aufzufinden sein werden. Das spielerisch Unterhaltsame, die beißende Satire, die berauschende Zügellosigkeit und die heitere Spontanität werden dann der konzentrierten Sprache eines distanzierten Intellektuellen weichen, die eher einer pflichtbewussten Vernunft entsprungen scheint. Zumal Stücke wie "Der Bolzen" ebenso wie die von Stalin höchstpersönlich abgesetzte Oper "Lady Macbeth von Mzensk" schließlich vor dem Scherbengericht landeten und zum Opfer der kulturpolitischen Säuberungen fielen, weil sie weder der musikalischen Tradition noch dem ideologischen Dogma entsprachen. Und auch wenn Schostakowitsch später selbst diese leichten Stücke als "Jugendsünde" bezeichnen wird, dienen sie dennoch wunderbar ihrem vorbestimmten Zweck, nämlich einfach zu unterhalten.