Die 1978 erschienene Platte Jazz ist das siebente Studiowerk der vier Musiker aus Großbritannien. Nach den Veröffentlichungen von „A Night At The Opera", „A Day At The Races" und „News Of The World", die allesamt ausgesprochen erfolgreich waren, war es natürlich schwer, schon wieder ein Album mit ähnlich hohem Status zu veröffentlichen. Schließlich kann nicht auf jeder Platte ein Megahit wie etwa „Bohemian Rhapsody", „Somebody To Love" oder „We Are The Champions" sein.
Dass die Band sich in punkto Hitpotential bei „Jazz" für ihre Verhältnisse möglicherweise etwas schwerer getan hat als gewöhnlich, beweist die Geschichte. „Jazz" ist eine der (eher) unbekannteren Queen-Platten, und die Hits „Fat Bottomed Girls", „Bicycle Race" und „Don't Stop Me Now" sind im Vergleich zu obengenannten Songs vielleicht nicht ganz so legendär (was nicht heißen soll, dass sie schlechter sind oder sogenannte Flops waren).
Trotzdem hat der Hörer es hier wieder einmal mit einem ganz hervorragenden Album zu tun. Denn „Jazz" hat nicht nur einen weniger großen Bekanntheitsgrad als die meisten seiner Vorgängerwerke, es klingt auch vollkommen anders und sollte somit für Musikliebhaber von besonderem Interesse sein. Die Atmosphäre, die sich auf dem Album breit macht, wirkt ungeschminkter, etwas roher und weniger pathetisch und monumental als man es bei Queen typischerweise gewöhnt ist. Warum ist dem so? Auf einige Praktiken, die sonst bei Queen eher üblich und typisch waren, wurde hier verzichtet. So klingt Freddie Mercurys Gesang beispielsweise wesentlich rauer und aggressiver als sonst. Für Brian Mays Gitarre gilt das Gleiche. Seine häufig etwas schwülstig und sirenenartig anmutenden Gitarreneinlagen, die ja auch oftmals sehr passend und wunderschön sind, fehlen auf „Jazz" fast ausnahmslos. Sein Sound wirkt direkt, schnörkellos und ehrlich, fast schon grob und dennoch virtuos. Allein hierdurch erhält man schon den Eindruck, das Album sei irgendwie härter als „herkömmliche" Queen-Alben. Und tatsächlich: „Dead On Time", „If You Can't Beat Them", „Let Me Entertain You", „Fat Bottomed Girls" und in Ansätzen auch „Mustapha" sind ziemlich beinharte Rocksongs, die dann das zunächst über die Atmosphäre des Albums vermittelte Gefühl durch nackte Tatsachen bestätigen. Als Höhepunkte der CD müssen hier „Mustapha" (als Eingangslied), „Bicycle Race" und „More Of The Jazz (als letztes Stück) erwähnt werden. Vor allem „Mustapha" glänzt durch eine intelligente und spritzige Originalität. Ein Song, der, meiner Meinung nach, andeutungsweise etwas über Freddie Mercurys arabische Herkunft verrät oder zumindest ein wenig spüren lässt, dass auch in diesem Kulturkreis ein Teil seiner Wurzeln lagen, und der daher sehr spannend auf mich wirkt.
„Jazz" ist eine wirklich gute CD, die von solider Arbeit geprägt ist. Sie verzichtet weitestgehend auf exaltiertes Gehabe ohne aber langweilig oder bieder zu sein. Mit dieser Platte bewiesen Queen vielleicht zum ersten Mal in vollem Umfange, dass sie nicht auf eine Dimension reduzierbar waren. Ein Umstand, der dem Album in meinen Augen die Höchstwertung einbringt.