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Von Oliver Wieters
Peter Krumbiegel / Clemens Prokop, „Jauchzet frohlocket: Du mußt kein Schwein sein. Von Bach, den Prinzen und einer Leipziger Musikerfamilie", mit einem Vorwort von Sebastian Krumbiegel, Kassel: Bärenreiter-Verlag 2004.
Mußte man als Bewohner der DDR ein Held sein, um nicht in das Mühlwerk der Stasi zu geraten? Sebastian Krumbiegel gibt darauf eine eher verdrießliche Antwort: Wenn es darauf ankam, mußten er und seine Mitbürger meistens feststellen, daß „auch wir keine Helden waren". Daß man dennoch auch unter der Diktatur anständig bleiben konnte, kleidet der Vater des „Prinzen"-Sängers Sebastian in einen ins Gegenteil gewendeten Liedtitel seines Sohnes: „Du mußt kein Schwein sein in dieser Welt".
Mit drolligen Ohrwürmer wie „Ich wär so gerne Millionär", „Küssen verboten" oder „Du mußt ein Schwein sein in dieser Welt" sind die „Prinzen" seit Anfang der 90er Jahre zu einer der erfolgreichsten Boybands im wiedervereinigten Deutschland aufgestiegen. Doch ihre Wurzeln liegen in der DDR und hießen damals noch „Herzbuben". Der Gründer und Sänger der Musikergruppe, Sebastian Krumbiegel, ist, was nur wenige wissen, der Sproß einer klassischen Musikerfamilie aus Leipzig. Über dieses weniger bekannte Kapitel hat jetzt Vater Peter Krumbiegel in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Clemens Prokop ein schmales Büchlein verfaßt, das neben persönlichen Einblicken ins Leben seiner Familie auch Aufschlußreiches über den diffizilen Alltag unter einer Diktatur vermittelt. Was ursprünglich als Weihnachtsgeschenk für die Familie Kinder gedacht war, hat sich auf diese Weise zu einem lehrreichen Stück Zeitgeschichte entwickelt.
Ohne Pathos, aber mit unverkennbarem Stolz berichtet der schmale Aufsatz von „Bach, den Prinzen und einer Leipziger Musikerfamilie". Angefangen mit Sebastians Großmutter Philine Fischer, einer gefeierten Primadonna, die auf den Bühnen Europas große Erfolge feierte und ihre privilegierte Stellung in der DDR mit Westreisen, eigener Haushälterin und großzügiger Wohnung mit verblüffender Selbstverständlichkeit hinnahm. An ihr mußten sich die anderen musikalischen Krumbiegels messen lassen, auch Sebastian, der rebellische „Prinz", der den Titel des Buches auf seine Art interpretiert: „Musikalisch leben bei uns Johann Sebastian Bach und Udo Lindenberg in friedlicher Koexistenz."
Von beiden hat der wegen seiner unübersehbaren Vorliebe für gutes Essen „Murmel" genannte Sänger viel gelernt: Sein musikalisches Talent reifte im Bach-Chor der Thomaner, während sich seine rebellische Ader schon früh an westlichen Pop-Größen wie Udo Lindenberg voll saugte, der nach der Wende zu seinem Mentor wurde.
Doch den Fixpunkt im Generationen-übergreifenden Dialog der Krumbiegels und ihrer Johann Sebastian Bach-verrückten Heimatstadt Leipzig bilden die Thomaner. Beide Söhne, Sebastian als auch sein älterer Bruder Martin durchliefen diese harte Schule - wenn auch mit höchst unterschiedlichem Ergebnis: Während Sebastian zeitweilig aus dem Chor ausgeschlossen wurde, weil er während einer Aufführung laut feixte, und somit der Weg frei wurde für seine U-Musik-Karriere, ist Martin der Klassik treu geblieben und hat heute sogar mehr CD-Einspielungen vorzuweisen als sein Pop-Bruder Sebastian.
Die Thomaner waren aber auch in politischer Hinsicht wegweisend: Stolz behauptet Vater Krumbiegel, daß weder Nationalsozialismus noch DDR-Sozialismus die „logische Ordnung" des liebevoll „der Kasten" genannten Alumnats zerstören konnten. Zeitweilig sollte die altehrwürdige Institution in einen FDJ-Chor umgeformt werden. Aber dank geschickten Taktierens der Chorleiter blieb der „Kasten" in den Augen seiner Mitglieder das, was er für sie immer gewesen war: „Eine Insel in jedem Fall, für manche sogar ein kleines Paradies." (25) Für Vater Krumbiegel, heute Professor für Chemie, war das gemeinsame Singen eine Möglichkeit, es mit der „manchmal unwirtlichen DDR-Wirklichkeit" aufzunehmen. Im Gegensatz zu seiner privilegierten Schwiegermutter, die dem einzigen Nichtmusiker in der Familie mit verletzender Distanz gegenübertrat, bekam er jedoch die Härten der DDR-Regierung am eigenen Leibe zu spüren: Als so genanntes „Kapitalistenkind" - sein Vater war Inhaber einer kleinen Lohnfärberei - entzog ihm der Staat jegliche Unterstützung. Im Leipziger Universitätschor, in dem er seine spätere Frau kennen lernte, pflegte er seine Liebe zur Musica Sacra und genoß für kurze Zeit ideologische Frischluft: „Die Sänger verband eine gemeinsame ethische und gesellschaftliche Grundhaltung - und damit eine politisch kritische, wenn nicht sogar ausgesprochen distanzierte Position zum real existierenden Sozialismus der DDR. Das durfte natürlich nie laut und womöglich gar offiziell geäußert werden." (12) Zum einschneidenden Erlebnis wurde für ihn und viele andere Leipziger der Abriß der Leipziger Universitätskirche am 31. Mai 1968. Damit verlor nicht nur der Universitätschor seinen geistigen und geistlichen Mittelpunkt. Die Proteste entwickelten sich zur „unnachgiebigsten Auflehnung der Leipziger Bevölkerung zwischen dem 7. Juni 1953 und den Montagsdemonstrationen im Jahr 1989". In der Folgezeit geriet auch Peter Krumbiegel ins politische Getriebe und verlor seine Festanstellung in der Forschung. Später sollte er einer der ersten Akademiker sein, die an den Montagsdemonstrationen teilnahmen. Nach der Wende mußte er betroffen feststellen, daß auch der „Kasten" keine Insel war wie er immer geglaubt hatte: Der Thomaskantor hatte mit der Stasi zusammengearbeitet und wurde fristlos entlassen. So ganz unzerstörbar war also der „Kasten" doch nicht gewesen.
Ohnehin gibt es auch in dem von christlicher Gesinnung geprägtem „Paradies" strenge Regeln, die es peinlichst zu beachten galt: Das hohe Niveau des Chors ist das Resultat von ungefähr 600 harten Probestunden jährlich, dazu kommen weit über 100 Auftritte. „Es erstaunte uns immer wieder, wie viele Strapazen ein zehn- bis vierzehn-jähriges Kind aushalten kann", so der stolze Herr Papa. Andererseits genossen die Thomaner schon in jungen Jahren das unschätzbare Privileg der Auslandsreisen, wenngleich die Bundesrepublik ausgespart wurde. Auf die erste Begegnung mit den „deutschsprachigen Ausländern" wurden die Jungs akribisch vorbereitet. Sie lernten Vokabeln wie ‚Fassade' und bekamen den goldenen Merksatz mit auf den Weg: „Der Schein trügt". Den Knaben wurde eingetrichtert, daß es den Westdeutschen so richtig schlecht gehe. Für die Kinder war das andere Deutschland wie ein Märchenreich. „Wir haben nie vergessen, wie unsere Tochter Susanne einmal nach der Gutenachtgeschichte den Besuch aus dem Westen bat: ‚Und jetzt sag mal was auf West'", erinnert sich Peter Krumbiegel.
Die beiden Brüder konnten sich bald eine eigene Meinung über den Westen bilden. Auf einer Japanreise konnte sich Sebastian davon überzeugen, was es heißt, ein Kinderstar zu sein. Eine japanische Verehrerin folgte ihn sogar bis nach Leipzig. Spätestens dann muß er seine Vorliebe fürs Entertainment entdeckt haben. Kein Wunder, daß es in der Schule für Sebastian nicht nach Plan verlief: Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Martin verlor er schon am ersten Tag die Lust am Unterricht. „Die Lehrerin hat gesagt, wir sollen morgen wieder kommen", empörte er sich. Schulunterricht war für ihn ein notwendiges Übel. Als er im Deutschlandfunk mithörte, daß Willy Brandt auf einer Maikundgebung sprach, wollte er dies sogleich seiner linientreuen Lehrerin mitteilen, die „wisse es nämlich noch nicht", glaubte er. Die Eltern hatten alle Mühe ihn davon zu überzeugen, daß es Sender gab, die es offiziell nicht geben durfte. „Es wurde höchste Zeit, auch unseren Zweitgeborenen in die seltsame Kunst einzuweisen, mit zwei unterschiedlichen Meinungen durch das Leben zu gehen", so sein Vater. „Zum Glück für die Familienharmonie und das seelische Gleichgewicht hatte auch Sebastian bald den Dreh heraus und wußte, wie man die in der Schule geforderten Treue-Bezeugungen zur DDR auf echt schwejksche Art erfüllte." Ganz gelang es den Eltern nicht, ihren Sohn zur politischen Klugheit zu erziehen. Während der Pubertät steigerte sich seine Abneigung gegen alles, was mit Schule und den Thomanern zusammenhing, zu entschiedenem Widerwillen. Sein Abitur schaffte er nur mit Ach und Krach, und bei der feierlichen Abschlußfeier mußte er draußen bleiben, weil er in Jeans und Turnschuhen gekommen war. Wenig später wurde er dann auch von den Thomanern rausgeworfen, weil er während einer ernsten Aufführung herumgefeixt hatte. Sebastian ließ, was ihn langweilte, und machte immer nur das, was ihn wirklich interessierte: Spaß, Musik und Unterhaltung. Auch das war eine Art, es mit der oftmals unwirklichen und grauen DDR-Wirklichkeit aufzunehmen. Seit jeher hatte sich der Frust darüber in einer Art Galgenhumor entladen. Zu mehr waren nur die wenigsten in der Lage. Lesen Sie weiter... ›
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