26 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Lesegenuss vom Besten, 21. März 2005
Maximiliane Quindt, die Heldin von "Jauche und Levkojen" wird in Hinterpommern an einem schicksalsträchtigen Tag geboren -- am 18. August 1918, dem "Schwarzen Tag des deutschen Heeres". Und auch im weiteren Verlauf des Romans wird die "große Geschichte" immer wieder in die private Geschichte von Maximiliane eingreifen...
Ihr Vater ist Ende des 1. Weltkrieges 19jährig gefallen, ihre Mutter kehrt bald wieder zurück nach Berlin und heiratet wenig später zum zweiten Mal. Zunächst wächst Maximiliane bei den Großeltern auf, ein "Naturkind", im hinterwäldlerischen Hinterpommern. Ihr Großvater ist "der alte Quindt", der Gutsherr auf Poenichen: eine kluge, eigenwillige, dominierende Persönlichkeit, konservativ und fortschrittlich zugleich. Im Gegensatz zu vielen Standesgenossen ist er weder borniert noch ungebildet -- und vor allem zeichnet ihn eine warmherzige Skepsis aus, die ihn vieles klarer und eher erkennen lässt als die anderen. Seine Bonmots, die "Quindt-Essenzen", sind legendär im weiteren Umkreis, und sie tun ein Übriges, um den von einem melancholischen Humor durchzogenen Roman noch farbiger zu machen, als er es ohnehin schon ist.
Maximiliane (und mit ihr der Leser) lernt -- immer im Bannkreis des faszinierenden Großvaters -- nach und nach ihre Heimat und deren Bewohner quer durch die sozialen Schichten hindurch kennen. Für heutige Leser ist das eine fremde, archaisch anmutende Welt, geprägt von einer ganz anderen Mentalität, und es ist ein geschickter Kunstgriff, sie diese Welt zusammen mit einem wissbegierigen Kind entdecken zu lassen. Freilich nimmt die Erzählerin nicht die Perspektive des Kindes ein, sondern die eines weisen, ironisch kommentierenden Erzählers. Daraus ergibt sich ein ganz spezifischer doppelbödiger Ton, der "Jauche und Levkojen" einen ganz eigenwilligen Reiz verleiht. --
Als Maximiliane ein Internat bei Berlin besucht, wird sie zu einem "Kind ihrer Zeit" incl. BDM und "Ich tanze mit dir in den Himmel hinein". Noch vor Beendigung der Schule heiratet sie ihren entfernten Vetter Viktor Quint, einen überzeugten Nazi, der "sein Parteibuch schützend über Poenichen" hält -- so glaubt man dort noch eine kurze Weile, denn Maximilianes Großvater ist alles andere als ein Parteigänger der Nazis, kann also einen "Familien-Nazi" gut brauchen. Viktors Anwesenheit auf Poenichen wiederum beschränkt sich weitgehend auf die Zeugung von "erbgesundem" Nachwuchs (schließlich hat das der Führer befohlen...); ansonsten dient er fanatisch dem "Führer" (freilich nicht immer...): erst an der Westfront, dann in eingekesselten Berlin, wo er bei Kriegsende stirbt.
Am Ende des Buches hört man in Poenichen die immer näher heranrückende Front; die Großeltern wählen den Freitod, die meisten Dorfbewohner machen sich auf die Flucht vor der Roten Armee, Maximiliane schließt sich mit vier kleinen Kindern dem Treck der Dorfleute an .
Den Reiz dieses Romans machen nicht allein die hervorragend plastisch gezeichneten Figuren aus; reizvoll ist auch Christine Brückners Kunstgriff, sich gleichsam mit dem Leser zu verständigen -- im Gegensatz zu den Protagonisten weiß man schließlich die ganze Zeit, was ihnen noch bevorsteht. Brückner erzählt das Leben ihrer Figuren und steht doch immer über der Geschichte, kommentiert sie auch, mal sanft ironisch, mal anteilnehmend, nie beschönigend.
Die Bezüge zu Theodor Fontane treten klar zutage; schon der Buchtitel zitiert einen Fontane-Brief; das Leben der Großeltern ist intensiv mit der Handlung von "Effi Briest" verwoben, und der alte Quindt trägt ähnliche Züge wie Dubslaw von Stechlin. Doch sind diese Fontane-Zitate kein Selbstzweck; u.a. erleichtern sie dem Leser das Verständnis einer ihm oft fremden Welt. Dabei vermeidet Brückner alle Bildungshuberei: Wer "Effi Briest" oder den "Stechlin" noch nicht gelesen haben sollte, kommt dennoch gut mit; dass die meisten "Jauche und Levkojen"-Leser die Fontane-Lektüre ggf. nachholen werden, halte ich aber für sehr wahrscheinlich (und lohnend sowieso).
"Jauche und Levkojen" ist allerbeste Unterhaltungsliteratur und wird niemals trivial; es ist ganz einfach ein großartiger, anrührender Roman.
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12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Lesenswert und unterhaltsam, 3. Dezember 2006
und dabei anrührend und witzig pointiert ist die Geschichte einer Frau, die der Leser hier durch ihr ganzes Leben begleiten darf. Wie Effi Briest - und doch ganz anders, weil hinter jedem Schicksalsschlag ein Neuanfang gesucht wird und nicht nur ein Aufbegehren gegen die Zwänge der Gesellschaft sondern auch ein Sich-Aussöhnen stattgindet. Der Leser wird in die Vergangenheit entführt und erlebt einen Streifzug durch die deutsche Geschichte von 1918 bis in die Gegenwart, indem er Maximiliane auf ihren Lebensweg begleitet. Geboren in Pommern, treibt sie der Krieg quer durch Deutschland. Der Autorin gelingt es perfekt, die Vertreibung der Pommern, die Spaltung Deutschlands und den Wiederaufbau aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und dabei zum Nachdenken anzuregen. Maximiliane wird als Adlige geboren, erlebt eine durch ihren Großvater geprägte, relativ unbeschwerte Kindheit, begegnet als junge Frau Hitler, verliert ihren Mann, zieht vier eigene Kinder groß und ein Kuckucksei. Sie prägt das Leben ihrer Kinder, die in den Nachkriegsjahren aufwachsen. Erbmassen und gesellschaftliche Einflüsse treiben die fünf Sprößlinge in ganz unterschiedliche Richtungen - doch egal was sie tun, sie werden von Maximiliane bedingungslos geliebt... Einfach nur lesenswert, weil man den Begriff "Familienbande" neu entdeckt und zugleich Lust bekommt, nicht Mallorca als nächstes Urlaubsziel zu wählen, sondern Maximilanes Spuren zu verfolgen. Hermannswerder in Potsdam zum Beispiel... Eine Homage an die Heimat, die man überall und nirgenwo wiederfinden kann.
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9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Buch fand ich toll, aber Hörbuch nicht, 14. August 2009
Da mir das Buch - was in anderen Rezensionen ja bereits ausführlich beschrieben & kommentiert wurde - super gut gefallen hat, legte ich mir dieses Hörbuch zu. Leider wurde ich sehr enttäuscht, denn Eva Mattes liest meiner Meinung nach wie eine Schlaftablette. Irgendwie fehlt da jede Intonation & Schwung. Sie macht zwischendurch mittendrin Pausen, so dass man erst mal eine Blick auf den ipod wirft und schaut, ob die Batterie leer ist.
Mein persönliches Fazit: Bleib' beim gedruckten Buch oder benutze das Hörbuch als Einschlafhilfe!
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