Der Bruch nach "Pornography" zu den Songs auf der Compilation "Japanese Whispers" (3 Singles und ihre B-Seiten von 1983) ist wohl der radikalste und gewagteste in der Bandgeschichte.
Nach der intensiven Pornography Tour und 3 düsteren Alben in Folge waren The Cure an einem Endpunkt angelangt. Ein heftiger Streit zwischen Simon Gallup und Robert Smith tat ein übriges. Die Band hatte sich de facto aufgelöst.
Der Produzent und Besitzer des Fictionlabels Chris Parry überredete Smith dazu, den Popsong "Let's go to Bed" zu veröffentlichen. Smith gab nach, weil er dachte, dies würde der Band den Rest geben. In der Tat musste man ja davon ausgehen, dass Fans, die die dunkle Phase der Band mochten, einen für so ein Liedchen steinigen. Die Single war als Top-40-Platzierung sogar weniger erfolgreich als die Vorgängersingle "The Hanging Garden" von "Pornography". "The Walk" allerdings knackte erstmals die britischen Top-20 und "The Lovecats" wurde der erste Top-Ten-Hit der Gruppe. Richtungsweisend wurde auch der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Regisseur Tim Pope, der von "Let's go to bed" bis "Friday I'm in Love" für alle Videoklassiker der Cure verantwortlich zeichnete. "The Lovecats" ist ojektiv betrachtet einfach prickelnd gut (besonders der Kontrabass und Andy Anderson's gerührte Jazztrommelei funktionieren klasse). Stilistisch ist die Compilation für die Band völliges Neuland: The Cure's Ausflucht zum Pop (bei Lovecats beinahe schon Cartoon Jazz), gewann der Band neue Fans und war ein Befreiungsschlag, ohne den die Gruppe aus der düsteren Sackgasse nie herausgekommen wäre. Dass Smith hinter den meisten Songs nicht wirklich stand, kann sicher als Ausverkauf gewertet werden, doch mental hatte er mit der Band zu der Zeit eigentlich abgeschlossen, so dass ihm alles egal war. Dass The Cure dennoch ihre Glaubwürdigkeit auf lange Sicht behalten haben und ihre Fans durch diverse Stilwechsel mitnehmen konnten, liegt schlicht und ergreifend am begnadeten Songwriting. Die Songs auf "Japanese Whispers" sind zum Teil albern, dabei aber wirklich gut und sehr angenehm zu hören. Kein Mensch kann sich ununterbrochen in den Tiefen einer Platte wie "Pornography" wälzen und die neue poppige Seite durchbricht die Curetypische Verzweiflung erstmals ironisch. Dabei klingt das wehmütige "Lament" noch wie ein Stück aus "Faith", allerdings mit dickem Zuckerguss. Man könnte das Ganze mit gutem Willen auch als eine Quasi-Rückkehr zu den positiveren Songs der Phase 1976-79 mit anderen Mitteln sehen. Zugegeben: Die Keyboards quäken auf "Japanese Whispers" manchmal etwas, aber hey, das waren die frühen 80er und es gibt viel schlimmere Sounds aus der Zeit. Auch der Drumcomputer war natürlich keine Lösung für alle Tage, aber gutes Songwriting ist eben durch nichts kaputtzukriegen.
Insgesamt sicher nicht die stärkste Platte, die The Cure je gemacht haben, aber ein wichtiger Schritt nach vorn, um überhaupt weiter im Geschäft zu bleiben. Die Platte hat die Gruppe ganz entgegen Smiths Absicht nicht gekillt, sondern gerettet und stärker gemacht. Von diesem Zeitpunkt hatte die Gruppe beinahe Narrenfreiheit und konnte sich (bald) fast alles erlauben - gutes Songwriting blieb dennoch immer die Voraussetzung. 3,8 Sterne für den Mut zur Verpoppung!