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Eine nachgelassene Erzählung
«Jans muss sterben», das ist schon im Titel beschlossene Sache. Nun müssen wir das bekanntlich alle doch wie der Satz dasteht, stellt sich die Frage: warum? Schicksal, Fügung, höhere Gewalt, niedere Beweggründe? Ein böser Gott oder ein schlechter Mensch? Krankheit, Selbstmord, Mord? Um alle diese Möglichkeiten kreist diese Erzählung, ohne dass es am Ende eine Lösung gäbe. Ein Krimi, wie ihn die Niedertracht des Lebens, wie ihn die geheime Logik der Übertragung schreibt.
Anna Seghers war 25, als sie diese Geschichte zu Papier brachte, und nicht ausgemacht ist, dass sie den Titel wirklich so wählte: er geht auf eine Notiz zurück, die man, wie die Erzählung auch, in ihrem Nachlass fand; ohne Vermerk der Autorschaft übrigens. Doch alles der luzide Stil so wie die für das Gesamtwerk charakteristischen Motive lässt darauf schliessen, dass das nun erstmals veröffentlichte Stück Prosa aus Anna Seghers Feder stammt; es legt Zeugnis ab von dem psychologischen Scharfsinn einer Autorin, die das Aufbegehren gegen ein ängstlich gedrücktes Dasein zu ihrem Lebensthema erkor.
Jans also muss sterben, ein auf den ersten Seiten noch glänzendes kräftiges Kind, goldbraun und in roten Hosen, auf den folgenden schon ein verschrumpelter Greis mit uraltem Gesicht und pfeifendem Atem; ein Gnom, der zum Sterben in eine Ecke gelegt wird. Eines Tages geschah es, dass dem Kind die Welt plötzlich farblos und schal erschien und das Leben kippte: auf die andere, dem Tod zugewandte Seite. Ein Entschluss? Opfer? Preis?, auf dass die Eltern leben können. Eine böse Fratze ihrer geknechteten Lebensgier.
Die Eltern: Martin Jansen, ein schwerer, gutmütiger Mensch, und Marie, lebenslustig und unzufrieden, früh verheiratet beide und das bisschen Gefühl schon lange verbraucht, kläglich der eine, erbittert die andre, ein trauriges Paar in einem nach Suppe riechenden Zimmer in einem mürrischen Haus. Und dann kommt das Kind. Schreit, isst und schläft. Mit ihm kehrt das leuchtende Wünschen, «die Hoffnung in ihrem glitzernden Kleid» fordernd zurück und mehr noch die Angst, sie zu zeigen. Denn «feste Riegel hatte der Martin Jansen vor sein Herz gelegt, grosse Schätze von Angst und Qual konnte er darin beherbergen, ohne dass gleich alles herausbrach und alle behelligte». Was aber alle behelligt, ist «eine Stille, in der das Herz vor Grausen saust». Und manchmal, wenn die Mutter das Kind mit verweinten Augen anbettelt, kommt «wirklich in Jans' trüben Blick ein Ziel, ein Ausdruck von Trauer und Argwohn, als ob er an einer weit geheimnisvolleren Krankheit litte, als die, um deren Namen sich seine Mutter den Kopf zerbrach». Mit seinem Sterben kehrt zu den Eltern eine der Liebe ähnelnde, «dem Raum angepasste» Freude zurück.
Jans also muss sterben, und die Krankheit hat nun einen Namen: die den Raum sprengende Erwartung. Die verschlossene Fracht des Herzens beschwert, überfordert das Kind, doch wo sie es bereits hinter sich lässt, wie «ein Ding, das an etwas Teures erinnert», bringt sie es um. Nicht, dass diese Erzählung eine Parabel mit einer Moral sein wollte; sie liefert sie aber, beiläufig, mit gesenkter Stimme gewissermassen dazu. Keine Moral wohlgemerkt, an die man sich halten, nach der man handeln könnte. Was zwischen Menschen geschieht, passiert meist wider Wissen; hier geschieht es in einer geschmeidigen, raffiniert ausgeleuchteten Prosa. Jans muss sterben, weil die stummen Aufträge, die an uns ergehen, in unserm Körper zu reden anfangen. Krankheit, Selbstmord, Mord: das ist in Liebesdingen, zwischen Vater, Mutter und Kind zumal, oft nur ein gradueller Unterschied. Die Nuancen, die Übergänge sind in dieser kleinen Erzählung ausgiebig zu studieren.
Andrea Köhler -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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