Der Tod kann jeden beliebigen Menschen an jeder Straßenecke anspringen; denjenigen aber, die auf der Schneide des Lebens tanzen, ist er ständiger Begleiter.
Janis Joplins außergewöhnliche Stimme, gewaltig durch das Ende der 60er Jahre dröhnend, jammernd, wütend, lockend und schmeichelnd - ja, auch das konnte sie, ihre Bandbreite war phänomenal - verstummte zu Beginn der 70er jäh. Das Dreigestirn der Toten am Rockhimmel, Joplin, Hendrix, Morrison, waren, unabhängig davon, wie ihre genauen Todesumstände wirklich gewesen sein mögen, frühe prominente Opfer, die der rasch um sich greifende Drogenhype von dem dafür empfänglichen Teil der Jugend der westlichen Welt forderte. Sie wurden nur 27 Jahre alt, ebenso wie der 1967 geborene Kurt Cobain, der fast ein Vierteljahrhundert später ebenfalls nur 27 Jahre alt wurde. Die erhoffte Bewusstseinserweiterung entpuppte sich nur allzubald als trostloser Krieg gegen das eigene Hirn. Vor allem Heroin gibt wenig und fordert viel, manchmal alles. Etliche bekannte und unbekannte Rebellen, aber auch Orientierungslose, Verlorene und die zu allen Zeiten allgegenwärtigen Mitläufer sollten ihnen folgen. Die wirklich hässliche Chose der Vielen haben Joplin, Hendrix, Morrison nicht mehr erlebt, wenn auch bereits der legendäre "Summer of Love" den Untergang der Love and Peace-Generation einleitete. Als die High-School-Kids in den Sommerferien 1967 in Haight-Ashbury einfielen, neigte sich die Party bereits ihrem Ende zu. Von da an ging's bergab: Schutzengel wurden wichtiger als Blumen im Haar. Einige Jahre lang wurden bestimmte Straßen San Franciscos von Leuten bevölkert, die zwar jede Menge Probleme, aber nur noch wenig Spaß hatten. Derweil war Janis Joplins Asche schon Teil der Wellen, die gischtsprühend gegen die kalifornische Küste anrollen.
Über das kurze, wilde Leben der Janis Joplin wurde viel geschrieben. Wer sich mit ihr beschäftigen will, findet enormes Material, bis hin zu mehr oder weniger umfangreichen, mehr oder weniger seriösen Biografien. Welche am dichtesten an der Wahrheit (welcher?) dran ist? - wer weiß das schon. Diejenigen, die mit ihr jung waren, sie kannten und nicht zuletzt überlebten, sind in ihrem eigenen Blickwinkel und ihren Erinnerungen gefangen und haben auch nicht alle Facetten dieser zerrissenen Persönlichkeit zu Gesicht bekommen. Mit den nackten Fakten allein lässt sich aber keine fesselnde Biografie schreiben, sie bilden im Idealfall das Rückgrat, das "Fleisch" jedoch wird aus Legenden, Einschätzungen, Erinnerungen und Anekdoten gebildet. Auch in diesem Sinn ist diese Biografie ein saftiges Stück Braten. Das Buch ist fesselnd, lässt den Leser in den Zeitgeist der Sechziger eintauchen, in den dumpfen und den rebellischen, und bietet darüber hinaus viele Informationen über die Entwicklungsgeschichte des Rock'n Rolls und seinen Wurzeln, was streckenweise dazu führt, dass man die Sängerin für eine Weile aus den Augen verliert. Mich hat das nicht gestört, ich fand diese Schleifen und Umwege sehr interessant. Die Autorin hat sich nicht nur viel mit Janis Joplin und den Menschen, die sie kannten, beschäftigt, sondern auch intensiv mit der damaligen Musikszene, den dazugehörigen untergegangenen "Lightshows" und "Ballrooms", und nicht zuletzt mit den Machern der ersten Stunden auseinandergesetzt. Außerdem beleuchtet sie ausführlich die Rolle Joplins als ersten weiblichen Rockstar, der sich auf keine Vorbilder und Wegbereiter stützen konnte und der über die "Frauenbewegung", die es noch nicht gab, vermutlich sein markantes und spöttisches Gekicher, eher ein gewollt irritierendes Gackern, hätte hören lassen. Es ist kaum vorstellbar, dass sich Janis Joplin vor die Emanzipationskarren hätte spannen lassen, vor die der Schwulen und Lesben aber auch nicht, obwohl sie bisexuell lebte. Allerdings war sie clever genug, sich für ihren exzessiven Verbrauch eines Whiskeylikörs und dem damit verbundenen verqueren Werbeeffekt ordentlich bezahlen zu lassen. Die Chaotische verfügte über erstaunlich strukturiertes Denkvermögen, besonders wenn es um Geld ging und wurde von allen, die sie näher kannten, als hochintelligent eingeschätzt.
Was blieb von Janis Joplin, der Rebellin, der Drogensüchtigen, der Alkoholikerin, der unflätigen, ungebeugten Zerbrechlichen, die sich immer nach dem Leben "hinter dem weißen Gartenzaun" mit Mann und Kindern sehnte, das sie doch nie und nimmer ertragen hätte? Eine Frau, die das Pech hatte, dass ihr Äußeres, auch wenn sie nicht hässlich war, niemals mit ihrem furchterregenden Ego Schritt halten konnte, ihre außergewöhnliche Stimme mit ihrem herausragendem Nuancenreichtum von geschmeidigem Samt bis purem Sex aber sehr wohl. Diese Stimme ist uns erhalten geblieben. Selbst Aufnahmen aus ihren frühen, unbekannten Tagen existieren noch. Janis Joplin starb jung. Aber sie hinterließ Songs, die keinen kaltlassen, der noch lebendig und bereit ist, sich auf sie einzulassen: beispielsweise ihren "Turtle Blues", ihre Version von "Summertime", "Ball and Chain", "Cry Baby", "Me and Bobby McGee" (genau, der Song, der an unzähligen Lagerfeuern so oft verhunzt wird) und als letztes Lebenszeichen an die Fans "Mercedes Benz", aus Übermut am Ende eines langen Aufnahmetages in L.A. ohne Musikbegleitung von ihr aufgenommen. Am Schluss des Songs ist ihr Kichern zu hören und sie will wissen, ob sie gut war. Wer weiß, vielleicht hätte sie es geschafft, auch den Autobauern aus Untertürkheim und Zuffenhausen ein wenig Geld für Publicity aus den Rippen zu leiern? Aber sie setzte sich anschließend in ihren "psychedelisch" bemalten 1965er Porsche, steuerte eine Kneipe an, kehrte dann irgendwann in ihr schäbiges Motelzimmer in einer bekannten Drogenabsteige zurück, wo sie sich vermutlich ohne Vorsatz den Goldenen Schuss setzte, der sie von Messers Kante schupste und aus dieser Welt katapultierte. Was wissen wir schon über die Seelenpein der Anderen.
Das zugeschlagene, sehr empfehlenswerte Buch noch in den Händen, bleibt das Bedauern über ihren dann doch so passenden frühen Abgang vor bald 40 Jahren und einmal mehr über das in erster Linie biologisch und geografisch bedingte Versäumnis, nicht am Monterey Pop Festival dabeigewesen zu sein, damals, im Juni 1967. Kurt Cobain war da gerade mal vier Monate alt.
Helga Kurz
Im Juni 2009