Jane Eyre - könnte ich 10 Sterne vergeben - ich wüßte nicht, ob ich es täte. Dieser Roman einfach zu genial, um ihn in einem so trivialen Punktesystem einzuordnen. Die Weisheit, die ausgefeilte Handlung, die unglaublich intensiven Gefühle der Protagonisten, noch dazu so authentisch beschrieben, daß man sich wie in einem Sog in die Geschichte hineingezogen fühlt - Charlotte Brontés Meisterwerk steht für immer in der Galerie der großen Literaturklassiker, unantastbar, meines Erachtens.
Trotzdem - oder gerade deshalb - ist meine Freude über die deutsche Ausgabe getrübt. Das englische Original mit seiner frischen und so schönen Sprache, seinen tiefsinnigen und zeitweise humorvollen Dialogen hatte mich neugierig gemacht, wie wohl eine Übersetzung damit umgehen würde.
Die Übersetzung stammt aus einer früheren Auflage aus dem Jahr 1986, und ich frage mich, wie ein Übersetzer an die Arbeit herangeht. Er muß doch ein Gesamtkonzept haben, muß versuchen, nicht nur die Sätze, sondern auch die Stimmung zu übertragen. Doch bereits in den ersten Kapiteln fiel mir auf, daß etwas fehlte. Die Sätze sind kürzer, es fehlen Wörter, die ich für die Stimmung als sehr wichtig empfunden habe, manchmal ganze Satzteile, und sogar ganze Sätze. Der Esprit der Dialoge wurde nur teilweise erfaßt, und es tut irgendwie weh, wenn Rochester nach Janes flammender Rede über Gleichheit und Ähnlichkeit ihres Wesens statt equal - "as we are!" nur "gleichwertig!" sagt.
Ja, ich weiß. Englisch ist Englisch und Deutsch ist Deutsch.
Trotzdem taucht in meiner Vorstellung ein anderes Bild auf, wenn es heißt "he kissed me repeatedly", als wenn ich lese "er küßte mich lange".
Kleinlich? Vielleicht.
Meine Empfehlung? Lesen!!!