Charlotte Brontës Roman "Jane Eyre" hat in meiner Ausgabe 592 Seiten, bei einem Layout, das mancher Verlag locker auf 800 Seiten strecken würde. So etwas auf gut 90 Minuten zu komprimieren, erfordert Geschick. Die vorliegende Verfilmung wird dieser Aufgabe zumeist gerecht. Eins-zu-eins-Verfilmungen sind sowieso meist die schlechtesten, weil Literatur und Film eine ganz eigene Sprache sprechen. Im vorliegenden Falle wurde ein Roman mit bewusst "filmischen" Mitteln adaptiert, und das steht der Geschichte gut an. Die zehnjährige Waise Jane kann ihrem Martyrium bei der Adoptivfamilie entkommen, nur um ein neues kennenzulernen, ein Internat. Dennoch wird sie die Zähne zusammenbeißen, um genug zu lernen, um in der Welt zurechtzukommen. Später gelangt sie (nunmehr von Joan Fontaine gespielt) als Gouvernante auf den Sitz des Sir Rochester (Orson Welles), der hinter seiner schroffen Art ein Geheimnis zu verbergen scheint.
Brontë schildert Jane als von Anfang an klug, selbstbewusst - es ist eigentlich eine Emanzipationsgeschichte. Genau so mutig stellt sich die Autorin gegen Bigotterie und "schwarze Pädagogik", und das Bewundernswerte an dem Roman ist, dass da eine Frau über etwas hellsichtig schrieb, als es von der Gesellschaft überhaupt noch nicht in Frage gestellt wurde. Der größte Fehler einer Verfilmung wäre, ihr den edlen Hauch eines Historienfilmes zu geben. Der Roman ist ja kein historischer Roman! Die Ich-Erzählerin Jane blickt zwar in der Anfangsphase um zwei, später um ein Jahrzehnt zurück, aber das ist eine sehr junge Vergangenheit, und die Aussagen waren beim Erscheinen des Buches ungemein modern. Eine Verfilmung, die 1944 um gut hundert Jahre zurückblickt, kann dem Buch nur gerecht werden, wenn sie ebenfalls modern aussieht, obwohl sie natürlich die Geschichte nicht ins Jetzt verlegen muss. Der vorliegende Film erreicht dies durch künstliche, expressionistische Verfremdungen statt eines Versuches originalgetreuer Authentizität einer Epoche. Der Beleuchter hätte einen Oscar bekommen müssen, er wirft nicht nur noir-artige Schatten (an den Bildrändern oft stark durch Weitwinkelobjektive vergrößert), sondern zaubert auch auf den Gesichtern mit Licht. Die kluge, emanzipierte Jane ist die Lichtgestalt. Das Gesicht des schwermütigen Rochester ist oft schwach ausgeleuchtet oder teils von Schatten bedeckt, die sich über die Wangen zum unteren Zentrum des Gesichts zu bohren scheinen und ihm die Kehle zuzuschnüren drohen. Die Kontraste sind scharf, die Gegensätze zwischen Hell und Dunkel extrem, ganz anders, als man noch wenige Jahre zuvor filmte. Schattengitter legen sich allenthalben auf die Figuren, heller Nebel wabert vor dunklem Hintergrund, die Außenaufnahmen sind klar Studiokulisse und die Innenbauten sind immer genau so groß oder erdrückend niedrig, wie es eher zum Drama als zur Authentizität passt. Der Film kann sich mit den großen expressionistischen Dickens-Verfilmungen von David Lean durchaus messen - und das von Robert Stevenson, einem nicht als eigenwilligen Auteur, sondern als späteren Disney-Zulieferer bekannten Regisseur! (Was keine Kritik sein soll, denn die Disney-Arbeiten sind wunderbar, in denen er seine gewisse Künstlichkeit unter ganz anderen Vorzeichen beibehalten hat, z.B. bei "Mary Poppins".)
Sicherlich ist der Verknappung geschuldet, dass die oben genannten Themen nicht immer so scharf akzentuiert werden können wie im Buch. Beispielsweise ist Janes Schulfreundin Helen (die junge Elizabeth Taylor) im Buch deutlicher als eine widersprüchliche Figur gezeichnet. Ihr gibt der christliche Glaube Kraft, alle Demütigungen zu ertragen, aber derselbe Glaube hat ihr das gesamte Selbstbewusstsein ausgetrieben, so dass sie gerade deswegen die ganzen Schusseligkeiten begeht, derentwegen sie gemaßregelt wird. Was sie also durch ihren Glauben zu ertragen gelernt hat, müsste sie ohne diesen Glauben gar nicht erst ertragen! Das war für eine Verfilmung in God's Own Country dann wohl doch zuviel. Leider neigt der Film stattdessen gelegentlich zum Überdeutlichen, wenn etwa in einem markanten Moment Gott quasi spontan kommentierend eingreift und mit einem Blitz einen Baum spaltet. Doch große Teile der kritischen, auch der religionskritischen Aussagen (Unauflöslichkeit der Ehe!) sind erhalten geblieben. Leider unter den Tisch gefallen ist eine herrliche Szene, in der Rochester als Zigeunerin verkleidet einer teils recht unsympathischen weiblichen Gesellschaft wahrsagt und ihr mit der nötigen Rochester-Mischung aus Zynismus, scharfsinniger Menschenkenntnis und schonungsloser Ehrlichkeit den Spiegel vorhält. Wenn ich auch bei allen anderen Kürzungen gnädig bin - was für eine Steilvorlage wäre das gewesen für den großen Orson Welles, das Allroundtalent, den charismatischen Magier! Ein echter Gewinn ist hingegen die Verknappung und Veränderung beim Tod der kleinen schwindsüchtigen Helen. Während im Buch Jane Abschied von ihr nimmt, bei ihr einschläft, um am nächsten Morgen woanders aufzuwachen, bleibt sie im Film bei Helen. Morgens sehen wir nur die beiden Hände, wie sie sich halten, dann drückt Janes Hand diejenige von Helen, um sie aufzuwecken - und wir ahnen dann schon, dass dies nicht mehr möglich sein wird. Jane schreit auf und rennt aus dem Zimmer - die Kamera ist die ganze Zeit nur auf den Händen bzw. dann nur noch auf Helens heller, schöner, toter Hand. Das ist eine mit Bedacht vorgenommene Änderung, die etwas sehr knapp und auf diese eine Einstellung reduziert erzählt, aber eine viel größere Wirkung hat, als wenn jemand Jane vom Tode Helens ERZÄHLEN müsste. Wir sehen nur, was Helen fühlt, wir sind Helen, erleben unmittelbar mit ihr mit.
Orson Welles hat als Rochester seine Paraderolle gefunden, und auch Joan Fontaine ist herausragend, von einer schlichten Schönheit, die der Rolle angemessen ist. Dabei gleitet das nie ins Statuarische ab. So hat sie beispielsweise sehr schön geformte Brauen, bei denen der Make-up-Artist sicherlich ein bißchen nachgeholfen hat. Doch anders als bei vielen Hollywood-Diven der damaligen Zeit sind sie nicht so gnadenlos ausgerissen und nachgezogen, dass an dieser ausdrucksstarken Stelle jegliche nuancierte Mimik unmöglich gemacht wurde. Achten Sie einmal auf die Brauen! Sie sind nicht lebloser Rahmen des Gesichts, sondern noch Teil der oft in bedeutungsvoller Bewegung befindlichen Partie zwischen Augen und Stirn. Jane Eyre, die emanzipierte Frau, die oft Haltung bewahren oder auch schlicht kuschen muss, sie wird in dieser Mischung aus Contenance und doch individueller Stärke und Emotion hervorragend von Jona Fontaine verkörpert (nicht nur wegen der Brauen!). Bemerkenswert gut ist ferner, wie eigentlich immer, die Musik von Bernard Herrmann. Wie in seinen bekannten Hitchcock-Soundtracks liebt er beispielsweise synkopische, beunruhigende Rhythmen, die zur Geschichte passend eingesetzt werden (kurz lang - kurz kurz lang - kurz kurz lang..., das "lang" wird betont und kommt jeweils eine Achtel vor den Zählzeiten zwei und vier. Damit ist es eine Synkope, d.h. eine betonte Note auf einem unbetonten Taktteil). Wenn ein Feuer von einer geisteskranken Person gelegt wird, fügt Herrmann den hohen Streichern immer neue in immer schrilleren Höhen hinzu, dass sich das fast schon wie das elektronische "Theremin" anhört, dessen hohes Vibrieren wenige Jahre später das Standardinstrument für "Verrückte" oder "unbekannte Gefahren" (oft aus dem All) wurde. Auch hier ist der Film also bemerkenswert modern!
Die DVD bietet eine gute Bildqualität, der deutsche Ton rauscht etwas, nennenswerte Extras gibt es keine, dafür aber auf Wunsch deutsche Untertitel. Ein lieber Dank an Tanja Heckendorn, deren Rezension mich zum Gucken des Filmes (und Lesen des Buches) inspiriert hat. Gerade Tanjas Ausführungen zur innovativen Lichtsetzung kann ich nur zustimmen!