Jane Eyre 2011 anzusehen ist eine wunderschöne Erfahrung.
Bilder, Licht-Stimmungen, Musik - einer dieser seltenen Filme, die auf ein rasantes Erzähltempo verzichten und der Handlung Raum und Zeit geben, sich zu entfalten. Kunstvoll, ruhig, entwirrend - bitte mehr davon.
Doch dieser Film ist auch eine Literatur-Adaption, und zwar eines absoluten Klassikers, was bei der Beurteilung der Umsetzung in einen Film nicht ignoriert werden kann. Und in dieser Hinsicht gibt es einfach Diskrepanzen, die mich persönlich dazu veranlassen, diese Jane Eyre Verfilmung als eigenständiges Kunstwerk anzusehen, weniger als Umsetzung des Buches.
Die Romanfigur Jane Eyre ist überaus faszinierend. Sie ist tiefgründig und intelligent, und absolut integer. Ihre Beziehung zu Rochester entwickelt sich auf Basis ihrer inneren "Gleichheit", die sie sehr bald gegenseitig erahnen, aber erst durch viele Gespräche erkennen und lieben lernen. Dieses Paar entwickelt eine der perfektesten Liebesbeziehung in der Literatur - dies in einem Film darzustellen ist schwer, aber nicht unmöglich.
Cary Fukunaga hat dieser Beziehung, oder der Entwicklung derselben, eher wenig Raum gegeben. Er arbeitet viel mehr mit Stimmungen, die er durch seine sehr gekonnte Kameraführung, Kontraste und Musik erzeugt. Die Dialoge kommen eindeutig zu kurz. Mia Wasikowska finde ich großartig, wie sie an ihrem ersten Abend in Gesellschaft Rochesters diesen gleich ein wenig auf den Arm nimmt und sich von ihm nur wenig einschüchtern läßt, aber was aus diesem hoffnungsvollen Beginn wird - wir sehen ein weiteres kurzes Gespräch zwischen den beiden und schon brennt sein Schlafzimmer, mit der dann doch ziemlich plötzlichen Intimität, die darauf folgt.
Warum Rochester dann abhanden kommt, daß sein angebliches Hofieren um Blanche Ingram eigentlich nur ein Plan ist, Jane eifersüchtig zu machen, ist kein Thema und wird nicht weiter erklärt. Jane leidet sehr dezent und erläutert Rochester ihre Pläne, sich eine andere Stelle zu suchen, und hoppla - ein Heiratsantrag!
Das ist zwar alles nett und nicht ungewöhnlich, aber auch nicht so außergewöhnlich, wie es eigentlich sein sollte.
Zum Teil liegt das auch an der Darstellung Michael Fassbenders. Er setzt seinen Rochester sehr grob an, seine Stimmungsschwankungen sind wahrnehmbar, aber es überwiegt die düstere Seite, bei weitem. Zwischendurch wirkt er regelrecht bösartig. Obwohl Fassbender ein außergewöhnlicher Schauspieler ist, schafft er es nicht ganz, den Zuseher seine Liebe zu Jane spüren zu lassen. Sehr gelungen ist jedoch die Szene, in der er Jane nach der Fast-Hochzeit anfleht, nicht zu gehen: er verwendet wortwörtlich Sätze aus dem Buch, die seine Leidenschaft und Zerrissenheit sehr ausdrucksvoll vermitteln (like a reed in my hands....) - wunderbar!
Mia Wasikowska ist eine sehr gute Besetzung für die Rolle, hauptsächlich optisch. Sie kann ihre Mimik gut kontrollieren, Jane Eyre versucht, sich möglichst wenig äußerlich anmerken zu lassen, hat aber auch keine Scham, ihre Gefühle zu zeigen. Durch die notwendigen Kürzungen in der Geschichte sehen wir Jane Eyre aber oft in emotionalen Szenen, und Mia hat wahrscheinlich einen Großteil der Shootings damit verbracht, feuchte Augen zu haben, zu weinen, sich verzweifelt im Heidekraut zu wälzen.
Das vermittelt fälschlicherweise den Eindruck, daß Jane Eyre eher am Wasser gebaut ist - was überhaupt nicht zutrifft!
Die Erzählstruktur des Films ist gut gewählt: der Start mit Janes Flucht, ihrer Zuflucht im Moore House, kurze Rückblenden in ihre Kindheit, Rückblenden zu ihrer Geschichte mit Rochester als Hauptteil und Herz der Geschichte, schlußendlich die Zusammenführung durch ihre Ablehnung St.John Rivers und Rückkehr nach Thornfield.
St.John - eine zwiespältige Person, aber gut erklärt im Buch. Jamie Bells Version ist - naja. Erstens gäbe es da optische Voraussetzungen, die er überhaupt nicht erfüllt (groß, schön), zweitens charakterliche, die ebenfalls kaum anmerkbar sind (leidenschaftlich in seiner religiösen Überzeugung, intelligent, eloquent, wenn er sich dazu herabläßt, als Bruder seiner Schwestern ein sehr geliebter Mensch). Dieser St.John betet zwar viel, aber als Pastor ist das ja sein Beruf. Daß er Jane überreden will, ihn zu heiraten, um in Indien eine fähige Missionarsfrau bei sich zu haben, mag inhaltlich stimmen, doch die Vorgehensweise - er schreit sie regelrecht an - deutet auf eine gewalttätige Veranlagung hin. Daraufhin hätte sie wahrscheinlich sowieso nein gesagt, auch ohne Rochester Funkspruch, den man leider nur bei einwandfreier Akustik in diesem Moment wahrnimmt.
Woraufhin Jane losstürmt.
Thornfield, die Ruine, beherbergt noch Menschen! Sowas! Inmitten der Trümmer steht Mrs. Fairfax und erklärt die Geschehnisse. Jane eilt zu dem Baum, unter dem ihr Rochester einst den Heiratsantrag gemacht hat und voilá - da ist er.
Und nach dem Wiedersehen ist aus. Kein - my Edward and I, nur Abspann. Schade.
Resümee: ein schöner Film, absolut sehenswert.
Als Roman-Verfilmung: ohne Tiefgang, mit vielen Lücken.