Liebe und Abscheu liegen ja bei den Jamie-Oliver-Produkten dicht beieinander. Der Hass-Fraktion kann man sogar einiges Verständnis entgegenbringen, wenn man Jamie nur aus dem deutschen TV kennt. Die Synchronisation macht aus dem Pop-Koch eine debile, stotternde Nervensäge, die allzu sehr an jene Jugendlichen erinnert, für die die Serie im Privatfernsehen wohl gedacht war. Das passiert, wenn mit von Sachkenntnis weitgehend befreiten Redakteuren und Produzenten gearbeitet wird. Der deutsche Text ist gegenüber dem Original ziemlich "eingedampft", deshalb die Stammelei mit den vielen Zwischentönen à la Bummbumm Becker.
Hat der Zuschauer mehr Interesse als Vorurteile, wird er - besonders bei der Wahl der Originalsprache - eine Überraschung erleben. Der Mann hat nicht nur eine angenehme Stimme, er kann sogar sinnvolle Sätze bilden! Am meisten Spaß macht es, wenn er mit Brian, dem Gärtner, zusammen im Beet hockt und mit ihm über Chili, Knofi und die Intelligenz der amerikanischen Ureinwohner beim Komplexanbau ihrer Tomaten, Bohnen und Kartoffeln sinniert ...
Die Rezepturen sind sowohl in Teil eins als auch Teil zwei von "Jamie At Home" meistens ganz interessant. Sie helfen einerseits, unsere Ressentiments gegenüber britischen Kochgewohnheiten einzudämmen und bringen andererseits wirklich einige brauchbare Ideen für den ambitionierten Küchen-Amateur 'rüber. Gerade die Themen Salate (plus anständiges Dressing), Kartoffeln, Tomaten, Kohl und Rüben (!) werden weit besser abgehandelt als bei irgend einem Fernsehkoch hierzulande. Und nach dem hochinteressanten Kapitel "Bohnen und Erbsen" kommt man zwangsläufig zur Schlussfolgerung: Der Mann kann kochen, er versteht was von Lebensmitteln, und vor allem: Er will wirklich seine Kenntnisse vermitteln! Ja, so was gibt's noch. Sehr angenehme Erfahrung, vor allem, weil für uns hierzulande das Kochen im Fernsehen fast ausschließlich aus "Shows" mit Siegern und Verlierern besteht.
Jamies Begeisterung, fürs TV im Dreck seines eigenen Gartens wühlen zu dürfen und anschließend gleich mit den frisch gepflücken oder ausgebuddelten Nahrungsmitteln in die Küche seines Landhauses zu rennen, um stante pede daraus ein einfaches, frisches und schmackhaftes Essen zuzubereiten, ist echt. Vor allem davon lebt die DVD. Und auch wenn ich bessere Spargelrezepte habe und wahrscheinlich lieber nicht von seinem Thunfisch-Orangen-Salat mit Kresse kosten werde - diese DVD ist das beste Kochbuch mit lebenden Bildern, das ich kenne. Einziger Minuspunkt: weder deutsche noch englische Untertitel gehören zum Menü. Ansonsten: Carry on, Jamie! Mehr davon!