Jamie Cullum ist ein Künstler, der sich nur in Superlativen beschreiben lässt, dabei ist sein Sound genau genommen zu vielseitig und komplex, um ihn mal eben mit ein paar gesteigerten Adjektiven zusammenzufassen. Wer ihn „einfach nur“ als jungen Jazz-Musiker kennt oder weiß, wie grandios seine Coverversionen klingen („High And Dry“ von Radiohead oder Pharrells „Frontin’“ z.B.), hat definitiv nur die Spitze des musikalischen Eisbergs gehört.
„The Pursuit“, sein fünftes Album und die erste Soloveröffentlichung seit vier Jahren, lässt sich hingegen sehr gut mit dem Titel beschreiben, den er von Nancy Mitfords Roman „The Pursuit Of Love“ (dt. Titel: „Englische Liebschaften“) entliehen hat. „Man strebt sein gesamtes Leben lang nach irgendetwas. Eigentlich ist das ganze Leben ein einziges Streben“, sagt der 30-Jährige, und dieses Streben hört man auf dem neuen Longplayer auch deutlich raus: Jamies Vision war es, seinen eklektischen Musikgeschmack mit seiner ausgeprägten Liebe zum Jazz und den zeitlosen Standards des Genres zu kombinieren.
Was ihm mehr als gelungen ist: Entstanden ist ein Album, auf dem er die musikalischen Eckpfeiler seiner Jugend mit einer Vielzahl von modernen Einflüssen verknüpft, alte Schule und heutige Hits unter einen Hut bringt. Bittet man ihn darum, den Sound der LP in eigenen Worten zu beschreiben, erwähnt er Namen wie Cole Porter, Rihanna und Aphex Twin in einem Satz. Doch Jamie ist schon längst dafür bekannt, etliche Stile und Sounds in seiner Musik zu vereinen: Ihm gelingt es wie keinem anderen, einen tanzbaren Akustiksong, wie er auf Ibiza laufen könnte, und einen üppig arrangierten Jazz-Standard auf ein und derselben Platte zu präsentieren.
Die Entstehungsgeschichte des neuen Albums ist eher mit einem Marathon zu vergleichen, als mit einem Sprint: Nachdem Jamie den Entschluss gefasst hatte, sich im Anschluss an die rund 24 Monate dauernde Tournee zum letzten Album („Catching Tales“, 2005) sowie dem vorangegangenen Trubel um seine Person, den bereits der Vorgänger „Twentysomething“ (2003) ausgelöst hatte, eine Auszeit zu gönnen, widmete er sich schon bald anderen Projekten. „Ich habe mir ein ganzes Jahr frei genommen“, sagt er. „Ich habe in Bands anderer Musiker gespielt und mit anderen Künstlern gearbeitet. Dazu habe ich mich als DJ betätigt, habe mit meinem Bruder Dance-Songs aufgenommen und bin viel rumgereist.“ Außerdem nutzte er die Zeit, um sein eigenes Studio einzurichten – Terrified Studios in Shepherd’s Bush (London): „Den Namen habe ich gewählt, weil ich so unglaublich wenig von Technik verstehe, dass ich meistens Angst habe, wenn ich im Studio bin“, sagt er lachend.
Gleichwohl entstanden sämtliche Songs von „The Pursuit“ zunächst in den besagten Terrified Studios bzw. in Jamies Küche, bis er sich dazu entschloss, die eigentlichen Aufnahmen in Los Angeles zu machen, wo er drei Monate im Sommer 2008 verbrachte. Obwohl sich die Arbeit mit seinem Produzenten und Langzeit-Kollegen Greg Wells als überaus ergiebig herausstellte, landeten einige der anfänglichen Aufnahmen aus seiner Küche schließlich doch in unveränderter Form auf der LP: „Wir mussten feststellen, dass es einige Elemente gab, die wir so in keinem Studio der Welt hinkriegen konnten“, sagt er. „Zum Beispiel gibt es ein Rhodes-Solo auf dem Song ‘We Run Things’, das ich auf zwei unterschiedlichen Instrumenten in Los Angeles eingespielt habe, aber letzten Endes haben wir uns dann doch für die Aufnahme aus meiner Küche in London entschieden!“
Zugleich bedeutete sein Aufenthalt in Los Angeles, dass Jamie dieses Mal ein paar Dinge anders angehen und seine Arbeitsroutine aufbrechen musste: „Ich wollte diese Platte nicht mit meiner alten Band oder meinem alten Produzenten aufnehmen“, berichtet er. „Ich wollte mich absichtlich aufs Glatteis begeben.“ Während Greg und Jamie einen Großteil der neuen Songs gemeinsam im Studio aufnahmen, kam eine Reihe von talentierten Musikern vorbei und unterstützte die beiden bei der Arbeit. Mitglieder von Becks Band schauten beispielsweise rein, und jene Bläser, die schon auf Michael Jacksons „Thriller“-Album zu hören waren, wirkten ebenfalls mit. „Natürlich ist es eigentlich ein absolutes Klischee, für das dritte oder vierte Album den Ort zu verlassen, an dem man sich sicher fühlt, und alles plötzlich ganz anders anzugehen“, sagt er weiterhin. „Aber, nun ja, wie soll ich sagen: Es hat in diesem Fall tatsächlich funktioniert.“
Im Herbst 2008 war das Album schließlich im Kasten, und Jamie war drauf und dran, es den Verantwortlichen von seinem Label zu präsentieren – als etwas geschah, was so nur in Mr. Cullums Karriere passieren kann: Clint Eastwood meldete sich mal wieder bei ihm. Kennen gelernt hatten sich die beiden durch Clints Sohn Kyle, ebenfalls ein Jazzmusiker, und so kam es auch, dass Jamie am von Eastwood komponierten Soundtrack zu John Cusacks Film „Grace Is Gone“ (2007) mitgewirkt hatte. Jetzt meldete sich Eastwood, weil er einen neuen Auftrag für Jamie hatte...
„Zunächst fragte er mich, ob ich beim Monterey Jazz Festival auftreten könnte. Nachdem er dann meine Performance gesehen hatte und ganz außer sich war, drückte er mir das Script von ‘Gran Torino’ in die Hand und sagte nur: ‘Ich möchte, dass du Musik dafür schreibst.’“ Zu Jamie Cullums zahlreichen Talenten zählt übrigens auch, dass er Clint Eastwood perfekt nachahmen kann. Letzten Endes fand er sich eines Tages in Clints Haus ein, um den Titelsong aufzunehmen – und der gesamte Streifen wurde daraufhin noch einmal neu geschnitten, weil die Melodie seines Stücks als Leitmotiv verwendet werden sollte. Die beiden ergeben definitiv ein seltsames Paar, eins, das man sonst höchstens aus Filmen kennt, aber es stimmt: Inzwischen sind Clint und Cullum dicke Freunde. „Wir haben zusammen abgehangen, uns über Frauen unterhalten und Bier getrunken“, berichtet Jamie mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
Der Song „Gran Torino“, geschrieben von Clint und Jamie, wobei Jamie allein für den Text verantwortlich war, sollte schließlich sogar für einen Golden Globe nominiert werden. Was für Jamie allerdings auch bedeutete: Unzählige Interviews und Pressetermine, um den Film zu promoten. Dazu kam, dass er ganze Zeit über Ideen für weitere neue Songs sammelte. Bis es irgendwann so aussah, als sei die Arbeit an der neuen LP doch noch nicht ganz abgeschlossen...
„Ich hatte weitere Songs geschrieben und neue Erfahrungen gesammelt, die ich musikalisch umsetzen wollte“, berichtet Jamie. „Zum Beispiel hatte ich den Rihanna-Coversong gemacht; und mir wurde klar, dass ich den eigentlich echt gern auf meinem Album hören würde.“ Dazu muss gesagt werden, dass Coverversionen schon immer zu Jamies Repertoire gehören – schließlich ist er ein Jazzmusiker –, doch ist es heutzutage gar nicht so einfach, ein passendes aktuelles Stück zu finden, wo inzwischen jede Teenie-Band und selbst der Köter, den sie in einer Handtasche mit sich herumschleppen, irgendwelche Coversongs im Programm hat. Nachdem er jedoch Rihannas Über-Single „Umbrella“ in seiner eigenen Version präsentiert hatte, machte er sich nun kurzerhand an ein weiteres Stück der R&B-Queen: „Please Don’t Stop The Music“. Laut eigener Aussage war dabei der „sexy Text“ des Songs besonders ausschlaggebend, und erneut ist Jamies Version so unfassbar groß, dass es einem die Sprache verschlägt.
„Überhaupt wollte ich dieses Mal meine aktuellen Einflüsse stärker berücksichtigen“, berichtet Jamie. Selbst wenn längst bekannt ist, dass er ein musikalischer Nimmersatt ist, der jede Plattenkiste auf den Kopf stellt und durchforstet – und dabei der einen oder anderen unbekannten Band auf die Sprünge hilft –, ist „The Pursuit“ sein erstes Album, auf dem er diesem „Trieb“ vollkommen freien Lauf lässt. „Die Leute, die mich schon mal auf der Bühne erlebt oder Texte von mir gelesen haben, wissen bestimmt, dass ich einen äußerst eklektischen Geschmack habe“, setzt er an. „Trotzdem denken die meisten doch nur an ‘What A Difference A Day Makes’, wenn sie meinen Namen hören. Mich hat das ehrlich gesagt auch nie gestört. So einen Song zu singen, ihn in einer richtig guten Version zu präsentieren, ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt.“
Auch zehn Jahre nach der Veröffentlichung von „Heard It All Before“ – sein Debüt, in Kleinstauflage selbst veröffentlicht – ist Jamie noch immer auf der Jagd nach neuen Sounds und unverbrauchten Ideen (das ist der „Pursuit“ aus dem Titel, wenn man so will, ein Streben und eine Jagd zugleich). „In letzter Zeit sind ein paar Musiker aufgetaucht, die quasi voll ausgereift waren, als es für sie losging – Alex Turner zum Beispiel, oder Jamie T. Sie wussten von Anfang an, wie ihre Musik klingen sollte, und sie haben da auch keinen Hehl draus gemacht. Als ich jedoch damals meine ersten Aufnahmen machte, war das ein Schuss ins Blaue. Ich wollte nur etwas in der Hand halten, was ich bei meinen Hochzeitsauftritten verkaufen konnte.“
„Ich denke, dass es mir mit diesem Album fast schon gelungen ist, mein gesamtes Potenzial anzuzapfen und mich so zu präsentieren, dass einfach alles stimmt. Mit 19 hatte ich noch keine Ahnung, wie das alles zu klingen hatte oder was für ein Musiker ich sein wollte“, sagt er weiterhin. Inzwischen fragt er sich ehrlich gesagt sogar, ob er seinen alten Hit „Twentysomething“ überhaupt noch spielen soll. „Es gibt da eine Textzeile in dem Song, die besagt: ‘Ich bin in meinen Zwanzigern/lass mich in Ruhe’, und meine Zwanziger sind schließlich jetzt vorbei“, gesteht er. Ja, es stimmt: Jamie hat im August seinen 30. gefeiert. Und doch kann es sein, dass er den Song auch in Zukunft spielt: „Wäre doch lustig, wenn ich den Text einfach dementsprechend abändern würde.“
Obwohl Jamie sagt, dass er seine „Zwanziger in vollen Zügen ausgekostet hat“, haben die Höhen und Tiefen der letzten Jahre noch mehr kreative Energien in ihm geweckt. Sein privates Glück – eine Angelegenheit, die von Boulevardblättern ausreichend (und oftmals recht unzutreffend) dokumentiert worden ist – ist das zentrale Thema von „Love Ain’t Gonna Let You Down“, einem der wichtigsten Songs des neuen Albums. „Ich habe noch nie zuvor ein Liebeslied geschrieben, das vollkommen ernst gemeint war und ohne einen Witz auskam“, gesteht er. „Bislang stammten die einzigen wirklichen Liebeslieder in meinem Repertoire allesamt von George Gershwin.“
Zugleich ist „Love Ain’t Gonna Let You Down“ derjenige Song, der die zentrale Aussage des gesamten Albums in folgender Textzeile auf den Punkt bringt: „The pursuit of love consumes us all.“ Allerdings meint Jamie mit jener Liebe nicht nur die romantische Variante, die so gern von den Boulevardblättern zerpflückt wird, sondern auch seine Liebe zur Musik, die er mit jedem einzelnen Track zum Ausdruck bringt. Immerhin ist „The Pursuit“ ein Album, das mit einem Stück beginnt, das gemeinsam mit dem Count Basie Orchestra live im Studio von Tony Bennett in New York entstand, um mit einem astreinen Dance-Track und einem Jazz-Standard zu enden, der mit satten Downtempo-Beats unterlegt ist.
Obwohl er bereits mit so großen Namen wie Carole King, Burt Bacharach und Clint Eastwood gearbeitet hat und darüber hinaus auch mit dem Beatbox-Chef Killa Kela oder einem HipHop-Superstar wie Pharrell Williams im Studio war: Jamie geht es nach wie vor nur darum, bewegende Songs zu schreiben. Sich ausruhen und billigen Ruhm erhaschen können andere. „Wenn du dich wirklich auf die Musik konzentrierst, besteht der ganze Sinn doch darin, dass du nie aufhörst und immer weiterkommst. Zumindest ist das so, wenn du nicht gerade P. Diddy heißt“, sagt er lachend. „Die einzigen Erwartungen, denen ich gerecht werden muss, sind meine eigenen. Ich will auf das fertige Album stolz sein können.“ Noch so ein „Pursuit“, ein angestrebtes Ziel also, das er mit den neuen Songs locker erreicht hat.
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