James Bonds Auftrag (der nicht wirklich sein erster ist, aber sein erster in Romanform) führt in Anfang der fünfziger Jahre an die französische Atlantikküste. Der KGB-Agent und Funktionär der französischen Kommunisten LeChiffre will die Millionen, die er Partei und Gewerkschaft gegenüber veruntreut hat, beim Bakkarat im Casino Royale wieder zurückgewinnen. James Bonds Auftrag ist es, unterstützt vom französischen und US-amerikanischen Geheimdienst (ja, auch Felix Leiter taucht hier zum ersten Mal auf), LeChiffre am Spieltisch zu besiegen, und nicht nur ihn, sondern auch die Kommunisten in Frankreich ins Chaos zu stürzen.
Der James Bond, den wir im Casino Royale, dem wie bereits angedeutet ersten Bond Roman Ian Flemings von 1952, erleben dürfen, ist ein anderer wie in den sattsam bekannten Filmen. Daß die heutigen "Actionstreifen" mit dem Original-Bond nichts zu tun haben, war dabei klar, aber es hat mich doch überrascht, wie sehr auch der Sean Connery-James Bond schon anders auftritt.
Dieser Ur-Bond ist ein eher muffiger Zeitgenosse, den die Frauen bei der Arbeit stören, als er eine Mitagentin dann doch an sich heranläßt, denkt er sofort ans Heiraten. Von James Bond, dem Playboy "leaving a trail of dead women behind him" ist zumindest im Casino Royale noch nichts zu sehen.
Auch mutet die Handlung geradezu kammerspielartig an, Lokationen sind eigentlich nur das Casino, zwei Hotels und eine alte Villa. Das größte Actionelement ist eine Autoverfolgungsjagd, die, das einzige "Gadget" der Geschichte, von einigen Stahlnägeln auf der Straße beendet wird. Dafür erfährt der geneigte Leser nicht nur ausführlich, wie Bakkarat gespielt und der Original-Wodka Martini zubereitet wird (3 Teile Gin, 1 Teil Wodka, 1/2 Teil Wermut, dazu eine Scheibe Zitrone), sondern erlebt auch einen James Bond im Krankenhaus liegend, voll Zweifel an der Gerechtfertigkeit seines Tuns und Angst vor kommender Impotenz. Das ist nicht der James Bond, den wir aus den Filmen kennen.
Es ist eine deutlich tiefere, nach außen schroffe und melancholische Figur. Eine sehr ungewohnte Perspektive.
Wäre der Roman für sich alleinstehend, er wäre wohl nicht wirklich interessant und lesenswert. Da er aber die Grundlage für eigentlich das gesamte moderne Agentengenre bildet, ist es überaus faszinierend, diesen bekannten und doch so anderen James Bond kennenzulernen.
"Casino Royale" bildete übrigens die Grundlage für gleich zwei Filme. Der erste, schon in den fünziger Jahren als Fernsehfilm gedreht, ist mir gänzlich unbekannt. Ende der Sechziger, als die Bond-Filme schon Kassenerfolge waren, wurde Casino Royale erneut aufgelegt, als Parodie inszeniert, mit David Niven als James Bond, Peter Sellers, Woody Allen, Cameo Appearences unter anderem von Peter O'Toole und Jean-Paul Belmondo. Durchaus sehenswert, wenn auch schon mit etwas sehr viel Klamauk, und ganz ganz weit weg vom Buch.