© Tonio, filmkritik99.jimdo.com
Nein, richtig schlecht ist fast kein Bond, auch dieser nicht. Leider jedoch ist er mindestens teilweise eine Resteverwertung mit Hang zu selbst für Bond zu verkasperter Exotik. Bereits in einem älteren Bond war einmal erwogen worden, eine Großwildjagd auf Bond zu veranstalten; dies hatte man aber als zu Tarzan-artig und nicht zu Bond passend verworfen. Nun, in "Octopussy", gibt es diese Skrupel nicht mehr, und man zauberte die Szene wieder aus der Mottenkiste. Zudem gibt es indische Reißbrett-Exotik per Verfolgungsjagd auf kleinen motorisierten Rikschas und Klopperei auf dem Marktplatz mit allen Klischees, die man dort zu finden glaubt. Was für ein Unterschied zum Vorgänger-Bond "In tödlicher Mission", der durch halsbrecherische Action wie einer Skier-Verfolgungsjagd auf einer Bobbahn glänzte! Zudem sind die Zitate aus früheren Bonds so massiv, dass es nicht mehr wir kurze Hommagen wirkt - diesmal vor allem "Goldfinger" betreffend: Das falsche Krokodil, unter dem sich Bond befindet, erinnert an eine falsche Ente in "Goldfinger", das Würfel-Duell an das Karten-Duell des älteren Filmes, einschließlich der Machtdemonstration, nachdem Bond seinen Gegner überlistet hat: Goldfingers Mann fürs Grobe zerquetschte Golfbälle, derjenige vom "Octopussy"-Bösewicht (Louis Jourdan als Prinz Kamal Khan) zerquetscht die Spielwürfel zu Staub. Bei einer (hier: nur angedeuteten) Folterszene sehen wir indes, wie spielerisch Bond mittlerweile geworden ist: Während Goldfinger Bond mit einem Laser zu kastrieren drohte, quatschen Bond und Khan nur sehr blasiert über Foltermethoden, die demnächst angewendet würden, wozu Khan genüßlich ekelhaftes Essen - gefüllten Schafskopf - serviert und süffisant vor Bonds Augen ein Auge des Schafskopfes verspeist. Trotz des üblich hohen Body Count kommt es in "Octopussy" nie zu Gewalt, deren Schmerz spürbar ist.
Dennoch hat "Octopussy" seinen Charme und kann Roger Moore trotz teilweise arg aufgesetzten Grinsens in ein paar Szenen auch durch Ernsthaftigkeit überzeugen, etwa wenn ihm der fiese Plan offenbart wird, wenn ihm keiner seine Warnung vor einer Atombombe glaubt oder wenn sich zeigt, dass er und die Frau namens "Octopussy" ähnlich kompromisslos sind. Außerdem kommt es nach dem Indien-Segment auch wieder zu spektakulären Stunts, diesmal in Deutschland. Natürlich ist Moore gedoubelt und sehen wir bei den Inserts die Rückprojektionen, aber irgendjemand hat das Halsbrecherische (z.B. auf, neben und unter einem fahrenden Zug) ja tatsächlich vollführt - das ist Kult genug! Außerdem übt sich "Octopussy" in der guten alten Tugend, ein aktuelles Ereignis aufzugreifen, damit dann aber zu machen, was er will. Diesmal schreiben wir erkennbar das Jahr 1983, Nato-Doppelbeschluss, Friedensbewegung, Forderungen nach einseitiger Abrüstung in der westlichen europäischen Welt (vor allen in Deutschland, in dem der Film passenderweise in der zweiten Hälfte spielt - vergessen wir nicht, dass es dort war, wo die Linie zwischen den Blöcken verlief!). Dies alles will sich General Orlov zunutze machen und mit einem geklauten Zarenschatz von Khan eine Atombombe kaufen (lange Zeit ein etwas diffuser Zusammenhang), deren Explosion als Versehen der Amerikaner erscheinen soll, damit die westliche Abrüstung erzwungen werde und die Sowjetunion (oder Orlov privat, man weiß nicht so genau...) die Weltherrschaft übernehmen könnte. Eine irgendwie bestechende Idee, um die Mélange des Verspielten mit dem ernsten Hintergrund zu illustrieren, ist, Teile der Handlung in einem Zirkus spielen zu lassen. Bond, das ist doch alles nur Show, die Action ist Akrobatik - und die Show- und ernste Ebene vermischen sich an mehreren Stellen: Zwei Zirkus-Messerwerfer arbeiten zugleich als Killer (was dem Film die Gelegenheit gibt, bei ihnen teils auf Doubles zu verzichten, da es sich um echte Künstler ihres Faches handelt). Eine Artistin legt Bond durch ein artistisches Kunststück herein, indem sie ihm einen Teil des Zarenschatzes geklaut hat und hiernach scheinbar hilflos einen Balkon herunterfliegt, aber mit einem Trick wohlbehalten landen und fliehen kann. Schließlich muss sich Bond gar als Clown verkleiden, was einerseits zu skurrilen Späßen führt, aber auch den Thrill auf die Spitze treibt: Dass ein Clown davor warnt, dass in 90 Sekunden eine Atombombe mitten in einer Zirkusveranstaltung explodiere, glaubt natürlich kein Mensch - es schließt sich der vielleicht knappste und schweißtreibendste Wettlauf gegen die Zeit an, der je in einem Bond zu sehen war.
Daneben werden der Kult-Erwartungen durch moderate erotische Witzchen erfüllt, etwa wenn die Kamera die Szenerie lauter Bikinischönheiten in einer Hotelanlage mit einem Close-up auf einen der Popos einleitet. Oder wenn eine Frauenkloppertruppe nicht nur die Kerle vermöbelt, sondern eine der Damen einen Mann auch noch durch einen Sprung mit gespreizten Beinen auf sein Gesicht überwältigt, sodass er vielleicht sogar glücklich ausgeknockt wurde. Und dann mal wieder diese Namen...: "Mein Vater war Fachmann auf dem Gebiet der Octopus-Forschung, daher nannte er mich auch Octopussy" - hahaha... Ein Schelm, wer Arges dabei denkt, zumal Bond-Girls schon "Honey Rider", "Pussy Galore" oder "Kissy Suzuky" hießen. Man muss das nicht lieben, und wer Bond nicht mag, dürfte auch "Octopussy" nicht mögen. Doch der Film ist ein nicht spitzenmäßiger, aber insgesamt gelungener Beitrag zur Serie, in der Art, in der mir dies lieber ist als die jüngeren Tendenzen, sich dem jungen Publikum durch Bourne-artige Härte und Schnittgeschwindigkeit anzubiedern. Dafür vier Sterne.