Jetzt mal ehrlich, wann hat man schon einmal so ein reifes Debüt in so jungen Jahren, noch dazu in einem Genre-fremden Gebiet erlebt?
Beide Künstler sind Studenten der Filmakademie Baden-Württemberg, aber das merkt man dem Werk glücklicherweise in jeder Phase an. Starke Winkel und Fokus auf bestimmte Körperpartien, flüssige Übergänge zwischen den kaum, und wenn dann weiß-gerahmten Panels und optische Spielereien wie Gleichzeitigkeit auf Bildern, die zeitliche Grenzen verschwinden lassen. Illustrator Felix Mertikat hat da etwas ganz eigenes geschaffen. Einziges Manko in der Optik sind die etwas zu harten, dunklen Lettern auf den zarten Pastell-Tönen.
Man orientiert sich stark an den großen Vorbildern aus dem Bereich der Erwachsenenmärchen. Da wären die Motive der Sinnsuche aus "Der kleine Prinz", die düstere Moral eines "Struwwelpeter" oder das Etablieren starker Nebenfiguren auf wenigen Seiten, wie es Neil Gaiman unter anderem in "Coraline" oder "Wölfe in den Wänden" betreibt.
Die Geschichte bezieht ihren Reiz aus dem Kontrast kindlicher Erwartung, die sich gut in der freundlichen Farbgebung wiederfindet, mit der verschrobenen, mitunter brutalen Umwelt, in die sich permanent der Tod einschleicht. Die Figuren, denen der kleine Jakob auf der Suche nach seiner toten Mutter begegnet, antworten sehr kryptisch und in den seltensten Fällen zufriedenstellend, meist aber sehr Zitate-reich, Autor Benjamin Schreuder scheint hier sehr reflektiert mit der Traditionsreichen Geschichte der Märchen umzugehen. Das zeigt sich auch am Ende, welches ohne zu viel zu verraten, die Erwartungshaltung derer erfüllt, die die Klassiker mögen.
Ein wunderbares, morbides Buch, das vor allem in erwachsenere Kinderhände gehört.