Gerhard Wehr, Jakob Böhme. Ursprung, Wirkung, Textauswahl, Wiesbaden 2010, 256 S.
Gerhard Wehr, ausgewiesener Kenner von Leben und Werk Jakob Böhmes (1575-1624), legt mit dem vorliegenden Buch eine umfangreiche ideengeschichtliche Studie vor. Er will zeigen, dass die Wirkung Böhmes auf die abendländische Geistesgeschichte nicht hoch genug eingeschätzt werken kann: Eine Fülle namhafter Philosophen, Theologen, Psychologen und Dichter haben sich von Jakob Böhme inspirieren lassen. Umso verwunderlicher, dass die Wirkung Böhmes bis heute kaum ins öffentliche Bewusstsein getreten ist.
Wehrs Untersuchung gliedert sich in drei Hauptteile. Im ersten Teil wird die geistige Situation skizziert, in der Böhme lebte. Dazu zählt vor allem die sich entwickelnde Autonomie des Menschen, die kopernikanische Wende und die sich herausbildende neue Geistigkeit Europas. Angesichts der damit verbundenen Infragestellungen des klassischen christlichen Denkens wagt Böhme einen Neuansatz. Ausgelöst durch eine mystische Zentralerkenntnis im Jahr 1600 bemüht er sich, den Gesamtzusammenhang des Geschaffenen zu durchschauen. Was hält die Dinge im Innersten zusammen? Böhme scheut sich nicht, dabei die traditionellen Festlegungen des christlichen Dogmas in Frage zu stellen. Wehr zeigt, dass Böhme Erkenntnisse Meister Eckharts, Nikolaus von Kues, auch der jüdischen Kabbala in seine christliche Theosophie aufnimmt. Im vielgestaltigen Werk Böhmes verdichtet sich der breite Strom christlicher Esoterik.
Im zweiten Teil des Buches, der von Umfang und inhaltlichem Gewicht den Schwerpunkt bildet, zeichnet der Autor die Wirkungsgeschichte Böhmes bis in die Gegenwart nach. Als Leser ist man verblüfft, wie unterschiedliche Geister sich von Böhmes Denken anregen ließen. Hegel etwa sprach von ihm als dem ersten deutschen Philosophen. Ernst Bloch preist Böhme geradezu hymnisch: "Dergleichen ward seit Heraklit nicht mehr gehört". Es gab fünf Höhepunkte der Rezeption Böhmes: der ältere Pietismus in der ersten Hälfte und Goethe in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der Idealismus und die Romantik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und schließlich Rudolf Steiner zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dabei vollzog sich Böhmes Wirkung auf unterschiedliche Weise: Bewusst oder unbewusst wurden meist nur Aspekte seiner Überlegungen aufgenommen. Vertretern des deutschen Idealismus wie Hegel, Schelling und Hölderlin bot Böhme die notwendige gedankliche Unterstützung gegenüber einem mechanistisch-materialistischen Welterklärungsansatz.
Das Kapitel über die Böhmerezeption Rudolf Steiners zeigt den Autor als ausgewiesenen Steinerexperten. Für Wehr bietet die heutige anthroposophische Bewegung eine Fülle von Beispielen der Konkretion geistiger Erkenntnis in der Nachfolge Böhmes. Allerdings kommt mir diese äußerst positive Interpretation der Anthroposophie etwas einseitig vor. Wo bleiben die kritischen Aspekte dieser Bewegung?
Der dritte Teil des Buches enthält Auszüge aus den Hauptwerken Jakob Böhmes. Hier findet sich außerdem eine Böhme-Bibliograhie, die durch Umfang und Internationalität beeindruckt. Abgerundet wird das Buch durch ein Personenregister.
Gerhard Wehr ist in seinem Buch den weiten Radius der Wirkungen Böhmes abgeschritten. Dabei vermag er deutlich zu machen, dass dessen "Schuster-Theologie" unterschwellig durch Befürwortung und Widerspruch hindurch die abendländische Geistesgeschichte maßgeblich mitgeprägt hat. An manchen Stellen hätte ich mir eine Straffung der Ausführungen gewünscht. Nicht immer vermag ich den theologischen Urteilen des Autors zu folgen - z.B. wenn er von einer Ergänzungsbedürftigkeit der Trinitätslehre spricht. Insgesamt jedoch stellt die Lektüre eine notwendige theologische Herausforderung dar. Eine positive Lehre von außergewöhnlichen Geisterfahrungen ist und bleibt ein uneingelöstes Desiderat evangelischer Theologie.
Prof. Dr. Peter Zimmerling, Leipzig