Eine schöne Auswahl von Originaltönen zu 5 Jahrzehnten Fußball von den 50ern bis in die 90er. Die Auswahl der Spiele ergibt sich fast automatisch aus der Abfolge von Welt- und Europameisterschaften, Europapokal-Finalteilnahmen deutscher Vereinsmannschaften und einiger legendärer Bundesligaspiele. Es gibt wahrlich viele Höhepunkte. Die ausgewählten Reportagen sind zumeist spannend und stimmungsvoll, Klasse-Reporter lösen beim Fußballfan sicher auch heute noch Begeisterung aus. Gänsehaut, Rührung oder einfach auch nur Melancholie (das waren noch Zeiten!) stellen sich so automatisch ein, wenn man noch nicht völlig abgestumpft ist. Nicht so prickelnd in diesem Zusammenhang sind übrigens die ebenfalls ausgewählten Ausschnitte aus Fernsehreportagen, die naturgemäß nicht das rüberbringen, was Radioreportagen zu leisten vermögen. Glücklicherweise überwiegen aber letztere deutlich.
Einen Stern Abzug gibt es für die Kommentare der Redaktion, die zwar auch wichtige Details enthalten, aber teilweise etwas besserwisserisch ausfallen und immer "political correct" sind. Außerdem beurteilen sie die Dinge allzu sehr aus heutiger Sicht. Hier wird der Fehler vieler Historiker und Journalisten, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen, wiederholt. Man versucht aus der bequemen Retrospektive heraus, ein System bzw. eine Ordnung zu konstruieren, die Dinge in ein Raster zu bringen, auch wenn es einfach nicht passt. Auf diese Weise werden Glück, Zufall und Improvisation völlig ausgeblendet. So erscheint hier im nachhinein der Weg der deutschen Nationalmannschaft immer ganz folgerichtig, geradezu vorherbestimmt. Das ist aber Quatsch! Die Deutschen sind mit guten Mannschaften manchmal früh ausgeschieden, mit schlechten aber auch oft weit gekommen. Glück, Zufall, Tagesform spielen eben eine wichtige Rolle.
Zur Erläuterung: Das Jahrzehnt von 1978 bis in die späten 80er Jahre wird in Begleitheft und -kommentar als Krise und Niedergang der deutschen Mannschaft eingestuft. Das Ausscheiden gegen Österreich 1978 erscheint als absehbares Versagen einer lustlosen Truppe, die "nur auf Torverhinderung" aus gewesen sei. Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Übergangen werden dabei ein überzeugendes 6:0 gegen Mexiko in der Vorrunde und ein gutes Spiel (2:2) gegen den späteren Finalteilnehmer Holland, als Deutschland zweimal in Führung ging.
Seltsamerweise wird die Europameisterschaft 1980 in Italien völlig ignoriert. Hier hatte Deutschland ganz klar die beste Mannschaft, gewann zum Beispiel überzeugend gegen Holland (3:2 nach 3:0-Führung) und wurde mit sehr guten Einzelspielern (Schumacher, Kaltz, Stielecke, Schuster, Matthäus, Rummenigge, Allofs, Hrubesch etc.) völlig verdient Europameister. Überhaupt: die 80er Jahre als Krise? International stand der deutsche Fußball jedenfalls um Längen besser da als heute. 1982 und 1986 wurde Deutschland jeweils Vizeweltmeister, hatte dabei zwar auch viel Glück, aber zeigte eben auch immer wieder Super-Spiele (gegen Spanien und Frankreich 1982, gegen Mexiko und Frankreich 1986). Andererseits waren eben auch die Titel 1990 (WM Italien) und 1996 (EM England) keineswegs folgerichtig. Bei beiden Meisterschaften zeigten die Deutschen auch Schwächen und hätten durchaus früher ausscheiden können.
Fazit: Der Ball ist rund, und auch noch so kluge Analysen, Periodisierungen, Erklärungsmuster und Sinngebungen aus der heutigen Perspektive können Faktoren wie Glück, Zufall, Tagesform, Psychologie und Motivation nicht ausschalten. Sonst wären wohl nicht die Deutschen 1954 Weltmeister, die Dänen 1992 und die Griechen 2004 Europameister geworden, die Südkoreaner und Türken wären nicht ins WM-Halbfinale und die Deutschen nicht ins Endspiel 2002 eingezogen. Warum fasziniert also der Fußball die Menschen, warum gehen die Leute ins Stadion? Weil sie eben, wie schon Sepp Herberger erkannte, vorher nicht wissen, wie es ausgeht !
Ach ja, noch ein kleiner Fehler: Der Titelkampf zwischen Bayern und Köln mit der Heynckes-Daum-Kontroverse war 1989, nicht 1987.