Die Forschung hat es längst erwiesen: der Mensch ist ein Mitmacher. Auch dann, wenn es sich um moralisch Verwrfliches handelt. Dies gilt für sog.Lernexperimente, die mit Elektroschocks durchgeführt werden, das "Milgram-Experiment" wie auch die Teilnahme am Zeitgeist.
Der Erinnerungsforscher Harald Welzer hat konstatiert, wie schnell alle moralischen Bedenken, sollten sie je existiert haben, im Nationalsozialismus über Bord geworfen wurden, " Täter-wie aus normalen Menschen Massenmörder werden".
Eine im Nationalsozialismus aufwachsende Generation ist im Zeitgeist mitgeschwommen.Dies ist weder erstaunlich noch vorwerfbar. Nur wenige widerstanden, genau wie im Milgram-Experiment, und zwar diejenigen, die in ihrer eigenen abweichenden Weltanschauung so gefestigt waren, dass sie das Unrecht des Regimes sofort erkannten und diesem widerstanden.
Wenn man jetzt die späten Rechtfertigungsreden liest, kommt die Erinnerung an die " Unfähigkeit zu Trauern" von den Mitscherlichs ins Gedächtnis.
Es ist sicher unberechtigt, dass eine nachfolgende Generation, die ja gegenüber den Herausforderungen ihrer Zeit ebenso mit Anpassung reagiert, kein " Recht" hat, Vowürfe zu erheben.
Aber man könnte Scham empfinden, sich blindlings einem Unrechtsregime anvertraut zu haben. Diese Scham wird durch Verteidigungsreden gegen die Kritiker vermieden. Genau das meinten die Mitscherlichs. Trauer und Scham setzen voraus, sich dem eigenen Schmerz zu stellen.
Insofern sind viele Beiträge in diesem Buch ein Beleg für die Thesen der Mitscherlichs.
Wer feststellt, dass er bei Unrecht mitgewirkt hat, sollte schweigen und sich schämen. Aber nur derjenige erhebe den ersten Stein, der diesen Zumutungen widerstehen könnte.
So lesen wir von unberechtigten Vorwürfen, auf die mit unangemessenen Verteidigungsreden reagiert wird.