Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Johnson-Forschung befindet sich seit jeher in einem Dilemma: Kaum ein Schriftsteller muss so hart darum kämpfen, dass seine fiktionale Prosa nicht gleichsam durch die ihr immanente Faktizität erdrückt wird. Eifrige Indiziensucher spüren Orte und Namen in Mecklenburg auf, wandeln auf den Spuren der Protagonistin Gesine Cresspahl durch New York, recherchieren in den Archiven alte Ausgaben der
New York Times -- alles vor dem Hintergrund, Nachweisbares darzulegen. Hinzu kommt, dass dieser Ansatz von Johnson selbst in seinen Poetik-Vorlesungen thematisiert wird, habe er doch aus seinem Studium der deutschen Literatur "eine Vorliebe für das Konkrete, eine geradezu parteiische Aufmerksamkeit für das, was man vorzeigen, nachweisen, erzählen kann", mitgenommen. Vor diesem Hintergrund mag es kaum verwundern, dass sich die
gebundene Ausgabe von 1983 eines Adressbuches erfreut und der jüngst erschienene
Kommentar von Holger Helbig über 1.100 Seiten umfasst, die alles zu dokumentieren suchen. So wichtig diese Ansätze auch sein mögen, hier entsteht eine Gefahr, Johnson als Regionalschriftsteller (mit Augenmerk auf interkontinentale Beziehungen) zu missbrauchen.
Kaum gerecht wird man damit jedoch diesem Werk, das 365 Tage aus dem Leben der Gesine Cresspahl und ihrer Tochter Marie erzählt. Doch diese Aufzeichnungen vom 21. August 1967 bis zum 20. August 1968 brauchen mehr an Raum und Zeit: Es geht hier um deutsche Geschichte, um nazideutsche, westdeutsche, ostdeutsche und amerikanische Geschichte. Um zeitgeschichtliche Ereignisse, die ihrerseits in der New York Times berichtet werden -- also ohnehin schon vorgegeben sind. Doch hinter diesem Lauf der deutschen und der amerikanischen, der Weltgeschichte, verbergen sich Einzelschicksale, die das Personal des Romans darstellen. Es geht um die Interaktion dieser Subjekte mit dem Verlauf der Zeitgeschichte, deren Determiniertheit durch den sozialen Kontext, in dem sie sich befinden, dargelegt wird. Diese äußere Determination freilich kann nicht ohne Auswirkungen auf formale und strukturelle Merkmale dieses Romans bleiben: So liest man eine Art Berichterstattung, gleichsam eine Geschichtsschreibung, die sich der Auswertung von Dokumenten, von Quellen verpflichtet hat. Diese auktoriale Erzählsituation steht antithetisch zu der subjektorientierten, die die Romanpersonen kennzeichnet.
Hieraus ergibt sich etwas Bedeutendes: Genau wie die fiktiven Romanfiguren an die realen Gegebenheiten der Zeitgeschichte unausweichlich gebunden sind, ist auch der Erzähler dieser Situation (formal) ausgeliefert, er befindet sich in einer analogen Situation. Das verschafft der Lektüre einen doppelten Boden, der sich erhebt über eine Ebene der Prüfbarkeit von Faktizität. --Kristina Nenninger
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Gebundene Ausgabe
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Buch der 1000 Bücher
Copyright: Aus
Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Jahrestage
OA 197083 Form Roman Epoche Moderne
Der Roman Jahrestage mit dem Untertitel Aus dem Leben von Gesine Cresspahl ist eines der bedeutendsten epischen Unternehmen der Nachkriegszeit und stellt eine kollektive Erinnerungsleistung im Brennpunkt einer privaten Lebensgeschichte dar. Es ist das Hauptwerk des Autors.
Entstehung: Jahrestage knüpft mit seinen Themen und Personen an den Roman Mutmaßungen über Jakob an. 196369 experimentierte Johnson: Versuch, einen Vater zu finden und Heute Neunzig Jahr blieben Fragmente, die auf das Großprojekt hinführen. 1966 arbeitete Johnson für einen Schulbuchverlag in New York und sammelte dort Material; 196883 schrieb er an dem Roman. Bd. 1 und 2 umfassen je vier, Bd. 3 und 4 je zwei Monate. Nach dem Erscheinen von Bd. 13 (197073) war die Arbeit ins Stocken geraten; die zehnjährige Krise überstand Johnson durch die finanzielle Hilfe des Verlegers, so dass der vierte Band schließlich wider Erwarten der Öffentlichkeit abgeschlossen werden konnte.
Inhalt: Die aus Jerichow stammende Gesine Cresspahl, die 1953 aus der DDR in den Westen kam, fand zunächst in einer NATO-Dienststelle, dann bei einer Bank Arbeit. Sie lebte in Düsseldorf, wo sie ihre Tochter Marie bekam, deren Vater, der inzwischen tote Jakob Abs, in den Osten zurückgekehrt war. 1961 ist sie nach New York gegangen und lebt dort nun seit sechs Jahren. Die zehnjährige Marie, der Gesine »für wenn ich tot bin« auf Tonband spricht, erlebt New York als eigentliche Heimat, während Gesine weiter danach sucht.
Der erste Romanteil blickt zurück ins Jerichow der NS-Jahre, ebenso der zweite, um die Mutter zentrierte, der dritte widmet sich dem Vater in der Nachkriegszeit. Am Schluss steht die Gegenwart stärker im Vordergrund: 1968 bereitet sich Gesine auf eine Arbeitsphase in Prag vor, der einem wichtigen Kreditprojekt zwischen ihrer Bank und der CSSR gelten soll. Das Ende des Prager Frühlings wird dieses Projekt überflüssig machen, der Tod ihres langjährigen Freundes D. E. lässt auch das private Schicksal Gesines offen erscheinen.
Wie ihr Autor ist Gesine unsentimental, keineswegs rückwärtsgewandt. Zu Marie sagt sie: »Hier wird nicht gedichtet. Ich versuche dir etwas zu erzählen.« Auch stimmungsvolle Landschaftsschilderungen und heimatverbundene Sprache machen aus Jerichow kein Idyll. Humorvolle Skepsis vereitelt nicht den ernsten Grundton, dem auch Johnsons typischer, endlastiger Satzbau entspricht. Vor allem Dialoge und Reminiszenzen an lokale Traditionen enthalten viel Plattdeutsches. Das Ineinander von privatem Schicksal und politischer Realität wird rational reflektiert, im Hintergrund stets die Frage, ob ein demokratischer Sozialismus möglich sei. Die Figuren und der Roman suchen nach Wahrheit, die sich nur persönlich erfahren lässt. Daher die Konstruktion, die zugleich Subjektivität ermöglicht und Distanz garantiert.
Aufbau: Der Titel ist doppeldeutig: Jahrestage sind die Tage des Jahres vom 21. August 1967 bis zum 20. August 1968; es sind aber auch die Tage, an denen sich Ereignisse aus Gesines Vergangenheit jähren. Insofern ist das Buch ein Erinnerungsprojekt mit impliziten Ähnlichkeiten zu dem Werk von Marcel R Proust: Die »Katze Erinnerung« lässt sich nicht befehlen, sie ist »unabhängig, unbestechlich, ungehorsam«.
Das Gerüst einer tagebuchartigen Chronik liefern die einmontierten laufenden Artikel aus der New York Times. Ineinandergewoben sind der Alltag von Mutter und Tochter, das nur im Spiegel der Zeitung erfahrene Zeitgeschehen Vietnamkrieg und Rassenunruhen, die Morde an Robert Kennedy (192568) und Martin Luther King (192968) und die Vergangenheit der Familie. Trotz häufiger Perspektivwechsel steht das Bewusstsein Gesines im Zentrum, der Johnson metafiktional ein autonomes Leben zuschreibt. Johnson tritt selbst als Nebenfigur im Buch auf und führt sogar einen Dialog mit Gesine: »Wer erzählt hier eigentlich, Gesine. Wir beide. Das hörst du doch, Johnson.« Spätestens durch das Inventar von Rolf Michaelis (Kleines Adressbuch, 1983) sind auch die etwa 120 Personen des Romans zu überschauen.
Wirkung: Die ersten Bände trafen auf Skepsis, nicht zuletzt, weil Johnson den Leser nicht lenkt, weil sein Engagement sich zurückhält. Dem Vorwurf des »Autobiografischen« begegnete er mit dem Hinweis auf die »Wirklichkeit, die das Buch einer 34 Frau, ledig und mit einer zehnjährigen Tochter, einräumt in New York, mit nur ihr zukommenden Sorgen«.
Das Riesenwerk ist zum sperrigen Klassiker geworden, dessen fiktive und reale Orte von Lesern und Fernsehteams aufgesucht werden. Es wurde 1999/2000 von Margarethe von Trotta verfilmt. A. H.
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