So könnte man Lessings Spöttelei über Klopstock auch auf Uwe Johnsons 1700 Seiten starke "Jahrestage" anwenden. Ich jedenfalls habe auch den zweiten Versuch aufgegeben, das Buch ganz zu lesen, und bin über die Hälfte nicht hinaus gekommen. Warum?
Weil dies zwar ein respektables, aber kein fesselndes oder letztlich überzeugendes Buch für mich ist. Es ist respektabel, weil Uwe Johnson bereits zwischen 1968 und 1970 eine sehr kritische Haltung gegenüber dem Vietnamkrieg einnahm und einen ebenso achtenswerten Versuch einer kritischen Aufarbeitung der deutschen Nazi-Vergangenheit unternahm. Ebenso überzeugend ist seine verhaltene, skeptisch-freundliche Darstellung der zwischenmenschlichen Beziehungen.
Trotz dieser Sympathien: Ich denke, es genügt nicht, wenn man die Haltung oder Gesinnung eines Autors respektiert, man muss in erster Linie das Buch lesen wollen, weil es einen interessiert. Das Interesse erlahmt bei mir, weil Johnson das Material zu breit auswalzt, ja, geradezu zermahlt. Ein Buch muss natürlich nicht durch Handlung fesseln, aber muss der ganze Klüngel in Jerichow bis in die letzten Verästelungen dargestellt werden? Auch die ständig sich wiederholende Lektüre der New York Times mit den heute historischen Nachrichten von 1968 ist auf die Dauer ermüdend. Ebenso ist der Alltag der beiden nicht ausgesprochen interessant.
Dazu die Unwahrscheinlichkeit der Anlage: Ist es glaubwürdig, dass eine (pardon) normale 10Jährige ihre Mutter ständig über deren Vergangenheit interviewt, gemeinsam mit ihr recherchiert, gemeinsam die menschlichen und moralischen Implikationen der Verhaltensweisen der Akteure diskutiert? Hören wir hier nicht letzten Endes immer die Stimme des Autors, seine Fixiertheit auf die Themen, die im Übrigen 1970 aktueller als heute waren? Dazu passt, dass Gesines Ich-Perspektive immer wieder in die Er-Perspektive eines Sprechers - Uwe Johnsons - kippt. Deswegen gewinnen Marie und Gesine als Personen auch zu wenig Eigenleben, sie haben etwas Papierenes und Intellektuelles, sie sind in erster Linie Sprachrohre ihres Schöpfers. Und ist es nicht so, dass hier letzten Endes ein Groß-Autor jener Jahre so sehr mit sich und seinem Leben beschäftigt war, dass er es darüber vernachlässigte, sein Buch fasslicher zu strukturieren? Uwe Johnson schien zu glauben, dass alles, was ihm begegnete und beschäftigte, es wert war, zu Literatur zu werden. Wie sonst hätte er z.B. auf den Gedanken kommen können, das Auftreten seines Kollegen H.M.Enzensberger in den USA in diesem Roman über mehrere Seiten hinweg abzukanzeln?
Ich bin nicht sicher, dass ich einen dritten Versuch unternehmen werde.