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Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl: Band 4: BD 4 (edition suhrkamp)
 
 
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Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl: Band 4: BD 4 (edition suhrkamp) [Taschenbuch]

Uwe Johnson
4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (14 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 512 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 6 (22. März 1993)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518118250
  • ISBN-13: 978-3518118252
  • Größe und/oder Gewicht: 17,7 x 11,1 x 2,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (14 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 630.428 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Uwe Johnson
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Die Johnson-Forschung befindet sich seit jeher in einem Dilemma: Kaum ein Schriftsteller muss so hart darum kämpfen, dass seine fiktionale Prosa nicht gleichsam durch die ihr immanente Faktizität erdrückt wird. Eifrige Indiziensucher spüren Orte und Namen in Mecklenburg auf, wandeln auf den Spuren der Protagonistin Gesine Cresspahl durch New York, recherchieren in den Archiven alte Ausgaben der New York Times -- alles vor dem Hintergrund, Nachweisbares darzulegen. Hinzu kommt, dass dieser Ansatz von Johnson selbst in seinen Poetik-Vorlesungen thematisiert wird, habe er doch aus seinem Studium der deutschen Literatur "eine Vorliebe für das Konkrete, eine geradezu parteiische Aufmerksamkeit für das, was man vorzeigen, nachweisen, erzählen kann", mitgenommen. Vor diesem Hintergrund mag es kaum verwundern, dass sich die gebundene Ausgabe von 1983 eines Adressbuches erfreut und der jüngst erschienene Kommentar von Holger Helbig über 1.100 Seiten umfasst, die alles zu dokumentieren suchen. So wichtig diese Ansätze auch sein mögen, hier entsteht eine Gefahr, Johnson als Regionalschriftsteller (mit Augenmerk auf interkontinentale Beziehungen) zu missbrauchen.

Kaum gerecht wird man damit jedoch diesem Werk, das 365 Tage aus dem Leben der Gesine Cresspahl und ihrer Tochter Marie erzählt. Doch diese Aufzeichnungen vom 21. August 1967 bis zum 20. August 1968 brauchen mehr an Raum und Zeit: Es geht hier um deutsche Geschichte, um nazideutsche, westdeutsche, ostdeutsche und amerikanische Geschichte. Um zeitgeschichtliche Ereignisse, die ihrerseits in der New York Times berichtet werden -- also ohnehin schon vorgegeben sind. Doch hinter diesem Lauf der deutschen und der amerikanischen, der Weltgeschichte, verbergen sich Einzelschicksale, die das Personal des Romans darstellen. Es geht um die Interaktion dieser Subjekte mit dem Verlauf der Zeitgeschichte, deren Determiniertheit durch den sozialen Kontext, in dem sie sich befinden, dargelegt wird. Diese äußere Determination freilich kann nicht ohne Auswirkungen auf formale und strukturelle Merkmale dieses Romans bleiben: So liest man eine Art Berichterstattung, gleichsam eine Geschichtsschreibung, die sich der Auswertung von Dokumenten, von Quellen verpflichtet hat. Diese auktoriale Erzählsituation steht antithetisch zu der subjektorientierten, die die Romanpersonen kennzeichnet.

Hieraus ergibt sich etwas Bedeutendes: Genau wie die fiktiven Romanfiguren an die realen Gegebenheiten der Zeitgeschichte unausweichlich gebunden sind, ist auch der Erzähler dieser Situation (formal) ausgeliefert, er befindet sich in einer analogen Situation. Das verschafft der Lektüre einen doppelten Boden, der sich erhebt über eine Ebene der Prüfbarkeit von Faktizität. --Kristina Nenninger -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Buch der 1000 Bücher

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)

Jahrestage
OA 1970–83 Form Roman Epoche Moderne
Der Roman Jahrestage mit dem Untertitel Aus dem Leben von Gesine Cresspahl ist eines der bedeutendsten epischen Unternehmen der Nachkriegszeit und stellt eine kollektive Erinnerungsleistung im Brennpunkt einer privaten Lebensgeschichte dar. Es ist das Hauptwerk des Autors.
Entstehung: Jahrestage knüpft mit seinen Themen und Personen an den Roman Mutmaßungen über Jakob an. 1963–69 experimentierte Johnson: Versuch, einen Vater zu finden und Heute Neunzig Jahr blieben Fragmente, die auf das Großprojekt hinführen. 1966 arbeitete Johnson für einen Schulbuchverlag in New York und sammelte dort Material; 1968–83 schrieb er an dem Roman. Bd. 1 und 2 umfassen je vier, Bd. 3 und 4 je zwei Monate. Nach dem Erscheinen von Bd. 1–3 (1970–73) war die Arbeit ins Stocken geraten; die zehnjährige Krise überstand Johnson durch die finanzielle Hilfe des Verlegers, so dass der vierte Band schließlich wider Erwarten der Öffentlichkeit abgeschlossen werden konnte.
Inhalt: Die aus Jerichow stammende Gesine Cresspahl, die 1953 aus der DDR in den Westen kam, fand zunächst in einer NATO-Dienststelle, dann bei einer Bank Arbeit. Sie lebte in Düsseldorf, wo sie ihre Tochter Marie bekam, deren Vater, der inzwischen tote Jakob Abs, in den Osten zurückgekehrt war. 1961 ist sie nach New York gegangen und lebt dort nun seit sechs Jahren. Die zehnjährige Marie, der Gesine »für wenn ich tot bin« auf Tonband spricht, erlebt New York als eigentliche Heimat, während Gesine weiter danach sucht.
Der erste Romanteil blickt zurück ins Jerichow der NS-Jahre, ebenso der zweite, um die Mutter zentrierte, der dritte widmet sich dem Vater in der Nachkriegszeit. Am Schluss steht die Gegenwart stärker im Vordergrund: 1968 bereitet sich Gesine auf eine Arbeitsphase in Prag vor, der einem wichtigen Kreditprojekt zwischen ihrer Bank und der CŠSSR gelten soll. Das Ende des Prager Frühlings wird dieses Projekt überflüssig machen, der Tod ihres langjährigen Freundes D. E. lässt auch das private Schicksal Gesines offen erscheinen.
Wie ihr Autor ist Gesine unsentimental, keineswegs rückwärtsgewandt. Zu Marie sagt sie: »Hier wird nicht gedichtet. Ich versuche dir etwas zu erzählen.« Auch stimmungsvolle Landschaftsschilderungen und heimatverbundene Sprache machen aus Jerichow kein Idyll. Humorvolle Skepsis vereitelt nicht den ernsten Grundton, dem auch Johnsons typischer, endlastiger Satzbau entspricht. Vor allem Dialoge und Reminiszenzen an lokale Traditionen enthalten viel Plattdeutsches. Das Ineinander von privatem Schicksal und politischer Realität wird rational reflektiert, im Hintergrund stets die Frage, ob ein demokratischer Sozialismus möglich sei. Die Figuren und der Roman suchen nach Wahrheit, die sich nur persönlich erfahren lässt. Daher die Konstruktion, die zugleich Subjektivität ermöglicht und Distanz garantiert.
Aufbau: Der Titel ist doppeldeutig: Jahrestage sind die Tage des Jahres vom 21. August 1967 bis zum 20. August 1968; es sind aber auch die Tage, an denen sich Ereignisse aus Gesines Vergangenheit jähren. Insofern ist das Buch ein Erinnerungsprojekt mit impliziten Ähnlichkeiten zu dem Werk von Marcel R Proust: Die »Katze Erinnerung« lässt sich nicht befehlen, sie ist »unabhängig, unbestechlich, ungehorsam«.
Das Gerüst einer tagebuchartigen Chronik liefern die einmontierten laufenden Artikel aus der New York Times. Ineinandergewoben sind der Alltag von Mutter und Tochter, das nur im Spiegel der Zeitung erfahrene Zeitgeschehen – Vietnamkrieg und Rassenunruhen, die Morde an Robert Kennedy (1925–68) und Martin Luther King (1929–68) – und die Vergangenheit der Familie. Trotz häufiger Perspektivwechsel steht das Bewusstsein Gesines im Zentrum, der Johnson metafiktional ein autonomes Leben zuschreibt. Johnson tritt selbst als Nebenfigur im Buch auf und führt sogar einen Dialog mit Gesine: »Wer erzählt hier eigentlich, Gesine. Wir beide. Das hörst du doch, Johnson.« Spätestens durch das Inventar von Rolf Michaelis (Kleines Adressbuch, 1983) sind auch die etwa 120 Personen des Romans zu überschauen.
Wirkung: Die ersten Bände trafen auf Skepsis, nicht zuletzt, weil Johnson den Leser nicht lenkt, weil sein Engagement sich zurückhält. Dem Vorwurf des »Autobiografischen« begegnete er mit dem Hinweis auf die »Wirklichkeit, die das Buch einer 34 Frau, ledig und mit einer zehnjährigen Tochter, einräumt in New York, mit nur ihr zukommenden Sorgen«.
Das Riesenwerk ist zum sperrigen Klassiker geworden, dessen fiktive und reale Orte von Lesern und Fernsehteams aufgesucht werden. Es wurde 1999/2000 von Margarethe von Trotta verfilmt. A. H. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
49 von 50 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von lyrx
Format:Gebundene Ausgabe
Johnson hat für den Roman 15 Jahre gebraucht, wobei eine zehnjährige Schreibblockade mit einberechnet ist. Auch das Lesen des Buchs ist ein Ausdauerleistung. Ich möchte an dieser Stelle die ermutigen, die zwar bereit sind, Zeit zu investieren, aber noch zweifeln, ob sich die Mühe lohnt. Sie lohnt sich!

Johnson verfugt übergangslos zwei Zeitebenen ineinander: Das New York von 1968 und das Mecklenburg-Vorpommern der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Die Übergänge sind nahtlos, sie erfolgen abrupt von einem Absatz zum nächsten. Nur aus dem Kontext ist zu erkennen, auf welcher Zeitebene man sich gerade befindet. Da dieses Prinzip aber konsequent und sauber durchgehalten wird, ist die zeitliche Orientierung das geringste Lesehemmnis.

Ein größere Barriere stellt die Detailfülle dar, und die damit einhergehende Handlungsarmut, besonders auf der New Yorker Zeitebene, wo es nichts weiteres zu berichten gibt, als den Alltag der Angestellten Gesine Cresspahl und ihrer zehnjährigen Tochter.

Dies ist kein Spannungsroman, sondern eine Gesellschaftsstudie. Erst wenn man mit dieser Erwartungshaltung an das Buch herantritt, wird man ihm gerecht. Wir lesen hier eine literarisches Modell aller wichtigen Staatsformen des zwanzigstens Jahrhunderts: Faschismus, Kommunismus und Kapitalismus. Dieser gesellschaftpolitische Hintergrund nimmt einen weitaus breiteren Raum ein, als die Geschichte selbst. Die Geschichte, das sind Kindheit und Jugend der Gesine Cresspahl im mecklenburgischen Kleinstädtchen Jerichow. Das ist darüber hinaus die Cresspahlsche Familiengeschichte und viele weitere Einzelschicksale.

Ein Unzahl von Biographien wird geschildert. Ihr Verlauf wird vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg, bis in die Erzählergegenwart der 68-er hinein ausgebreitet. Johnson schafft das, was große Epen ausmacht: Er spannt den Bogen über eine ganze Epoche, entwirft das Gesamtbild einer und legt einen geschlossenen erzählerischen Rahmen um die Einzelschicksale aller seiner Figuren. In dieser Hinsicht ist dieser Roman gelungen. Er bricht nicht auseinander, scheitert nicht an seinem großen Umfang, enthält keine Stilbrüche, keine (jedenfalls keine mir erkenntlichen) Inkonsequenzen oder Schwankungen.

Das erzählerische Konzept ist komplex, aber exakt definiert und wird konsequent durchgehalten: 365 Einträge, einer für jeden Tag vom 19. August 1967 bis zum 20. August 1968. Der Autor grenzt sein Format explizit ab gegen die Tagebuchform. Die einzelnen Abschnitte sind ihrem Wesen nach nicht Tagebucheinträge, sondern gehen darüber hinaus. Zwar beziehen sie sich auf den Kalendertag und zitieren oft aus der Tagespresse, enthalten aber auch stets Rückblicke in die Vergangenheit. Es sind "Einträge für den täglichen Tag", oder eben "Jahrestage".

Die Erzählperspektive ist nicht einfach diejenige Gesine Cresspahls, sondern es spricht die Erinnerungsstimme Gesines durch die Feder eines mit ihr befreundeten Autors, der nicht näher benannt und beschrieben wird. Gesine hat mit diesem Schriftsteller, der wohl Johnson heißen könnte, ein Abkommen getroffen: Er soll ihr Leben innerhalb eines Jahres in dieser Form zu Papier bringen.

Die Rückblicke in Gesines Kindheit erhalten ihren Rahmen dadurch, dass Gesine im Verlaufe des Jahres ihre gesamte Kindheit der Tochter Marie berichtet. Der Autor Johnson zeichnet diese Berichte auf. Wir haben also eine Dreieckssituation: Gesines Tochter ist die Zuhörerin. Gesine selbst ist die Sprecherin. Der Autor agiert als Protokollant im Auftrag und nach der Vorstellung Gesine Cresspahl. Er ist lediglich das ausführende Organ für die sprachliche Manifestation des Ganzen.

Warum kompliziert Johnson die Erzählperspektive, indem er einen auktorialen Erzähler hinzufügt? Warum beschränkt er sich nicht völlig auf die Perspektive Gesines, wo doch einzig ihr Erinnerungsmaterial und ihre Gegenwart Gegenstand sind? Der Text wirkt dadurch objektiver, glaubwürdiger! Johnson hat den Anspruch, eine Gesamtschau mehrerer Gesellschaftsformen abzuliefern. Das erfordert erzählerische Authorität. Diese Authorität würde leiden, spräche lediglich die kleine Angestelle Gesine Cresspahl über weltpolitische Ereignisse. Kurz: Der Erzähler im Hintergrund bewirkt eine Distanzierung von und eine Objektivierung der Protagonistin.

Genauso übergangslos wie zwischen den Zeitebenen wechselt der Text von der Ich-Form in die dritte Person, je nachdem ob das Subjekt Gesine Cresspahl oder der imaginäre Schriftsteller das Wort führt.

Damit wird das über mehrere Zeitebenen reichende gesellschaftliches Panorama erlebbar und fühlbar, ohne zur trockenen Sozialstudie zu verkommen. Gesine Cresspahls Erinnerung ist das emotionale Fluidum, welches dem Text das Leben einhaucht. Ohne sie hätten wir es mit einem trockenen Konvolut aus Einzelepisoden zu tun, dem der dichterischen Fluß fehlen würde.

Es gibt noch weitere solcher verbindender Elemente. Zu Beispiel ist Gesine Cresspahl akribische Leserin der Tageszeitung "New York Times.". Dort findet sie die tagesaktuellen Nachrichten, die ihr Anlass geben, über ihre Gegenwart zu reflektieren. Von dort schlägt sie den Bogen zu ihrer Vergangenheit, und weil wir durch die raffinierte Erzählweise an ihrer Erinnerung teilnehmen, nimmt sie den Leser mit auf eine Zeitreise und schlägt ihn in ihren Bann.

Johnsons Recherchen müssen akribisch gewesen sein. Das spiegelt sich in der Detailgenauigkeit wieder, mit der die gesellschaftlichen Verhältnisse in Gesines Heimatort Jerichow geschildert werden, und zar bis hinein in die lokalpolitischen Hahnenkämpfe. Wenn man sich darauf einlässt und die nötige Geduld und Ausdauer mitbringt, dann wird das Lesen irgendwann (nach ein paar hundert Seiten) zu einem berauschenden Erlebnis. Wer durchhält, dem wird klar: Hier hat einer Wirklichkeit in Sprache gefasst. Das Ganze ist so vielfältig, dass es in ein paar feuilletonistischen Absätzen nicht vollständig erfasst werden kann.
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Diethelm Thom VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Taschenbuch
So könnte man Lessings Spöttelei über Klopstock auch auf Uwe Johnsons 1700 Seiten starke "Jahrestage" anwenden. Ich jedenfalls habe auch den zweiten Versuch aufgegeben, das Buch ganz zu lesen, und bin über die Hälfte nicht hinaus gekommen. Warum?

Weil dies zwar ein respektables, aber kein fesselndes oder letztlich überzeugendes Buch für mich ist. Es ist respektabel, weil Uwe Johnson bereits zwischen 1968 und 1970 eine sehr kritische Haltung gegenüber dem Vietnamkrieg einnahm und einen ebenso achtenswerten Versuch einer kritischen Aufarbeitung der deutschen Nazi-Vergangenheit unternahm. Ebenso überzeugend ist seine verhaltene, skeptisch-freundliche Darstellung der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Trotz dieser Sympathien: Ich denke, es genügt nicht, wenn man die Haltung oder Gesinnung eines Autors respektiert, man muss in erster Linie das Buch lesen wollen, weil es einen interessiert. Das Interesse erlahmt bei mir, weil Johnson das Material zu breit auswalzt, ja, geradezu zermahlt. Ein Buch muss natürlich nicht durch Handlung fesseln, aber muss der ganze Klüngel in Jerichow bis in die letzten Verästelungen dargestellt werden? Auch die ständig sich wiederholende Lektüre der New York Times mit den heute historischen Nachrichten von 1968 ist auf die Dauer ermüdend. Ebenso ist der Alltag der beiden nicht ausgesprochen interessant.

Dazu die Unwahrscheinlichkeit der Anlage: Ist es glaubwürdig, dass eine (pardon) normale 10Jährige ihre Mutter ständig über deren Vergangenheit interviewt, gemeinsam mit ihr recherchiert, gemeinsam die menschlichen und moralischen Implikationen der Verhaltensweisen der Akteure diskutiert? Hören wir hier nicht letzten Endes immer die Stimme des Autors, seine Fixiertheit auf die Themen, die im Übrigen 1970 aktueller als heute waren? Dazu passt, dass Gesines Ich-Perspektive immer wieder in die Er-Perspektive eines Sprechers - Uwe Johnsons - kippt. Deswegen gewinnen Marie und Gesine als Personen auch zu wenig Eigenleben, sie haben etwas Papierenes und Intellektuelles, sie sind in erster Linie Sprachrohre ihres Schöpfers. Und ist es nicht so, dass hier letzten Endes ein Groß-Autor jener Jahre so sehr mit sich und seinem Leben beschäftigt war, dass er es darüber vernachlässigte, sein Buch fasslicher zu strukturieren? Uwe Johnson schien zu glauben, dass alles, was ihm begegnete und beschäftigte, es wert war, zu Literatur zu werden. Wie sonst hätte er z.B. auf den Gedanken kommen können, das Auftreten seines Kollegen H.M.Enzensberger in den USA in diesem Roman über mehrere Seiten hinweg abzukanzeln?

Ich bin nicht sicher, dass ich einen dritten Versuch unternehmen werde.
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20 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Ich bin begeistert von diesem Buch. Auch wenn ich nicht so recht entscheiden könnte ob es zum Beispiel ein "Antikriegsroman" ist (meiner Meinung nach eher nicht) oder eher "Der deutsche Jahrhundertroman". Es ist auf jeden Fall ein echtes Epos, aber gerade darin liegt auch sein Problem. Der Roman, der auf 1700 Seiten das Denken eines ganzen Lebens von mindestens Gesine und ihrem Vater beinhaltet, ist einfach elend schwer zu lesen. Ich habe es ein paar Mal versucht. Ganz egal ob man mit "Mutmaßungen über Jakob beginnt" die quasi die Vorgeschichte liefern oder ob man den Einstieg gleich versucht. Die Geschichte springt ständig zwischen verschiedenen Zeitebenen (Vorkriegszeit in Mecklenburg, Nachkriegszeit in Düsseldorf, 60er Jahr in New York) und verschiedenen Erzählern (Cresspahl, Gesine, Jakob, Marie) hin und her, teilweise mitten im Absatz. Es gab im Dezember 2001 im Fernsehen eine vierteilige Verfilmung dieses Romans im Fersehen (3sat). Für einen "normalen" Leser ist es meiner Meinung nach absolut notwendig sich erst den Film anzusehen. Ansonsten hat man nach sehr anstrengenden ersten 50 Seiten (50 von 1700!) völlig den Faden verloren. Mit dieser Vorbildung macht es dann aber wirklich Spaß das Buch zu lesen. Die ersten Versuche glichen eher dem Durcharbeiten eines sehr schwer verständlichen Textes.
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Mecklenburg-New York und nicht zurück
Wer sagen will, dass in seinem Literaturleben Besseres als Grass eine einschneidende Wirkung hinterlassen muß, sollte dieses wunderbar-wertvolle Buch in die Hand nehmen und... Lesen Sie weiter...
Vor 12 Monaten von Hans Praefke veröffentlicht
miserabel erzähltes Stückwerk
Ich gebe zu, dass ich Uwe Johnson bisher nur von einer Kurzgeschichte her kannte, die mich eigentlich positiv beeindruckte. Lesen Sie weiter...
Vor 22 Monaten von helmut seeger veröffentlicht
Nachbeben
Als die Jahrestage in vier Bänden nacheinander erschienen, war man sich der Kraftanstrengung dieses Autors kaum bewußt, man war vielmehr fasziniert davon, wie er die... Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 24. Juni 2007 von Polar
Ein Lektüre-Kraftakt, aber absolut lohnenswert!
Der ahnungslose Leser steht vor Johnsons "Jahrestagen" wie der Ochs vorm Berg: Schier unüberwindbar erscheint dieser Wälzer von gut 1700 Seiten über die unnahbare... Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 23. Mai 2007 von Rolf Dobelli
Anstrengend und sehr lohnend
Um es vorweg zu sagen: dieses Buch hat seine Längen und es ist nicht selten nötig, einen starken Willen zum Weiterlesen aufzubringen. Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 4. Januar 2006 von "troepsin"
Familie Cresspahl kam zu kurz
Ich bin froh, daß ich vor dem Buch den 4-Teiler, den Margarethe von Trotta in Szene setzte, gesehen habe. Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 9. Januar 2003 von Gabriele Heer
Antikriegsroman
Obwohl erst 1/10 des Romans bewältigt ist, komme ich nicht umhin, um in einer ersten Rezension meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Lesen Sie weiter...
Am 18. Mai 2001 veröffentlicht
Ein deutscher Roman
Dieses Buch ist ein Meisterwerk. Es ragt über alles hinaus, was nach 1945 an Prosa in deutscher Sprache geschrieben worden ist. Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 27. März 2001 von krzom000@mail.uni-mainz.de
Rückblick
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Am 15. März 2001 veröffentlicht
Wohin ich eigentlich gehöre...
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Am 29. Oktober 2000 veröffentlicht
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