Das Standardwerk zum Jahresabschluss und zur Jahresabschlussanalyse mit über 1.300 Seiten versteht sich in erster Linie als Lehrbuch, in zweiter aber auch als Nachschlagewerk für Praktiker. Von den drei Hauptteilen nimmt der erste (Erstellung des Jahresabschluss) mit ca. 1.000 Seiten den weitaus Platz ein, der Jahresabschluss-Analyse, werden dagegen lediglich ca. 200 Seiten gewidmet. Der dritte, welcher die wissenschaftlichen Theorien zum Thema behandelt, wirkt wie ein 100 seitiges Supplement für Interessierte.
Zum ersten Teil: Nach zwei einführenden Kapiteln zu den Grundlagen des Jahresabschlusses und Basiselementen der Bilanzierung werden die einzelnen Bereiche der Bilanzierung (Sachanlagen/immaterielle Vermögen, Vorratsvermögen, Finanzinstrumente, Eigenkapital, Fremdkapital, übrige Positionen) systematisch durchgearbeitet. Einer grundlegenden Erläuterung der Problemstellung folgt jeweils eine detaillierte Erläuterung der Vorgehensweise bei der Bilanzerstellung. Dabei werden zuerst die Anforderungen nach HGB und dann die Unterschiede nach den internationalen Standards IFRS und (soweit vorhanden) US-GAAB erläutert. Nach diesen ca. 500 Seiten verfügt man über solides Basiswissen. Die weiteren Kapitel beschäftigen sich über 350 Seiten mit der Gesamtergebnisrechnung, dem Konzernabschluss und der wichtigen Kapitalflussrechnung. Wer sich bis dahin durchgearbeitet hat, verfügt über ein sehr solides Wissen in dem Bereich. Die Anforderungen an den Lagebericht, der erforderlichen Kapitalmarktberichterstattung, Publizitätserfordernisse und eine kurze Kommentierung von Möglichkeiten in der Bilanzpolitik runden Teil 1 ab.
Der 2. Teil - die Analyse des Jahresabschlusses - ist ähnlich aufgebaut: beginnend mit Grundlagen wird die Finanzwirtschaftliche (basierend auf der Bilanz) und die erfolgswirtschaftliche Bilanzanalyse (auf Basis GuV) vorgestellt. Die kurz gefasste strategische Bilanzanalyse rundet diesen Teil. Das Kapitel zeigt die Möglichkeiten und Grenzen für den unternehmensexternen Analytiker auf, beschreibt die wichtigsten Kennzahlen und gibt einige kurze Beispiele zu Interpretationsmöglichkeiten.
Der 3. Teil zeichnet die Entwicklung der Bilanztheorie nach und skizziert die grundlegenden Themen Problemstellungen.
Der Schwerpunkt des Buches - die Erstellung der Bilanz - ist gleichzeitig auch seine Stärke: der Überblick ist wirklich umfassend, detailliert aber auch eingängig und logisch erläutert. Seine Konzeption als Nachschlagewerk bedingt Wiederholungen, die aber dem Lernenden eher willkommen erscheinen und das Wissen vertiefen. Schaubilder, Tabellen und Beispiele ergänzen-, erläutern und vertiefen den Textteil. Dennoch hat es für den Lernenden auf Grund der (für den Nachschlagenden) sehr ins Detail gehenden Darstellungen Mängel, da hier der Detaillierungsgrad zu groß scheint und es schwer ist, das wichtige von den Nebenaspekten zu trennen. Damit ergeben sich notgedrungen Mängel. Dies hätte z.B. auch durch einen Haupt-Text-Teil mit ergänzenden Anhängen in den Kapiteln gelöst werden können.
Der zweite Teil bleibt vergleichsweise unbefriedigend: Zwar werden die Problemstellungen, die sich für den Analytikerergeben, gut herausgearbeitet, viele Kennzahlen dargestellt, doch fehlt teilweise der systematische Überblick. Auch wären in diesem Teil mehr erläuternde Beispiele hilfreich. So tief der erste Teil geht, so sehr bleibt der zweite an der Oberfläche. Der didaktische Gehalt ist gering, Interpretationshilfen werden spärlich geboten. Für jenen, der sich vor allem mit Bilanzerstellung beschäftigt mag dies in Ordnung sein, für jenen, der auf Basis solider Kenntnisse der Bilanzerstellung an der Analyse interessiert ist, wird hier nicht ganz fündig werden. Damit wird das Buch letztendlich auch seinem Titel nicht gerecht.
Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen und mein Verständnis sehr erweitert und vertieft. Da ich aber eher zur letztgenannten Gruppe gehöre - die an der Analyse interessierten - kann das Buch trotz der gut 1.300 Seiten nur ein Ausgangspunkt sein. Daher nur 4 Punkte.